26.11.2015 | Berlin

„Durch Bildung kann Integration gelingen“ – Bundeskonferenz KAUSA „Ausbildung und Migration“

„Bildung ist der Schlüssel zur Integration.“ Mit diesen Worten lud Bildungsministerin Wanka rund 230 Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft dazu ein, über das Thema „Ausbildung und Migration“ zu diskutieren.  

Blick von oben auf das Publikum und die Bühne. Auf der Bühne steht Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Wanka und hält eine Rede.
„Durch Bildung kann Integration gelingen“, so Bundesministerin für Bildung und Forschung Prof. Dr. Johanna Wanka.

Eine Ausbildung ist für Jugendliche und junge Erwachsene eine solide Basis für ein selbstbestimmtes Leben und gesellschaftliche Teilhabe. Doch noch immer münden Jugendliche mit Migrationshintergrund – auch bei gleich guten Schulleistungen – seltener in eine Ausbildung als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Und junge Flüchtlinge erhalten bislang nur vereinzelt die Möglichkeit, überhaupt eine duale Ausbildung zu absolvieren. Flüchtlinge mit Bleibeperspektive in Deutschland verstärkt und erfolgreich in die berufliche Ausbildung zu integrieren, ist daher ein wichtiges Ziel des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF). Als Partner der Allianz für Aus- und Weiterbildung 2015-2018 hat sich das Ministerium dazu verpflichtet, die Ausbildungsbeteiligung junger Migrantinnen und Migranten deutlich zu steigern.

Wie dieses Ziel erreicht werden kann, war unter anderem Thema auf der ersten Bundeskonferenz KAUSA „Ausbildung und Migration“. Die Veranstaltung bot der Fachöffentlichkeit eine Plattform, um über aktuelle Herausforderungen zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. „Durch Bildung kann Integration gelingen“, betonte die Bundesministerin für Bildung und Forschung Prof. Dr. Johanna Wanka in ihrer Eröffnungsrede und brachte so das Thema des Tages auf den Punkt.

Neben einem faktenreichen Vortrag von Prof. Dr. Andreas Pott, Direktor des Institutes für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück, und einer angeregten Podiumsdiskussion gab es für die Teilnehmenden die Möglichkeit, sich in den Fachforen mit einzelnen Themen auseinanderzusetzen. Durch die Veranstaltung führte ZDF-Moderator Mitri Sirin.

Dieser Text verfügt über vier Kapitel. Sie können diese nacheinander lesen oder aber direkt zu dem für Sie relevanten Thema springen:

„Jungen Menschen Perspektiven geben“ – Schlaglichter der Konferenz

„Wir brauchen alle“ – Stimmen aus der Podiumsdiskussion

Die Meinungsmacher – Interviews mit den Referenten

World Café und Goldfischglas – Ergebnisse aus den Fachforen

Im Anschluss an die Konferenz wurde der KAUSA Medienpreis verliehen. Erfahren Sie mehr über die Preisverleihung in unserer Multimedia-Doku.


„Jungen Menschen Perspektiven geben“ – Schlaglichter der Konferenz

Porträt des Moderators Mitri SirinBildzoom
„Was bedeutet Arbeit für Sie?“ fragte ZDF-Moderator Mitri Sirin das Publikum.

Auf der Bundeskonferenz KAUSA „Ausbildung und Migration“ standen die Möglichkeiten und Erfordernisse der Integration von jungen Migrantinnen und Migranten sowie von Geflüchteten im Fokus. Im Hinblick auf die daraus resultierenden Herausforderungen fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterschiedliche Initiativen und Programme. Dazu gehört auch die Koordinierungsstelle KAUSA „Ausbildung und Migration“, die vor dem Hintergrund des aktuellen Zuzugs von Flüchtlingen deutlich gestärkt und ausgeweitet wird.

Bildung ist der Schlüssel

Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka hält eine Rede.Bildzoom
„Was funktioniert in der Praxis?“, fragte Bildungsministerin Wanka das Publikum.

Die durch KAUSA geförderten Projekte unterstützen Selbstständige und Jugendliche mit Migrationshintergrund sowie deren Eltern bei allen Fragen rund um die Ausbildung. Sie bauen Brücken zwischen den verschiedenen Vereinen, Institutionen und Bildungseinrichtungen. „KAUSA ist eine Erfolgsgeschichte“, erklärte Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka in ihrer Eröffnungsrede.

Die Bundeskonferenz KAUSA solle dabei als „Ort des Austausches“ dienen, um Erfahrungen und Wissen aus der Praxis einzufangen und so in die aktuellen, politischen Debatten einfließen zu lassen.

Das Wissen aus der Praxis ist wertvoll, denn Studien zeigen bereits jetzt: Es fehlt nicht an Lehrstellen, sondern an Auszubildenden. „Der Ausbildungsmarkt ist nicht länger durch einen Lehrstellenmangel, sondern durch die Passungsproblematik geprägt“, erklärte Wanka. Die Aktivitäten des Ministeriums setzen daher darauf, im Ausbildungsmarkt bisher zu wenig berücksichtigte Gruppen in Ausbildung zu bringen. Dazu gehören auch Jugendliche mit Migrationshintergrund. Die Zahl der Auszubildenden mit Migrationshintergrund ist zwar in den vergangenen Jahren gestiegen, dennoch ist sie weiterhin niedriger als die Zahl der Auszubildenden ohne Migrationsgeschichte. „Dieser Unterschied ist nicht unüberwindbar“, betonte die Ministerin.

Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka hält eine Rede.Bildzoom
Bildungsministerin Wanka verdeutlichte die Attraktivität der dualen Berufsausbildung.

Die Arbeitslosigkeit ist bei denjenigen am höchsten, die keinen berufsqualifizierenden Abschluss haben. Jugendliche mit Migrationshintergrund sollen daher verstärkt in Ausbildung vermittelt werden. „Dafür wollen wir uns engagieren. Wir müssen die Chancen der dualen Berufsausbildung den jungen Leuten, aber auch ihren Eltern aufzeigen“, forderte Wanka.

