Regionalbüros

Werkstattgespräch des Regionalbüro Nord: "Chancen für junge Eltern - Ausbildung in Teilzeitform"

Das Werkstattgespräch fand am 29. April 2009 in Hamburg statt.

"Ich bin allein erziehende Mutter einer 3-jährigen Tochter. Wir leben zurzeit von ALG II und ich habe keine Berufsausbildung. Ich möchte gerne eine Ausbildung machen. Doch leider stimmen die Arbeitszeiten nicht mit den Kindergartenzeiten überein. Von meinen Eltern erfahre ich weder finanzielle noch sonstige Hilfe."

Die Lage junger allein erziehender Mütter und Väter - raus aus Hartz IV, raus aus der Isolation und mehr Geld zum Lebensunterhalt - bestimmen den Wunsch nach Ausbildung und Arbeit. Doch jede vierte Alleinerziehende ist in Deutschland ohne beruflichen Abschluss. Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Das Team aus dem JOBSTARTER Regionalbüro Nord versuchte diesen in einem eintägigen Werkstattgespräch auf die Spur zu kommen. Expertinnen und Experten aus Politik, beruflicher Bildung, der Wirtschaft, der Arbeitsverwaltung sowie aus erfolgreichen Projekten diskutierten welche Bedingungen eine gelungene Teilzeitausbildung braucht.

Mit dem § 8 wird im Berufsbildungsgesetz die reguläre Möglichkeit der Ausbildung in Teilzeitform für Alleinerziehende und für mit der Pflege beauftragte Personen eröffnet. Soweit die gesetzliche Grundlage. Doch wie sieht die Praxis aus? Ist die Ausbildung in Teilzeitform bei den Verantwortlichen in den Betrieben, Schulen und bei den Betroffenen selbst angekommen? Wie gestaltet sich die Teilzeitberufsausbildung?

  • Akzeptanz und Umsetzung von Teilzeitausbildung nach § 8 BBiG

    Vortrag von Angelika Puhlmann, BIBB Download [PDF - 126,3 kB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/Puhlmann_Akzeptanz_und_Umsetzung_der_Teilzeitberufsausbildung_8_BBiG.pdf)

Für Alleinerziehende ist die Sicherstellung des Lebensunterhaltes das A und O. Hier machen sich Unkenntnis und der Pragraphendschungel negativ bemerkbar. Für alle gesetzlichen Leistungen gelten andere Vorschriften, zum Beispiel SGB II, SGB III, Bundeskindergeldgesetz (BKKG), Gesetz zum Elterngeld und Elternzeit (BEEG). Es gelten jeweils andere Freibetragsregelungen und daher werden gegebenenfalls auch andere "Endbeträge" gezahlt. Leistungen schließen sich gegenseitig aus und werden zu unterschiedlichen Zeiten gezahlt. Wer blickt da noch durch? Diese Frage bewegte die Teilnehmenden gleichermaßen.

  • Finanzierung der Auszubildenden - Teilzeitausbildung nur für gut situierte und fitte junge Menschen geeignet?

    Vortrag von Peter Gorzkulla-Lüdemann, Agentur für Arbeit in Hamburg Download [PDF - 247,7 kB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/Gurzkulla-Luedemann_Praesentation.pdf)

  • Finanzierungsleitfaden - Ausbildung in Teilzeit für Multiplikatorinnen und Teilnehmerinnen

    Anja Wolff und Doreen Märten, Projektverbund LILA e.V. Download [PDF - 94,5 kB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/LILA_e.V._Finanzierungsleitfaden.pdf)

Damit die jungen Eltern und mit der Pflege Angehöriger Beauftragte nicht bei einer für sie unüberschaubaren Anzahl von Ämtern und Behörden vorstellig werden müssen und ihre Ausbildung durch finanzielle Unterschiede belastet wird, forderten die Teilnehmenden die Einführung einer "Finanzierung aus einer Hand", zum Beispiel in Form eines BaföG für Eltern oder Pflegende in Ausbildung.

Doch alle finanziellen Regelungen helfen nur bedingt, wenn nicht das Fundament für eine erfolgreiche Umsetzung gelegt wird: die Akzeptanz der Teilzeitausbildung.
Entscheiden sich die jungen allein erziehenden Mütter und Väter für die Ausbildung, die eine Kinderbetreuung durch Dritte und damit ein hohes Maß an Organisation erfordert? Unterstützt das soziale Umfeld diese Entscheidung? Wird diese Form der Berufsausbildung in der Region, von den Betrieben, Schulen, Ämtern und Institutionen akzeptiert?

Jörg Ungerer von der Handwerkskammer Hamburg brachte diesse Akzeptanzfrage während der Diskussion auf den Punkt. "In vielen Köpfen ist Teilzeitausbildung noch negativ besetzt. Die Ausbildungsform wird von den Betrieben vielfach als Banachteiligtenthema angesehen. Es ist eine Kulturfrage, die auch noch viel Zeit braucht, sich zu etablieren."

In einigen Betrieben ist Teilzeitausbildung jedoch schon zur Normalität geworden. Das zeigten die Vertreterinnen und Vertreter aus zwei Betrieben.

