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Projektbeispiel zum Thema "Potenzialanalysen" (Auszug aus der Broschüre "JOBSTARTER - Regionale Impulse für Ausbildung")
Zugegeben: Der Beruf des Steuerfachangestellten klingt für Jugendliche nicht ganz so aufregend wie beispielsweise Filmstar oder Astronaut. Schnell schießen negativ besetzte Reizwörter wie "Rechenschieber" oder "Buchhaltung" durch den Kopf. Allerdings genießen Steuerfachangestellte in der Praxis den Vorzug, dass jeder geeignete Lehrstellenbewerber mit Kusshand genommen wird - jedenfalls in Bremen. "Steuerberater sind heilfroh, wenn wir ihnen Kandidaten liefern", sagt Rolf Behrens vom Bildungszentrum der Wirtschaft im Unterwesergebiet (BWU), bei dem das JOBSTARTER-Projekt Zentraler AusbildungsService (ZAS) Plus angesiedelt ist. Das Problem ist: "Der Beruf muss attraktiver dargestellt werden."
Die genauen Kenntnisse des Ausbildungsmarkts verdankt ZAS Plus einer Studie des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) an der Universität Bremen. Um seiner Arbeit eine wissenschaftliche Grundlage zu liefern, beauftragte das JOBSTARTER-Projekt zwei Forscherinnen, Teilsegmente des Bremer Ausbildungsmarkts unter die Lupe zu nehmen: die bislang wenig erforschten Freiberufler und den Gartenbau.
Die Befunde bestärkten die "Jobstarter" vom BWU in der Annahme, dass bei den Kleinbetrieben der freien Berufe wie Arzt, Apotheker oder Rechtsanwalt noch erhebliche Ausbildungspotenziale schlummern. So erwiesen sich gerade Ärztinnen im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen als besonders aufgeschlossen für Ausbildungsfragen (siehe Interview rechts). Allerdings brauchen die Praxen und Kanzleien viel Beratung und Unterstützung, denn oft mangelt es schlicht an Zeit und personellen Kapazitäten, um Azubis fachgerecht betreuen zu können.
Mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen im Gepäck konnte das BWU seine guten Kontakte zu den kleinen und mittleren Unternehmen des Stadtstaats effizienter nutzen. Durch kostenlose Dienstleistungen - etwa Bewerberprofile für ausbildungsbereite Unternehmen, Auswahltests für Ausbildungsplatzkandidaten und Informationsveranstaltungen über Ausbildungsberufe an den Schulen - hat das Projekt bis Ende 2008 bereits weit über hundert Lehrstellen in Bremen geschaffen und besetzt. Nicht zuletzt dürfen deshalb die Bremer Steuerberater hoffen, doch noch Nachwuchs für ihre Kanzleien zu finden.
Was kennzeichnet den Ausbildungsmarkt der freien Berufe?
Die Größe der Unternehmen. Oft bestehen sie nur aus einem Freiberufler und einer Verwaltungskraft, die auch noch fachfremd ist. Da kann der Arzt, Apotheker oder Steuerberater neben seiner Arbeit nicht auch noch ausbilden, wenn er keine Unterstützung durch Institutionen wie das BWU mit seinem JOBSTARTER-Projekt ZAS Plus bekommt.
Könnten zum Beispiel Verbundausbildungen helfen, bei denen ein Azubi zwischen mehreren Ausbildungsstandorten pendelt?
Das wird von den Freiberuflern stark abgelehnt. Man befürchtet, dass man sich "seinen" Azubi mit anderen teilen muss, obwohl man so viel Wissen in ihn investiert. Andererseits ist erwiesen, dass gerade die Freiberufler einen hohen Nutzen von Auszubildenden haben. Denn weil das Unternehmen oft so klein ist, identifizieren sich die Azubis stärker damit, sind loyaler und leistungsbereiter. Oft hilft es schon sehr, wenn der Freiberufler bei der Bewerberauswahl unterstützt wird. Denn mancher will nach schlechten Erfahrungen mit Azubis nie wieder ausbilden - so bleiben große Potenziale ungenutzt.
Gibt es auch besonders eifrige Ausbilder?
Überrascht hat mich, dass wir in den Praxen der Stadt Bremen eine deutliche Steigerung bei den ausbildenden Ärztinnen sehen, die ihre Ausbildungsanstrengungen seit 2001 verdoppelt haben. Insgesamt ist schon ein Drittel der Azubis in Arztpraxen bei Frauen beschäftigt. Ärztinnen scheinen also als Ausbilderinnen besonders ansprechbar zu sein.
Es ist ein aufwändiger Service für ausbildungswillige Unternehmen und ein realistischer Prüfstein für Ausbildungskandidaten - völlig kostenlos ist er für beide Seiten: Wer in Bremen eine ausgeschriebene Lehrstelle des Metall- oder Elektrohandwerks ergattern möchte, darf oft schon im Vorfeld zeigen, was er oder sie kann. Zunächst laden die "Jobstarter" von "ZAS Plus" Bewerberinnen und Bewerber zum Theorietest in Deutsch und Mathe ein. Die zweite Teststufe ist die praktische Eignungsprüfung in einer Lehrwerkstatt der Handwerkskammer. Dort gilt es etwa Bleche zu formen oder Schaltkreise zu konstruieren. "Im vergangenen Jahr sah die Erfolgsquote beim Praxistest sehr gut aus", so Rolf Behrens von "ZAS Plus". "Alle Teilnehmer haben bestanden." Eine solche Bewertung verschafft den Kandidatinnen und Kandidaten dann gute Karten, wenn es wirklich ernst wird: beim Vorstellungsgespräch in einem Unternehmen.
Autor: Oliver Driesen

2009, 36 Seiten
Bestell-Nr.: 30460
Download [PDF - 2,73 MB] (URL: http://www.bmbf.de/pub/jobstarter_regionale_impulse_fuer_ausbildung.pdf)
Hier finden Sie die lieferbaren Materialien.
(URL: http://www.bmbf.de/publikationen/)