Im JOBSTARTER-Projekt "Passing lanes" der Universität Rostock wurde eine Potenzialanalyse für den Bereich Hochtechnologie im mittleren Mecklenburg-Vorpommern erstellt.
Das Projekt legt der Analyse die folgende Definition von Hochtechnologie zugrunde: Wissenschafts- und Technikbereiche in Forschung, Entwicklung und Produktion mit entscheidender Bedeutung für die Zukunft der Industriegesellschaften, zu denen die Bereiche Biotechnologie, Mikroelektronik, Informatik, Computertechnologie und Optronik zählen.
Bei der Hochtechnologie handelt es sich um eine Branche, die bisher kaum selber Fachkräfte ausbildet. Im Rahmen der Studie sollte zunächst erfasst werden, welche Unternehmen der Branche in Mecklenburg-Vorpommern zuzuordnen sind, um in einem zweiten Schritt den Nachwuchskräftebedarf zu ermitteln und zu konkretisieren. Besonderes Augenmerk war auf die Ermittlung der Faktoren gerichtet, die das Ausbildungsverhalten der zur Branche gehörenden Unternehmen entscheidend bestimmen.
In der Sekundäranalyse wird die wirtschaftliche Ausrichtung der Region charakterisiert und die Situation der Branche Hochtechnologie darin verortet. Demografische Aspekte werden ebenso berücksichtigt wie die Ausbildungssituation in Zahlen.
Konkret finden die folgenden Daten Verwendung: BIP, Flächennutzung in Mecklenburg-Vorpommern, Bruttowertschöpfung des Landes, Erwerbstätige in Branchen,
Personal-Kapazitäten des Landes in Forschung und Entwicklung, Technologie-Förderung in MV, Europäischer Innovationsindex/ Dynamikindex, Branchenübersicht , Einwohnerdichte, Bevölkerungsprognose, Industrielle Dichte, Binnenwanderungssaldo, Hochtechnologie-Branchen in der Region, Ausbildungsbereiche in MV.
Hierzu wurden Daten vielfältiger Quellen herangezogen, wie z.B. der Prognos AG, des Arbeitskreises VGR der Länder, der Landesregierung MV, des Statistischen Amts MV, der gemeinsamen Verwaltungsbehörde für die Intervention der europäischen Strukturfonds Mecklenburg-Vorpommern, der Europäischen Kommission - Europäischer Innovationsanzeiger, der Industrie- und Handelskammern, brancheninterner Netzwerke und des Rostocker Zentrums für demografischen Wandel.
Im Anschluss an die Recherche von Kontaktdaten relevanter Unternehmen wurde der Fragebogen online an 156 Unternehmen versandt. 127 dieser Unternehmen konnten erreicht werden, 52 beteiligten sich an der Befragung. Neben betrieblichen Rahmendaten wurden die Unternehmen vor allem zu ihren Personalentwicklungsstrategien befragt. Anschließend fanden leitfadengestützte Experteninterviews mit interessierten Unternehmen statt. Schwerpunktthemen waren die aktuelle und prognostizierten Ausbildungssituation und ausbildungsfördernden und -hemmenden Faktoren der Branche.
Weniger als 20 Prozent der Unternehmen bilden selber aus, jedoch gibt die Hälfte Fachkräftebedarf an. Jüngere Unternehmen bilden deutlich seltener aus, obwohl sie einen höheren Fachkräftebedarf angeben.
Kleine und mittelgroße Unternehmen bilden ebenfalls seltener aus. Sie geben einen höheren Bedarf an Hoch- und Fachhochschulabsolventen an.
Die Unternehmen haben bisher keine Probleme ihre Stellen zu besetzen.
Geringste Ausbildungserfahrung haben KMU mit geringem Betriebsalter, diese geben zugleich den höchsten Fachkräftebedarf für die nähere Zukunft an. Von einem Fünftel dieser Gruppe wird Ausbildung bereits perspektivisch eingeplant.