Lars Reuter, Obermeister der Textilreiniger-Innung Hamburg und Inhaber der HAMA-Textilpflege, bildet seit einigen Jahren in Teilzeit aus. In seinem Unternehmen kann die allein erziehende Mutter ihre "Wunscharbeitszeit" während der Regelarbeitszeit selbst bestimmen. Die Ausbildung wird Drumherum organisiert. Neit unter den Auszubildenden und den Mitarbeitern gibt es nicht.

Sonja Rowedder, Ausbilderin bei der Hansebäckerei Junge in Lübeck, lobte das Engagement der Auszubildenden: Obwohl die Öffnungszeiten von Kindertagesstätten nicht mit den Arbeitszeiten in den Berufen dieses Handwerks vereinbar sind, schaffen sie es, Kind und Ausbildung unter einen Hut zu bringen. Ein gut funktionierendes soziales Netzwerk oder die Unterstützung der Familie ist für das Gelingen der Teilzeitausbildung notwendig.

Christina Klose vom Institut für berufliche Bildung, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik (INBAS GmbH) stellte das Offenbacher Modell vor: Die Kinderbetreuung wird an die Situtation der Alleinerziehenden angepasst. Voraussetzung dafür ist die Vernetzung der Akteure in der Region. In Offenbach werden so flexible Betreuungszeiten und passgenaue Betreuungsarrangements zu ungewöhnlichen Zeiten ermöglicht.

  • Welche Kinderbetreuung brauchen Mütter und Väter?

    Vortrag von Christina Klose, INBAS GmbH Download [PDF - 308,7 kB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/080429_Studie_Kinderbetreuung-OF-Ergebnisse_Muetterbefragung.pdf)

Ein weiteres nachahmenswertes Beispiel stellte Frau Märten vor. Das Ausbildungsprojekt LiSA e.V. in Berlin bildet unter anderem Bootsbauerinnen und Bootsbauer aus. Der Blockunterricht findet in Lübeck-Travemünde statt. Durch eine gute Kooperation und Vernetzung ist es möglich, die Kinder in der dort ansässigen Kindertagesstätte betreuen zu lassen und das zugehörige Internat der Berufsschule heißt Mütter mit ihren Kindern willkommen.

In diesem Zusammenhang stellte Katharina Kanschat, Leiterin der Programmstelle JOBSTARTER beim BIBB, die Frage, wie die Möglichkeiten aussehen, den Berufschulunterricht für die Auszubildenden möglichst optimal zu gestalten. Hier besteht noch Klärungsbedarf.

Frau Puhlmann äußerte sich anerkennend über die vielen und sehr erfolgreichen Initiativen von Bund, Ländern und Kommunen und unterstrich deren Bedeutung für die Geschichte der Teilzeitausbildung. Für die flächendeckende, landesweite Umsetzung der gesetzlichen Regelung steht unter anderem das Land Schleswig-Holstein: Dr. Beatrix Hahner von der IHK Lübeck stellte das Projekt "Ausbildung in Teilzeit" vor, dem Nachfolger des STARregio-Projektes "Teilzeitausbildung für junge Mütter und Väter unter 25 Jahren sowie in Pflege eingebundene junge Erwachsene". Seit vier Jahren wird ihr derzeitiges Projekt von der IHK Lübeck in gemeinsamer Trägerschaft mit der HWK durchgeführt. Mithilfe dieses Projektes sind landesweit Beratungsstellen eingeführt worden. Ein wesentlicher Erfolg ist das sehr gut ausgebaute Netzwerk. Zwischen den einzelnen Institutionen, die mit der Zielgruppe zusammen arbeiten, gibt es einen ständigen Austausch.

  • Ausbildung in Teilzeit

    Neue Chancen für junge Eltern - Erfahrungen und Ergebnisse aus dem Projekt der IHK und HwK Lübeck

    Vortrag von Dr. Beatrix Hahner, IHK Lübeck Download [PDF - 3,29 MB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/Dr.Beatrix_Hahner_Praesentation.pdf)

Das Werkstattgespräch machte die Spannungsfelder der Teilzeitausbildung deutlich. Gleichzeitig zeigte es auch, dass regional schon erfolgreiche Lösungsansätze vorhanden sind. Das Programm JOBSTARTER greift das Thema ebenfalls auf: In der fünften Förderrunde sollen Projekte unterstützt werden, die Teilzeitausbildungsmodelle initiieren und erproben. Frau Kanschat ermunterte, an diesem "Kulturthema" gemeinsam weiterzuarbeiten. Auf der JOBSTARTER-Fachtagung "Teilzeitausbildung" am 2. und 3. November 2009 in Bonn werden erfolgreiche Praxisbeispiele vorgestellt sowie über den weiteren Handlungsbedarf und -möglichkeiten diskutiert.

  • Literatur zum Thema Berufsausbildung in Teilzeit

    Angelika Puhlmann, BIBB Download [PDF - 97,9 kB] (URL: http://www.jobstarter.de/_media/Literaturliste_Puhlmann.pdf)

Dokumente

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