Denn die Eltern spielten bei der Berufsorientierung ihrer Kinder eine wichtige Rolle – und insbesondere Migrantenfamilien kennen die Möglichkeiten der dualen Ausbildung häufig nicht. Daher müsse man auch das Wissen um die Attraktivität der dualen Berufsausbildung steigern. „Das duale Ausbildungssystem ist die Chance, jungen Menschen Lebensperspektiven zu geben“, betonte die Bildungsministerin.

Auf der Konferenz ging es auch um die Integration von Flüchtlingen in den Ausbildungsmarkt. Mehr als 50 Prozent der Geflüchteten sind unter 25 Jahre alt und viele von ihnen könnten zukünftig eine duale Berufsausbildung beginnen.

Bildungsministerin Wanka erklärte, dass dazu kürzlich die gesetzlichen Rahmenbedingungen verbessert wurden. Es sei unser gemeinsames Anliegen, den Menschen zu helfen und ihre Integration zu fördern – auch im Hinblick auf den demografischen Wandel. „Wir brauchen junge Menschen und Bildung ist der Schlüssel zu ihrer Integration“, sagte Wanka.

Mit KAUSA fördert das Bildungsministerium Maßnahmen, die sich an alle relevanten Zielgruppen – Jugendliche, Eltern, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie an Flüchtlinge – richten.

Glückliche Azubis

Nicole Brinkmann, Lilit Nazarian und Agron Ferati berichten Mitri Sirin aus Gießen.Bildzoom
Interview auf der Bühne: v.l.n.r. Nicole Brinkmann, Lilit Nazarian und Agron Ferati berichten Mitri Sirin aus Gießen.

Zu den Angeboten der KAUSA Servicestellen gehört die Beratung rund um die Ausbildung. Agron Ferati hat zum Beispiel bei der KAUSA Servicestelle Gießen nach Unterstützung gesucht. Heute macht er eine Ausbildung zum Bäcker. „Besonders gefallen mir die Menschen und mein Chef, der wie ein Vater für mich ist“, schwärmt der junge Mann, als er von Mitri Sirin zu seiner Ausbildung befragt wird. Wie viele andere Flüchtlinge bringt Agron Ferati Potenzial, Motivation und vor allem einen starken Willen mit. Es mache ihm nichts aus, sich mitten in der Nacht aufs Fahrrad zu schwingen und zum zehn Kilometer entfernten Bäckerbetrieb zu radeln, wo seine Schicht um 2 Uhr morgens beginnt.

Nicole Brinkmann, Projektleiterin der KAUSA Servicestelle Gießen, beschreibt, dass die Zusammenarbeit mit Flüchtlingen die Arbeit der Servicestelle verändere, weil zum Beispiel andere Partner ins Spiel kommen und junge Flüchtlinge, so Brinkmann, „einen hohen Unterstützungsbedarf“ hätten. Viele von ihnen kämen ohne Eltern und ohne Berufsbiographie in Deutschland an.

Azubi Serhat Bilgin (Mitte) und Safet Alic (links) stellen das KAUSA Jugendforum vor.Bildzoom
Azubi Serhat Bilgin (Mitte) und Safet Alic (links) stellen das KAUSA Jugendforum vor.

Die Arbeit der KAUSA Servicestellen Gießen, Dortmund und Berlin stehen an diesem Tag beispielhaft für die Arbeit aller 13 KAUSA Servicestellen.

„Auf dem Foto guckst du aber glücklich“, bemerkt Mitri Sirin, als auf der Bühnenleinwand ein Foto von Serhat Bilgin erscheint. „Da habe ich die Zusage für die Ausbildung erhalten“, erklärt Serhat Bilgin stolz. Ohne die KAUSA Servicestelle Dortmund, ergänzt er, hätte er mehr Schwierigkeiten bei der Ausbildungsplatzsuche gehabt. „Die KAUSA Servicestelle hat mir bei der Bewerbungsvorbereitung sehr geholfen“, erzählt der angehende Konstruktionsmechaniker.

In Dortmund ist vor allem das KAUSA Jugendforum erfolgreich – eine Workshop-Reihe, die auf Empowerment setzt: Jugendliche mit Migrationshintergrund erkennen während der Workshops ihre Stärken – zum Beispiel dass sie mehrere Sprachen beherrschen – und lernen, diese im Bewerbungsverfahren zielgerichtet für sich einzusetzen. In der abschließenden Konferenz treffen sie auf Unternehmerinnen und Unternehmer und können sich bei diesen über bestimmte Berufsbilder informieren, Kontakte knüpfen und den Weg für ihre berufliche Zukunft ebnen. „Es geht darum, den Jugendlichen ihre Stärken aufzuzeigen“, erklärt Servicestellen-Mitarbeiter Safet Alic das Konzept.

Mann auf der Bühne mit Mikrofon in der HandBildzoom
Khalid Sharif von der KAUSA Servicestelle Berlin stellte die „JOB-SAFARI“ vor.

„Man nimmt den Schülern die Angst sich zu bewerben“, sagt auch Sükrü Sezen, Ausbilder bei der Firma Möbeltown in Berlin. Bei der KAUSA Servicestelle Berlin geschieht dies bei der sogenannten „JOB-SAFARI“: Jugendliche besuchen Berliner Betriebe und werden dort von den Auszubildenden empfangen – „von Jugendlichen für Jugendliche“ beschreibt Khalid Sharif, Mitarbeiter bei der KAUSA Servicestelle Berlin, die Idee.

Damit die JOB-SAFARI umgesetzt werden kann, sei die Mitarbeit der Berliner Unternehmen von großer Bedeutung. Dazu greife die KAUSA Servicestelle auf ihr großes Ausbildungsnetzwerk zurück.

