Kooperation Schule - Wirtschaft
Bei der Zusammenarbeit von Schulen und Unternehmen profitieren beide Seiten: Jugendliche machen sich in ihrer Region mit den beruflichen Perspektiven und Anforderungen vertraut, und Betriebe kümmern sich aktiv und frühzeitig um ihren Fachkräftenachwuchs. (URL: #)
Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben mittlerweile erkannt, dass sie sich angesichts des drohenden Facharbeitermangels aktiv um ihren Nachwuchs bemühen müssen. Denn es wird schon in naher Zukunft weniger Schulabgänger geben. Die Betriebsinhaber sind daher verstärkt bereit, sich frühzeitig an Schulen zu engagieren, um motivierte Auszubildende zu finden, die zu ihrem Unternehmen passen.
Aber auch Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrpersonal profitieren von Kooperationen mit der Wirtschaft, indem sie
- verschiedene, zum Teil unbekannte Berufsbilder kennenlernen und somit mehr Auswahlmöglichkeiten bei der Suche nach einem adäquaten Ausbildungsberuf erhalten,
- sich ein realistischeres Bild vom Ausbildungsberuf machen können und
- durch den Einblick in die Praxis und den Alltag von Betrieben auch "die andere Seite", also die Wünsche und den Bedarf der Betriebe, kennenlernen.
Die Erkenntnis, dass Schulen und Wirtschaftsunternehmen bei der Berufsorientierung zusammenarbeiten sollten, ist nicht neu. Dies belegen zahlreiche Initiativen sowie regionale Arbeitskreise "Schule & Wirtschaft", die sich in Deutschland flächendeckend um eine enge Zusammenarbeit und Abstimmung bemühen (siehe Kasten). Bundesregierung und Länder unterstützen diese Bemühungen durch zahlreiche Förderprogramme.
Bundesweite Aktivitäten zum Thema "Schule - Wirtschaft"
- Die Bundesarbeitsgemeinschaft SCHULEWIRTSCHAFT ist ein freiwilliges Netzwerk. Das Portal www.schule-wirtschaft.de listet verschiedene Aktivitäten der Bundesarbeitsgemeinschaft, der Landesarbeitsgemeinschaften und der rund 450 regionalen Arbeitskreise auf.
- Die Broschüre "Kooperationen zwischen Wirtschaft und Schule - Projekte und Aktivitäten von Unternehmen mit Industrie- und Handelskammern" vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag gibt einen Überblick über Initiativen, in denen Schulen und Unternehmen zusammenarbeiten - z.T. mit Unterstützung der regionalen Kammern. Die Broschüre ist für 4,50 Euro erhältlich unter www.dihk.de.
- Das Programm "Schule - Wirtschaft / Arbeitsleben" förderte bis Ende 2007 innovative Projekte zur Verbesserung des Übergangs von Jugendlichen von der Schule in die Berufsausbildung - finanziert von BMBF und ESF. Die erarbeiteten Projektergebnisse und Materialien (u.a. der Berufswahlpass www.berufswahlpass.de) sind auf dem vom BIBB betreuten Portal www.swa-programm.de weiter verfügbar.
- Alle JOBSTARTER-Projekte zum Thema "Kooperation Schule - Wirtschaft" können Sie auf der Projektlandkarte der JOBSTARTER-Website recherchieren: www.jobstarter.de (s. auch S. 16).
Zwei neue Programme der Qualifizierungs- initiative "Aufstieg durch Bildung"
- Das Bundesinstitut für Berufsbildung wird im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) überbetriebliche Berufsbildungsstätten (ÜBS) fördern, die strukturierte und praxisnahe Angebote zur Berufsorientierung in der dualen Berufsausbildung auf- und ausbauen. Weitere Informationen unter www.bibb.de/de/32010.htm.
- Das neue BMBF-Programm "Perspektive Berufsabschluss" unterstützt bis 2012 modellhaft mit der Förderinitiative "Regionales Übergangsmanagement" 27 Projekte, die die Effektivität und die Qualität der Förderinstrumente des Übergangsmanagements steigern sollen. Näheres unter www.perspektive-berufsabschluss.de.