Insgesamt zeichnet sich ein großes Informationsdefizit zum Thema Ausbildung - beispielsweise zu möglicherweise relevanten Berufsbildern und deren Inhalten - ab. Dies betrifft auch die bereits ausbildenden Unternehmen und diejenigen, die dem Thema Ausbildung gegenüber aufgeschlossen sind. Ein Informationsdefizit besteht auch zu den Möglichkeiten der Verbundausbildung, die zur Zeit in der Branche kaum genutzt werden.
Aus den Aussagen der Befragten lässt sich schließen, dass Facharbeit in der Branche eine wichtige Rolle spielt, der Bedarf bisher jedoch nicht über Ausbildung gedeckt wird, sondern z.B. mit Quereinsteigern, Praktikanten und Studienabbrechern.
Dies liegt vor allem daran, dass die Durchführung von Ausbildung in der Branche mehrheitlich als problembelastet angesehen wird. Als hemmende Faktoren werden beispielsweise ein zu hoher zeitlicher Aufwand, nicht aktuelles Wissen, das in den Berufsschulen vermittelt wird, das Niveau der Schulabgänger (v.a. der sozialen Kompetenzen und der schulischen Leistungen) und eine zu hohe Spezialisierung der Unternehmen genannt.
Insgesamt ist der Bezug zur Facharbeiterausbildung in den Unternehmen der HT-Branche gering.
Die Ergebnisse der Studie sprechen dafür, dass eine kurzfristige umfassendere Einführung von Ausbildung in der Hochtechnologie in Mecklenburg-Vorpommern eher nicht zu erwarten ist. Vielmehr bedarf die Erhöhung der Ausbildungsbereitschaft in dieser Branche langfristig angelegter kontinuierlicher Anstrengungen und grundlegender Schritte.
Zu diesen Schritten gehört zunächst, die Unternehmen frühzeitig und aktiv in den schulischen Bildungsprozess einbeziehen. Zugleich muss auf dem Weg der Netzwerkbildung eine gezielte Ansprache und Aufklärung der Unternehmen über Bedingungen und Vorteile der Ausbildung erfolgen. Ausbildung in der Branche bedarf umfangreicher Kooperation auf verschiedenen Ebenen, unterstützt durch ein Netzwerk, um den Qualifikationsanforderungen, die sich in den innovativen Technologiefeldern ergeben, gerecht zu werden und den Unternehmen eine Perspektive aufzuzeigen, wie ihr spezieller Fachkräftebedarf über den Weg der Ausbildung gedeckt werden kann.
Um den besonderen Anforderungen gerecht zu werden, wird ein neues Ausbildungsmodell vorgeschlagen, das sich am Modell der Modularisierung der Ausbildung der DIHK orientiert. In diesem Modell ist die Unterteilung der Ausbildung in eine Grundausbildung und eine aufbauende, stark praktisch orientierte Phase vorgesehen. In der Grundausbildung sollen durch eine Kombination von überbetrieblicher Ausbildung und berufsschulischem Teil grundlegende Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen vermittelt werden, während im zweiten aufbauenden Teil größere zeitliche Anteile von betrieblicher Ausbildung neben dem Absolvieren der Berufsschule vorgesehen sind. Als Vorteile für die Unternehmen werden benannt: Reduzierung der Ausbildungszeit, Kostenersparnis, Vermeiden von Fehlinvestitionen durch Reduzierung von Ausbildungsabbrüchen.
Als weiteres alternatives Ausbildungsmodell für die Branche wird die Verknüpfung der praxisorientierten Berufsausbildung mit einem Universitätsstudium vorgeschlagen und auf einen vorliegenden Entwurf eines komplementären Studiums verwiesen, bei dem Abschlüsse an der Universität Rostock und bei der IHK Rostock erworben werden. Insgesamt wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Hochschule, Unternehmen, Berufsschule und überbetrieblichen Bildungseinrichtungen als wichtig erachtet, um die Branche Hochtechnologie langfristig für das Thema Ausbildung aufschließen zu können.
[PDF - 1,49 MB]
(URL: http://www.jobstarter.de/_media/Abschlussbericht_Potenzialanalyse_mit_Leitfaden_JO-01-041.pdf)