Das zeigt: Kooperationen sind zentraler Bestandteil in der Arbeit aller KAUSA Servicestellen – auf regionaler, aber zukünftig auch auf nationaler Ebene. Denn im kommenden Jahr wird die Anzahl der KAUSA Servicestellen verdoppelt und die flächendeckende Vernetzung vorangetrieben.

Erfahren Sie mehr über die KAUSA Servicestellen auf der JOBSTARTER-Themenseite.

„Duales System hat starke Integrationskraft“

Prof. Dr. Andreas Pott hält einen Vortrag.Bildzoom
„Das duale System ist ein Integrationsmotor“, erklärte Prof. Dr. Andreas Pott.

Für die Praxis und die Politik sind belastbare Zahlen und Fakten von hoher Bedeutung. Auf der Bundeskonferenz KAUSA lieferte diese Prof. Dr. Andreas Pott, Direktor des Institutes für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück.

Der Professor stellte Ergebnisse der bisherigen Forschung vor.

„Die Berufsausbildung hat eine hohe gesellschaftliche Integrationskraft, qualifiziert, schafft Identifikationsmöglichkeiten und Zukunftsperspektiven“, fasste Pott in seiner Einleitung zusammen.

Damit die Integrationskraft erfolgreich ist, sei es von Bedeutung, dass alle Jugendlichen gleichermaßen am dualen System teilhaben. Dies gelinge im internationalen Vergleich in Deutschland bereits sehr gut. Dennoch seien rund 40 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund ohne berufsqualifizierenden Abschluss gegenüber 16 Prozent der Personen ohne Migrationshintergrund (Mikrozensus 2011). Bei der Gruppe der Jugendlichen mit Migrationshintergrund zeige sich außerdem, dass diese immer noch deutlich seltener in eine duale Berufsausbildung münden als Jugendliche ohne Migrationshintergrund (29 zu 44 Prozent, BA/BIBB Bewerberbefragung 2014 in BIBB Datenreport 2014).

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Die Präsentation von Prof. Dr. Pott zum Download (PDF)

Mangelnde Ausbildungsreife, schlechtere Kompetenzen oder eine geringe Bildungsmotivation des Elternhauses seien für eine hinreichende Erklärung unzureichend, so Pott: „Bei sonst gleichen Voraussetzungen haben junge Migrantinnen und Migranten immer noch einen schlechteren Zugang zu beruflicher Bildung.“

Außerdem verfügten Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig über einen „enormen Willen zum Aufstieg“ und in ihren Familien sei oft ein hohes „Mobilitätspotenzial“ vorhanden. Die Probleme beim ersten Übergang von der Schule in den Beruf müssten daher weitere Ursachen haben.

Blick über das Publikum auf Prof. Dr. PottBildzoom
Diskriminierung als Hauptursache – das Fazit aus Prof. Dr. Andreas Potts Vortrag.

Aktuelle Forschungen lassen vermuten, dass diese auf leistungsfremde Einstellungskriterien, insbesondere diskriminierende Auswahlprozesse, zurückzuführen seien. Die Zahlen dazu seien jedoch noch nicht belastbar. Einige Anhaltspunkte für diese Theorie konnte Pott jedoch anführen. So glaubten 62 Prozent von befragten Personalverantwortlichen, dass Jugendliche mit türkischen, afrikanischen oder südeuropäischen Wurzeln schlechtere Chancen haben als andere Personengruppen (Scherr et al. 2015). Bewerber mit türkischem Namen müssen außerdem 1,5-mal so häufig Bewerbungen schreiben wie ihre deutschen Mitbewerberinnen und Mitbewerber (SVR 2014).

Jeder fünfte Betrieb gibt darüber hinaus zu, Ausbildungsplätze bevorzugt an deutschstämmige Jugendliche zu vergeben – unter anderem weil sie annehmen, dass eine heterogene Belegschaft Probleme bereiten kann (Kroll/Granato 2013). Um leistungsfremden Auswahlkriterien entgegenzuwirken, sollten laut Pott sechs Aspekte geändert werden:

  • Anders zählen und beobachten: (statische) Daten vereinheitlichen und erweitern
  • Aufklären und für Vielfalt sensibilisieren
  • Diskriminierung sichtbar machen und Anti-Diskriminierungsmaßnahmen entwickeln
  • Netzwerke stärken und ausbauen
  • Ausbildungsregionen stärken
  • Vorbilder zeigen und Bildungswege sichtbar machen

Hören Sie im Kurz-Interview mit Prof. Dr. Andreas Pott, was getan werden muss, damit Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger in Ausbildung münden.

Was muss verbessert werden, um Jugendliche mit Migrationshintergrund erfolgreicher in Ausbildung zu integrieren?

Welches Potential steckt in den KAUSA Servicestellen?


„Wir brauchen alle“ – Stimmen aus der Podiumsdiskussion

„Migration als Chance – wie gelingt die Integration in die berufliche Ausbildung?“ – Diese Frage stand im Zentrum der Podiumsdiskussion bei der Bundeskonferenz KAUSA „Ausbildung und Migration“. Der Schwerpunkt der Podiumsdiskussion lag auf der Frage, wie Jugendliche mit Migrationshintergrund beim Eintritt in die duale Berufsausbildung unterstützt und Geflüchtete in den Ausbildungsmarkt integriert werden können. Die Fragen stellte ZDF-Moderator Mitri Sirin.

Blick auf die Bühne während der PodiumsdiskussionBildzoom
v.l.n.r. Udo Michallik, Karl-Sebastian Schulte, Elke Hannack, Nihat Sorgeç, Kornelia Haugg und Mitri Sirin.

Auf dem Podium diskutierten:

  • Elke Hannack, Stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes
  • Kornelia Haugg, Leiterin der Abteilung „Berufliche Bildung, Lebenslanges Lernen“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz
  • Nihat Sorgeç, Stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Migrantenwirtschaft e.V.
  • Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks

Migrationshintergrund – ein Begriff ohne Zukunft?