JOBSTARTER-Schwerpunkt "Unternehmen in Schulen"
Unternehmen mit Schulen zusammenzubringen, um dadurch das regionale "Übergangsmanagement" zu verbessern, ist auch ein Ziel des Ausbildungsstrukturprogramms JOBSTARTER. Derzeit laufen 58 JOBSTARTER-Projekte aus drei Förderrunden, die sich - verteilt über ganz Deutschland - um eine intensivere Zusammenarbeit von Schule und Wirtschaft bemühen. Während bei vielen bereits bestehenden Initiativen und Programmen die Aktivitäten außerhalb der Schule stattfinden, will JOBSTARTER Unternehmen in die Schulen bringen. Damit besetzen die JOBSTARTER-Projekte eine Nische bei der Verbesserung des "Übergangsmanagements".
Unsere Erfahrung ist, dass mittlere und größere Unternehmen ausreichend Kapazitäten haben, um sich in Schulen zu engagieren: Hier gibt es häufig Ausbildungsleiter, die speziell für die Förderung der Ausbildung im Unternehmen verantwortlich sind und sich dieser Aufgabe voll und ganz widmen können.
Kleine Unternehmen zögern jedoch zumeist, Zeit zu investieren und Personalkapazitäten freizustellen, denn wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Betrieb fehlen, führt dies schnell zu Produktivitätslücken. Das Engagement kleiner Betriebe verdient daher besondere Anerkennung.
Beispiele für das Engagement von Betrieben in der Schule
JOBSTARTER fördert besonders Projekte, in denen sich Unternehmen am Schulunterricht beteiligen. Wir stellen Ihnen einige Beispiele vor:
- Das Projekt Kompetenzen bündeln, Ausbildung fördern! Ein Projekt mit Schulen und Betrieben in der Stadt Selm konnte einen Malermeister für die Gestaltung des Mathematikunterrichts gewinnen. Der Malermeister erläuterte den Jugendlichen, warum und welche Mathematikkenntnisse für den Malerberuf erforderlich sind. Dies machte er am Beispiel der Flächenberechnung für Streichtätigkeiten deutlich und kalkulierte zusammen mit den Schülerinnen und Schülern, wie viel Farbe für die Renovierung einer Wohnung erforderlich ist. Auf diese Weise wurde deutlich, dass Mathematik keine "abstrakte Kunst", sondern konkretes Handwerkszeug sein kann, das im Beruf benötigt wird.
- Den besten Eindruck erhalten die Jugendlichen von einem Beruf, wenn sie nicht nur zuhören, sondern selbst etwas ausprobieren können. Nach diesem Motto entwickelte das Projekt Ausbildungsperspektive Gießereibranche ein Unterrichtskonzept, bei dem eine "mobile Gießerei" im Klassenraum zum Einsatz kam, die von den Schülerinnen und Schülern unter fachmännischer Aufsicht der Projektverantwortlichen bedient wurde. Gleichzeitig stellte das Projektteam die Ausbildungsmöglichkeiten in Gießereibetrieben vor und vermittelte ein richtiges Bild der Branche: Die deutsche Gießereitechnik ist eine boomende Branche und führend in Europa. Die Ausbildung kann bis zum Ingenieurstudium führen und beschäftigt sich mit Pneumatik, Hydraulik und Mechatronik. Neben Anschauungsunterricht entstand für die Schüler so ein positives Image der Gießereibranche.