Wird also das „Wir und die Anderen“ bald zu einem einzigen „Wir“ und sind Begriffe wie „Migrationshintergrund“ dann auch Geschichte? „In vielen Schulen gibt es bereits ein buntes und vielfältiges Miteinander unter den Kindern“, betonte Udo Michallik, Generalsekretär der Kultusministerkonferenz.

Mann spricht ins Mikrofon.Bildzoom
„Wir müssen aufpassen, dass wir keine Diskriminierung oder Separation schaffen“, betonte Udo Michallik.

Noch sind wir an diesem Punkt nicht angekommen. Das belegen viele Studien. Jugendliche mit Migrationshintergrund münden weiterhin seltener in die duale Berufsausbildung als Jugendliche ohne Migrationshintergrund, noch immer brechen sie die Ausbildung häufiger ab. Doch so langsam „lösen wir uns von der Schablone“, stellte Karl-Sebastian Schulte, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, fest – und forderte, das „Schubkastendenken“ endgültig einzustellen.

Leistung – keine Frage der Herkunft

Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sind keine Frage der Herkunft – darin waren sich auf dem Podium alle einig. „Wir dürfen Migration nicht mit leistungsschwach gleichsetzen“, betonte zum Beispiel Udo Michallik. Dem fügte Elke Hannack hinzu: „Jugendliche mit Migrationshintergrund sind genauso leistungsfähig wie deutsche.“ Daher solle verstärkt nach Unterstützungsbedarf differenziert werden – und nicht nach Herkunft, so die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes. „Für alle Jugendlichen muss es eine individuelle Unterstützung geben“, forderte sie.

Von 250.000 jungen Menschen, die sich momentan in Warteschleifen befänden, sei ein Drittel ausbildungsreif. Dennoch fänden diese keinen Ausbildungsplatz – obwohl ausreichend Ausbildungsstellen vorhanden sind. Diese Passungsproblematik betreffe alle und sei daher laut Karl-Sebastian Schulte eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.

Kornelia Haugg in der Diskussion auf dem Podium.Bildzoom
„Es gibt kein Patentrezept“, so Kornelia Haugg (BMBF).

Kornelia Haugg (BMBF) fasste die Diskussion zusammen: „Es ist keine Frage des Ob, sondern des Wie“. Dabei sei es politisches Ziel, alle Jugendlichen in das Normalsystem einzugliedern. Von „Deluxe-Ausstattungen“ halte sie nichts. Dennoch müsse man auch die Komplexität der Zusammenhänge im Bereich „Ausbildung und Migration“ im Auge behalten. Das Bildungsministerium habe bereits viele Maßnahmen ergriffen. In diesem Zusammenhang lobte sie auch die Arbeit der Länder. Kornelia Haugg plädierte außerdem dafür, Jugendliche und Betriebe so früh wie möglich zusammenzubringen. Die persönliche Ansprache sei dafür ideal.

Nihat Sorgeç erkannte die politischen Bemühungen an, forderte aber mehr: Wenn sich eine Quote nicht gesetzlich umsetzen lasse, so sei man doch zumindest moralisch zu solch einer verpflichtet.

Betriebe und Eltern unterstützen

Nihat Sorgeç (stellvertretender Vorsitzender des Verbandes der Migrantenwirtschaft e.V.) auf dem PodiumBildzoom
Wenn nicht gesetzlich, dann moralisch: Nihat Sorgeç plädierte für eine Quote.

Eine Quote für eine Übergangsphase könnte die Anzahl von Auszubildenden mit Migrationshintergrund erhöhen. Denn auch auf Seiten der Betriebe hemmen Vorbehalte häufig die Einstellung von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte. Bewerbungsprozesse seien eine große Hürde, stellten die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer fest und bezogen sich dabei auch auf die Ergebnisse aus dem Fachforum I. Die Kompetenzen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund nicht angemessen wahrzunehmen, sei ein großer Fehler. Ein exportorientiertes Land wie Deutschland sei enorm auf diese Kompetenzen angewiesen und müsse sie unbedingt für sich nutzen.

„Bilingualität und Bikulturalität müssen ausgeschöpft werden“, betonte Nihat Sorgeç – sonst verlöre Deutschland auch an wirtschaftlicher Kraft. Daher forderte der stellvertretende Vorsitzende des Verbandes der Migrantenwirtschaft die interkulturelle Öffnung nicht nur der Betriebe, sondern auch der Institutionen, wie beispielsweise der Handwerkskammern und Agenturen für Arbeit. Außerdem wäre eine finanzielle Unterstützung im Rahmen der AEVO-Seminare wünschenswert: „Es ist effizient, wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, den Ausbilderschein zu machen“, sagte er.

Karl-Sebastian Schulte und Elke Hannack auf der BühneBildzoom
Karl-Sebastian Schulte zitierte: „Es zählt nicht wo man herkommt, sondern wo man hin will.“

Karl-Sebastian Schulte ergänzte, dass insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) spezielle „Kümmererstrukturen“ benötigten. Denn KMU leiden nicht selten unter Imageproblemen und hohem Konkurrenzdruck: „In kleinen und mittleren Unternehmen kann die Arbeit genauso spannend sein wie in Großunternehmen“, betonte er.

Familiengeführte Betriebe hätten außerdem sehr viele Vorteile gegenüber Großunternehmen wie zum Beispiel die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Vorteile sollten laut Karl-Sebastian Schulte stärker nach außen transportiert werden.

Neben der Unterstützung der Betriebe wurde auch die Rolle der Eltern in der Berufsorientierung der Kinder diskutiert. „Wir haben die Rolle der Eltern zu lange vernachlässigt“, stellt Nihat Sorgeç fest. Eltern seien oft überfordert und kennen die duale Ausbildung nicht. „Die Möglichkeiten, der dualen Berufsausbildung ist für viele eine Black Box“, sagte er. Unterstützungsmaßnahmen wie die KAUSA Servicestellen nehmen daher auch verstärkt die Eltern in den Blick und zunehmend richten sich Beratungsangebote von Verbänden und Institutionen auch speziell an Eltern mit Zuwanderungsgeschichte.

Perspektiven für Flüchtlinge

Fünf Personen sitzen auf der Bühne und diskutieren.Bildzoom
Dass es irgendwann „keine Diskussion mehr ist, woher man kommt“, wünschte sich Elke Hannack.

Abschließend diskutierten die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer über die Möglichkeiten, junge Flüchtlinge in die duale Berufsausbildung zu integrieren. Kornelia Haugg nannte die Versorgung und Integration von Flüchtlingen eine große Herausforderung. Sie sei aber zuversichtlich, dass diese gemeistert werden kann. „Wir werden sie alle brauchen“, sagte sie. „Wir müssen alles vermeiden, um Gruppen gegeneinander auszuspielen“, forderte Elke Hannack. Vielmehr müsse man den jungen Leuten Perspektiven geben. Auch Karl-Sebastian Schulte stimmte dem zu: „Wir müssen frühzeitig Talente finden und dürfen keine Zeit verlieren“, sagte er.

Die Rahmenbedingungen für die Integration von Flüchtlingen in die berufliche Bildung seien vorhanden. Dass wir für die Zukunft die Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, aber auch von Flüchtlingen stärker erkennen und ihnen die Chance geben müssen, sie für die Gesellschaft einzusetzen – auch darin waren sich alle einig.


Die Meinungsmacher – Interviews mit den Referenten

Nachgefragt: Auf der Bundeskonferenz KAUSA gaben fünf Referentinnen und Referenten aus den Themenforen ihre Einschätzung bezüglich der anstehenden Herausforderungen und Erfordernisse im Bereich „Ausbildung und Migration“ ab.

Hören Sie die Interviews an und erfahren Sie, was passieren muss, damit Unternehmerinnen und Unternehmer häufiger Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellen und welchen spezifischen Unterstützungsbedarf Migrantenunternehmen benötigen.

Prof. Dr. Ruth Enggruber,
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Was muss passieren, damit Unternehmer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellen?

In Ihrem Vortrag erwähnen Sie die Gefahr bestimmte Personengruppen zu stigmatisieren. Worin besteht diese Gefahr genau?

Monika Wenzel,
Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung

Wie schätzen Sie die Arbeit der KAUSA Servicestellen ein?

Was muss geschehen, damit Jugendliche mit Migrationshintergrund häufiger in Ausbildung münden?

Armin Grams,
Handelskammer Hamburg

Was nehmen Sie für Ihre Arbeit aus der Bundeskonferenz KAUSA mit?

Welchen spezifischen Unterstützungsbedarf sehen Sie für Migrantenunternehmen hinsichtlich ihrer Beteiligung an der dualen Ausbildung?

Dr. René Leicht,
Institut für Mittelstandsforschung, Universität Mannheim

Was nehmen Sie für Ihre Arbeit aus der Konferenz mit?

Welchen spezifischen Unterstützungsbedarf sehen Sie für Migrantenunternehmen hinsichtlich ihrer Beteiligung an der dualen Ausbildung?

Klaus Kohlmeyer,
BQN Berlin e.V.

Was muss passieren, damit Unternehmer mehr Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellen?

Sie bewerben das vierstufige Programm von „Berlin braucht dich“, das Jugendliche von der 7. bis zur 10. Klasse begleitet. Warum ist dieses Programm so erfolgreich?


World Café und Goldfischglas – Ergebnisse aus den Fachforen

Drei Fachforen luden die Teilnehmenden am Nachmittag dazu ein, sich intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen und sich aktiv in die Diskussionen einzubringen. Welche Herausforderungen in den Foren artikuliert, welche Lösungsstrategien entwickelt und welche Fragen beantwortet – aber auch welche offen blieben – erfahren Sie im folgenden Kapitel.

Über diese Links gelangen Sie direkt zu dem für Sie relevanten Forum:

Forum I: Auszubildende mit Migrationshintergrund – heute eine Selbstverständlichkeit?

Forum II: Ausbildung in migrantengeführten KMU – neue und alte Herausforderungen

Forum III: Niemand geht verloren – mit welchen Konzepten verbessern wir den Übergang?


Forum I: Auszubildende mit Migrationshintergrund – heute eine Selbstverständlichkeit?

Blick ins Publikum; im Vordergrund drei FrauenBildzoom
Durch die Fishbowl-Methode hatten alle Teilnehmenden die Möglichkeit, sich aktiv in die Diskussion einzubringen.

Wieso münden trotz des hohen Fachkräftebedarfs Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht genauso erfolgreich in die duale Ausbildung wie Jugendliche ohne Migrationshintergrund? Ein regionales und ein nationales Beispiel zu Beginn machen es deutlich: Von insgesamt 1080 Schulabgängerinnen und -abgängern in Berlin Mitte haben lediglich 60 direkt eine betriebliche Ausbildung beginnen können. Der Migrantenanteil liegt in Berlin Mitte bei 80 Prozent. Laut BA/BIBB-Bewerberbefragung 2014 sind 29 Prozent der bei der Bundesagentur für Arbeit registrierten Bewerber/-innen mit Migrationshintergrund erfolgreich in eine betriebliche Ausbildung eingemündet, von denjenigen ohne Migrationshintergrund sind es dagegen 44 Prozent.

Blick übers Publikum auf eine Frau; diese hält gerade einen Vortrag.Bildzoom
Prof. Dr. Ruth Enggruber stellt die Ergebnisse ihrer Betriebsbefragung vor.

Lange Zeit hieß die Antwort: Jugendliche mit Migrationshintergrund seien in der Regel schlechter qualifiziert und/oder kämen aus ungünstigen sozialen Verhältnissen. Doch zwei regelmäßig vom Bundesinstitut für Berufsbildung durchgeführte Studien – die BIBB-Übergangsstudie und die BA/BIBB-Bewerberbefragung – widerlegen diese These seit mittlerweile zehn Jahren. Stattdessen zeigen sie, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund auch bei gleich guten Noten, gleich hohem Interesse an der dualen Ausbildung und fast gleichem Such- und Bewerbungsverhalten wesentlich seltener eine betriebliche Ausbildung beginnen.