- Bei den Aktivitäten des Projektes VAUS im Landkreis Saarlouis (siehe auch Seite 11) nutzte die Personalleiterin eines Möbelgeschäfts die Gelegenheit, Schülerinnen und Schüler für die besonderen Anforderungen ihrer Branche zu sensibilisieren und gleichzeitig einen freien Ausbildungsplatz zum/zur Kaufmann/frau im Einzelhandel in der Schule zu bewerben. Sie berichtete, dass geeignete Kandidaten nicht einfach zu finden seien, denn die Anforderungen an diesen Beruf seien in der Möbelbranche hoch: Freude an Beratung und Freundlichkeit gegenüber Kunden sind im Möbelverkauf unverzichtbar, außerdem sollten die Bewerberinnen und Bewerber ein Gespür für das Möbeldesign und die Verarbeitungsweise mitbringen.
- Um die Schulen nachhaltig bei der Berufsorientierung zu unterstützen, müssen vor allem die Lehrerinnen und Lehrer geschult werden. Das Projektteam VAUS aus Saarlouis bereitete mit Unterstützung von Unternehmen Lehrerinnen und Lehrer darauf vor, Bewerbertrainings mit ihren Schülern durchzuführen. Bei diesen Lehrerfortbildungen wurden mehrere Betriebsvertreterinnen und -vertreter eingeladen, die ihre Erwartungen und Wünsche an Bewerber aus betrieblicher Sicht darstellen. Dabei kamen Verantwortliche aus Hüttenwerken, dem Einzelhandel und dem Handwerk zu Wort. Die Lehrerinnen und Lehrer konnten sich so über Ausbildungsberufe und Tätigkeiten in den unter-
schiedlichen Gewerken informieren und Vorurteile oder falsche Vorstellungen abbauen.
- Beim JOBSTARTER-Projekt Initiative für Ausbildungsstellen und Fachkräftenachwuchs im Kreis Warendorf begutachtete ein ausgebildeter Koch eines Restaurantbetriebs die Bewerbungsmappen von Schülerinnen und Schülern, die eine Ausbildung im Kochberuf beginnen wollen. Die Jugendlichen erhielten dabei konkrete Tipps zur Verbesserung und konnten durch den Erfahrungsbericht des Kochs ihr Bild von diesem Beruf schärfen. Erfahrungsberichte aus erster Hand vermitteln den Schülerinnen und Schülern den authentischsten und lebendigsten Eindruck - insbesondere dann, wenn er von jemandem kommt, der vor Kurzem selbst noch die Schulbank gedrückt hat. Daher gewinnt das Projekt aus Warendorf zunehmend auch Auszubildende, die in der Schule von ihren Erfahrungen im Betrieb und im Berufskolleg berichten.
- Mithilfe des Projektes ZAK! - Zusätzliche Ausbildungsplätze in klein- und mittelständischen Unternehmen und Migrationsbetrieben in der Region Kreis Unna/Hamm engagieren sich u.a. Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund in den Schulen der Region Unna/Hamm. So zeigen beispielsweise Betriebsinhaber türkischer, griechischer oder italienischer Herkunft, dass erfolgreiche Berufswege unabhängig von der nationalen Herkunft eingeschlagen werden können. Vielen Schulabgängern und auch den Lehrern ist nicht bekannt, dass mittlerweile in Migrantenunternehmen interessante Ausbildungsplätze angeboten werden. Darüber hinaus sind diese Unternehmer vor allem für die Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund wichtige Vorbilder, die "es geschafft" haben und ihnen Mut machen, ihr Ziel - eine solide berufliche Ausbildung - nicht aus den Augen zu verlieren.
- Viele JOBSTARTER-Projekte simulieren - gemeinsam mit Unternehmerinnen und Unternehmern - Vorstellungsgespräche im Klassenraum. Die Schülerinnen und Schüler erfahren dabei, auf was es den Unternehmen ankommt und welche Fragen sie im Vorstellungsgespräch zu erwarten haben. Dadurch können sie sich mit den Anforderungen verschiedener Branchen vertraut machen und besser auf Bewerbungsgespräche vorbereiten. Nebenbei erhalten auch die Lehrerinnen und Lehrer gute Hinweise, wie sie ihre Schüler genauer auf die Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz vorbereiten können.