Kernfrage: Betriebe oder Jugendliche?

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Die Präsentation von Prof. Dr. Ruth Enggruber zum Download (PDF)

Kernpunkt des Forums war daher die Betrachtung der betrieblichen Seite. Was sind zum Beispiel aus Sicht der Betriebe Gründe, seltener junge Migrantinnen und Migranten als Auszubildende einzustellen? Prof. Dr. Ruth Enggruber von der Hochschule Düsseldorf stellte diese Frage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung 1.011 ausbildungsberechtigten Betrieben.

Die Ergebnisse ihrer Befragung („Bei mir bewirbt sich keiner“ – Bertelsmann-Studie 2014) präsentierte sie im Forum.

Die wichtigsten Ergebnisse der Befragung im Überblick:

  • 75 Prozent der 412 Unternehmen, die bislang keine Jugendlichen mit Migrationshintergrund ausbilden bzw. ausgebildet haben, nennt fehlende Bewerbungen als wichtigsten Grund.
  • Mehr als ein Drittel (38 Prozent) befürchtet Sprachbarrieren oder geht davon aus, dass
  • kulturelle Unterschiede (14,7 Prozent) zu groß sein könnten und sich belastend auf das Betriebsklima auswirken.
Acht Personen auf dem Podium diskutierenBildzoom
v.l.n.r.: Ali Erder, Martin Kilgus, Klaus Kohlmeyer, Ruth Enggruber, Gerburg Benneker (KAUSA), Torsten Gebhard, Gerlind Müller und Barbara Galla.

Danach ging es in die Diskussion anhand der sogenannten „Fishbowl“-Methode. Auf dem Podium nahmen Prof. Dr. Ruth Enggruber, Torsten Gebhard (Kreishandwerkerschaft Schwerin), Klaus Kohlmeyer (BQN Berlin e. V.) und Ali Erder (KAUSA Servicestelle Hamburg) Platz. Zwei freie Stühle blieben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem Publikum vorbehalten. So hatte jeder die Möglichkeit, Fragen, Erfahrungen und Meinungen aktiv in die Gesprächsrunde einzubringen. Die Moderation übernahmen Gerburg Benneker von der Koordinierungsstelle KAUSA und Martin Kilgus (SWR).

Hauptdiskussionspunkt war die Frage, ob die Ursache für die geringeren Einmündungschancen der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die duale Berufsausbildung bei den Jugendlichen oder doch vielmehr bei den Betrieben zu suchen sei. Folgende Aspekte wurden in dieser Hinsicht diskutiert:

Diskriminierung im Bewerbungsprozess

Mann sitzt auf einem Stuhl.Bildzoom
Ali Erder, KAUSA Servicestelle Hamburg, kritisierte u.a. standardisierte Bewerbungsverfahren.

Große Kritik übte Ali Erder an den Einstellungstests großer Unternehmen. „Statt zu fragen, wer im DAX-Vorstand sitzt, sollten besser Kompetenzen geprüft werden“, sagte er. Auch Yunus Ulusoy, Programmleiter „Arbeitsmarkt und Integration“ im Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI), forderte, Bewerbungsverfahren zu ändern. Die starke Formalisierung des Bewerbungsprozesses mache es Jugendlichen mit Migrationshintergrund schwer, diesen gerecht zu werden. Oft würden Bewerbungen bereits wegen formaler Fehler aussortiert. Auch anonymisierte Bewerbungsverfahren wurden von der Mehrheit der Teilnehmer/-innen begrüßt.

Vorbehalte auf allen Seiten abbauen

Neben den Bewerbungsprozessen wurden auch Vorbehalte gegenüber Menschen mit Zuwanderungsgeschichte bei den Betrieben artikuliert. „Es klemmt häufig in der Bereitschaft, mehr Vielfalt hereinzubringen“, kritisierte Klaus Kohlmeyer die Betriebe. Hier gelte es, die Betriebe zu unterstützen und Vorurteile abzubauen.

Die Vermutung, dass die sprachliche Kompetenz nicht ausreichend sei, wirke besonders hemmend auf den Bewerbungsprozess, so Torsten Gebhard.

Mann auf der Bühne, spricht gerade ins Mikrofon.Bildzoom
Unternehmen benötigen persönliche Vermittler, die Kontakte zu jungen Migrantinnen und Migranten herstellen, so Torsten Gebhard.

In ländlichen Regionen und bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) gäbe es zudem deutlich mehr Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund als in Städten oder bei größeren Unternehmen. Und hätten nicht die Betriebe Vorbehalte, so hätten diese oft deren Kunden, erklärte Torsten Gebhard. „Selbst wenn der Betrieb aufgeschlossen ist, was bringt es, wenn es der Bürger nicht ist?“, fragte er.

Lieber Uni als Werkstatt

Berufseinstiegsbegleiterin Gerlind Müller sah stattdessen die Jugendlichen in der Verantwortung. „Ausbildungsplätze werden auf dem Silbertablett gebracht und nicht angenommen“, berichtete sie aus ihrem Berufsalltag. Schuld daran sei unter anderem das schlechte Image der dualen Berufsausbildung, so Müller. Außerdem würden viele Eltern ihren Kindern zu Abitur und Studium raten. Enggruber stimmte dem zu. Barbara Galla (Ressort Bildungs- und Qualifizierungspolitik / IG-Metall) ergänzte, dass die Eltern stärker mit ins Boot geholt werden sollten. Die Orientierungslosigkeit sei schließlich auch bei „Abiturienten aus gutem Hause“ keine Seltenheit. Berufsorientierung sollte daher übergreifend für alle Schülerinnen und Schüler stärker in den Blick genommen werden.