Einen Betrieb von innen zu sehen ist allerdings nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für das Lehrpersonal hochinteressant. "Betriebsbesichtigungen und auch kurze Praktika werden gerade von Lehrerinnen und Lehrern stark nachgefragt", berichtet Achim Gerling vom Projekt BANG Börde. "Sie wollen sehen, welche Tätigkeiten hinter den Berufsbezeichnungen stecken, und nutzen die Gelegenheit, mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Betrieben über ihren Beruf zu sprechen. Dabei holen sie sich Anregungen für die Berufsvorbereitung ihrer Schüle-
rinnen und Schüler."
Das ist die gemeinsame Erfahrung vieler JOBSTARTER-Projekte: Wenn sich Unternehmer und Lehrer erst mal durch die Betriebsbesichtigungen kennengelernt haben, ist die Bereitschaft vieler Betriebe größer, der Schule einen Gegenbesuch abzustatten. Sie werden dafür aufgeschlossen, den Klassenraum als Möglichkeit zu nutzen, ihre Branche zu bewerben oder einen geeigneten Auszubildenden für ihren Betrieb zu finden. Ohnehin ist die Palette möglicher gemeinsamer Aktivitäten, an denen sich Schulen und Betriebe beteiligen, sehr breit (siehe Kasten). Häufig entscheiden sich die JOBSTARTER-Projekte zunächst für eine kleine Auswahl von Kerntätigkeiten, wie beispielsweise Vorträge von Betriebsinhaberinnen und -inhabern in der Schule. Darüber hinausgehende Aktionen entwickeln sich oft erst nach und nach, wenn beispielsweise ein Meister sich spontan bereit erklärt, eine Unterrichtseinheit zu übernehmen, oder ein Auszubildender über seinen Weg zum Ausbildungsplatz berichten möchte.
Mögliche Handlungsfelder bei der Kooperation von Unternehmen mit Schulen
in der Schule:
- Berufsorientierungsunterricht
- Bewerbungstraining
- Elternabende
- Erstellung von Bewerbungsmappen
- Informationsstände
- Informationsveranstaltungen
- Persönliche Gespräche
- Simulation einer Bewerbung
- Unterrichtssequenzen
- Vorstellung der Anforderungen an Bewerberinnen und Bewerber
- Vorstellung von Ausbildungsberufen
- Vorstellung der Berufsbilder
- Weiterbildung für Lehrerinnen und Lehrer
im Betrieb:
- Bereitstellung von Praktikumsplätzen für Schülerinnen und Schüler
- Betriebsbesichtigung für Lehrerinnen und Lehrer
- Betriebsbesichtigungen für Schülergruppen
- Lehrerpraktika
- Schnuppertage für kleine Gruppen im Betrieb
Kooperationen mit Schulen und Unternehmen nachhaltig sichern
In den Regionen hat sich mithilfe der JOBSTARTER-Projekte inzwischen eine Vielzahl von Kooperationen zwischen Schulen und Wirtschaftsunternehmen gebildet. Um daraus möglichst langfristige Partnerschaften zu entwickeln, haben einige Projekte sogar verbindliche Zusagen zwischen allen Seiten vereinbart. "Wenn Kooperationen zwischen Schulen und Betrieben mit einem schriftlichen Vertrag besiegelt werden, ist das sicherlich die Kür", berichtet Achim Gerling vom JOBSTARTER-Projekt BANG Börde.
Eines ist jedoch sicher: Bei der Kooperation zwischen Schulen und Unternehmen gibt es keinen Königsweg. Welche Form der Zusammenarbeit sinnvoll ist, ergibt sich aus den Gegebenheiten vor Ort. "Das Wichtigste ist die zustande gekommene Vereinbarung zur Zusammenarbeit - ob als Vertrag, als Protokoll oder als lediglich gemeinsam formuliertes Versprechen", erklärt Wolfgang Stange vom JOBSTARTER-Projekt aus Warendorf.
Autorinnen und Autor: Eva-Maria Soja, Gerburg Benneker und Dr. Mark Sebastian Pütz
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