Frühzeitige und umfassende Berufsorientierung

Zwei Männer im Gespräch miteinander.Bildzoom
Setzt auf die sogenannte „qualifizierte Vierstufigkeit“ – Klaus Kohlmeyer.

Genau dieses Problem griff auch Klaus Kohlmeyer wiederholt auf. Die unzureichende Berufsorientierung an den Schulen erschwere es, Jugendliche passgenau in die Betriebe zu vermitteln. Aus diesem Grund wurde in Berlin ein vierstufiges Verfahren entwickelt, dass Jugendliche von der 7. bis zur 10. Klasse begleitet. In dieser Zeit können die Jugendlichen bis zu 160 Berufe kennenlernen. „Gebt Schülern Chancen auf Praktika, wo sie Arbeitswelt als positive Herausforderung empfinden und schaut, wie sie sich entwickeln“, forderte er. Das vierstufige Modell aus Berlin sieht vor, dass Kompetenzen sukzessiv aufgebaut werden. Praktika geben den Jugendlichen die Möglichkeit, sich auszuprobieren und attraktive Berufe kennenzulernen.

Aber nicht nur die Jugendlichen, auch die Betriebe seien teilweise nicht ausreichend informiert, so der Tenor der Runde. „Manche Unternehmer wissen gar nicht, dass sie überhaupt ausbilden können“, berichtete Ali Erder aus seinem Berufsalltag. Am wirkungsvollsten sei daher die persönliche Ansprache. „Du musst rausgehen“, sagte er „und Kaltakquise machen.“

Stigmatisierung verhindern

Zwei Frauen auf dem Podium: Die Frau links im Bild spricht gerade ins Mikrofon.Bildzoom
Alle fördern, die Förderung benötigen – unabhängig von ihrer Herkunft, forderte Prof. Dr. Ruth Enggruber.

Festgehalten wurde aber auch, dass es „den“ Migranten nicht gibt. Die Gruppe der Migrantinnen und Migranten sei äußerst heterogen, so Kohlmeyer. Auch Enggruber warnte vor einer Stigmatisierung: Auch wenn Jugendliche mit Migrationshintergrund statistisch nachweislich ‚gehindert‘ seien, sollte man dies immer sehr reflektiert handhaben, um automatisierte Zuschreibungen zu verhindern. Enggruber forderte daher eine „individuelle Förderung für alle, die sie benötigen“ – unabhängig von ihrer Herkunft oder der Herkunft ihrer Eltern. Dem stimmte Dagmar Eichler-Röben vom TÜV Rheinland zu. „Wir müssen aufpassen, Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht gleich als Benachteiligte abzustempeln“, ergänzte sie.

Fazit

Blick über Köpfe hin weg auf einen großen Bildschirm. Auf diesem ist eine Balkendiagramm zu sehen.Bildzoom
Andere Bewerbungsprozesse, bewährte Verfahren, persönlicher Kontakt: Das sind die Empfehlungen aus Forum I.

Drei entscheidende Faktoren beeinflussen die Einmündungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in die duale Berufsausbildung (sogenannte „Drei-Welten-Theorie“ nach Imdorf):

  1. der Betrieb: Unternehmer/-innen befürchten, dass Menschen mit Migrationshintergrund nicht ins Unternehmen passen.
  2. der Markt: Betriebe, insbesondere KMU, befürchten, ihre Kunden zu verunsichern bzw. vermuten, dass ihre Kunden Vorbehalte gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund haben könnten.
  3. die industrielle Welt: Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund werden Leistungsprobleme, zum Beispiel mangelnde Sprachkompetenz, vermutet.

Folgende Empfehlungen für die weitere Arbeit lassen sich aus dem Forum ableiten:

  1. Unternehmen sollten ihre Auswahlverfahren und Einstellungstests ändern. Standardisierte Tests sollten durch kompetenzorientierte Verfahren abgelöst werden.
  2. Hilfreich sei eine persönliche Unterstützung der Ausbildungsbetriebe, um ihre Vorbehalte gegenüber der Einstellung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gezielt begegnen zu können. Statt neuer Ansätze sollten bewährte Verfahren konsolidiert und gebündelt werden.

Forum II: Ausbildung in migrantengeführten KMU – neue und alte Herausforderungen

Mehrere Personen stehen um einen Tisch herum.Bildzoom
Drei Tische, drei Themen: Intensive Diskussionen im World Café in Forum II.

709.000 Selbstständige – und damit mehr als je zuvor – haben einen Migrationshintergrund. Ihr Ausbildungsengagement steigt, liegt allerdings immer noch bei vielen Herkunftsgruppen unter dem Durchschnitt aller Betriebe. Politik und Verbände haben sich mittlerweile stärker dieser Zielgruppe geöffnet. Das Forum II ging der Frage nach, ob Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund weiterhin besondere Unterstützung brauchen oder ob die Förderung neue Grundlagen benötigt.

Erschwerte Bedingungen als Herausforderung

René Leicht bei seinem VortragBildzoom
René Leicht stellte Fakten zum Unternehmertum von Migrantinnen und Migranten vor.

„Ausbildung in Migrantenunternehmen ist ein Zukunftsthema, weil die Unternehmenslandschaft zunehmend migrantisch geprägt sein wird.“ Mit diesem Befund leitete René Leicht seinen Impulsvortrag ein. Der Diplom-Soziologe forscht am Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim zur Migrantenökonomie und legte die Wissensbasis des Themenforums. Jeder sechste Betrieb gehört einer Unternehmerin oder einem Unternehmer mit Migrationshintergrund. Davon lebt jeder dritte von Handel oder Gastgewerbe, jedes vierte Migrantenunternehmen bietet hingegen wissensintensive Dienstleistungen an.

Schon heute beschäftigen sie rund 2,5 Millionen Menschen; 19 Prozent der Migrantenbetriebe bilden aus – und das in größerem Umfang als andere Betriebe. Dabei stellen Selbstständige mit Migrationshintergrund dreimal mehr Migrantinnen und Migranten und überdurchschnittlich oft auch benachteiligte Jugendliche ein.

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Die Präsentation von René Leicht zum Download (PDF)

Insgesamt stellte Leicht fest: „Migrantenunternehmen bilden unter erschwerten betrieblichen, sozialen und institutionellen Bedingungen aus“. Sie kämpfen mit Vorurteilen und haben schlechtere Bedingungen im Wettbewerb um Jugendliche.

René Leichts Forderungen nach einer Kompensation der erschwerten Ausbildungsbedingungen und nach neuen Unterstützungsformen leiteten in die Diskussion über. Im Rahmen eines „World Café“ diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an drei Tischen je eine gesetzte Fragestellung.

Andere und stärkere Unterstützung

Frau befestigt einen Zettel an einer Tafel.Bildzoom
Unterstützungsangebote an den veränderten Bedarf anpassen – das Fazit an Tisch I.

Migrantengeführte Ausbildungsbetriebe brauchen heute andere Unterstützungsangebote als noch vor zehn Jahren. Dies war das Fazit der Diskussion an Tisch eins. Trotz guter Deutschkenntnisse hätten erstausbildende Unternehmerinnen und Unternehmer der ersten Migrantengeneration häufig Probleme mit der in der Ausbildereignungsprüfung verwendeten Fachsprache. Etablierte Ausbildungsbetriebe täten sich indes zum Teil schwer, auf den sich wandelnden Ausbildungsmarkt zu reagieren, etwa beim Thema Ausbildungsmarketing. Beide Akteursgruppen sollten in Zukunft noch stärker unterstützt werden, fanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Ein besseres Image und mehr Qualität

Mehrere Personen stehen an einem Tisch und diskutieren.Bildzoom
Am Image arbeiten – so die Forderung an Tisch III.

Während sich der Unterstützungsbedarf verändert hat, ist die gesellschaftliche Wahrnehmung in den Augen der Workshopteilnehmerinnen und -teilnehmer gleich geblieben: „Es wird noch immer zu plakativ mit Migrantenunternehmen umgegangen“, lautete der Tenor. Eine Diskutantin fragte: „Warum fallen vielen nur Gastronomie und Gemüseladen ein, wo es doch schon oft IT- oder Consulting-Unternehmen gibt?“ In „Jobsafaris“ oder Schülerpraktika können Unternehmer aller Branchen ihre Türen für potenzielle Azubis öffnen – nur eine Möglichkeit der Imagekorrektur.

Viele Jugendliche fürchten allerdings eine schlechtere Ausbildungsqualität in Migrantenunternehmen. Zu diesem Befund gelangten die Diskutanten an Tisch drei. Ein Unternehmer mit Migrationshintergrund berichtete von wenigen und tendenziell schlechten Bewerbungen, die oft auch von Jugendlichen mit Migrationshintergrund stammten. Eine höhere Ausbildungsqualität würde das Image der Betriebe steigern und ihnen bessere Chancen im Wettbewerb um Azubis eröffnen.

Netzwerke und Brückenbauer

Blick auf eine Tafel, an der mehrere Zettel festgepinnt wurden.Bildzoom
Instrumente standen im Fokus der Diskussion von Tisch II.

Um Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund zu erreichen, sollten die Regelinstitutionen verstärkt  Netzwerke in migrantischen Communities aufbauen und durch stetige Kontaktpflege mit migrantengeführten Unternehmen in Kontakt bleiben. Einer der Teilnehmer berichtete von guten Erfahrungen mit Strukturen wie Arbeitsgruppen oder Ausschüssen für Migranten in Arbeitgeberverbänden. „Migrantenbetriebe müssen in die herkömmlichen Strukturen integriert werden!“ lautete eine der Forderungen, aber auch: „Nutzt die Vereine und Strukturen außerhalb der Kammern!“

Förderprojekte – wie beispielsweise von KAUSA – könnten Brücken bauen, etwa über Kontakte in türkische Moscheevereine oder deutsch-ausländische Unternehmerverbände.

„Management und Akquise!“

Die Qualität der Ausbildung, das Image und auch die Chancen der Betriebe im Wettbewerb um Auszubildende ließen sich durch Managementmaßnahmen erheblich verbessern, lautete die Kernforderung des gesamten Forums. Als Beispiele nannten die Diskutanten Personalentwicklung in den Betrieben, Ausbildungsverbünde oder externes Ausbildungsmanagement. „Auch erfahrene Ausbildungsbetriebe brauchen oft noch kontinuierliche Unterstützung, gerade an der Schnittstelle zu den Regelinstitutionen“, berichtete ein Teilnehmer, und eine Teilnehmerin ergänzte: „Was ich mir wünsche, ist ein externes Ausbildungsmanagement ‚made by KAUSA’ als Unterstützung für Selbstständige mit Migrationshintergrund.“

„Das Kernelement von KAUSA“

Die Öffnung der Unternehmen für die berufliche Bildung und die kontinuierliche Zusammenarbeit mit ihnen sei „das Kernelement von KAUSA“, befand Dr. Oliver Diehl, Referent im Bundesbildungsministerium und Moderator des Forums II. Dass das KAUSA-Servicestellen-Netzwerk im Jahr 2016 auf mehr als die doppelte Größe anwächst, kann dabei nur von Vorteil sein.

Fazit

Frau steht an einem Tisch und erklärt etwas.Bildzoom
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutieren darüber, welche Unterstützung Unternehmer/-innen mit Migrationshintergrund brauchen.

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung von Migrantenunternehmen wächst. Doch Selbständige mit Migrationshintergrund bilden unter erschwerten betrieblichen, sozialen und institutionellen Bedingungen aus. Ihre Betriebe sind im Schnitt kleiner als die von Herkunftsdeutschen und haben weniger personelle Ressourcen. Relativ häufig wird die Qualität der Ausbildung kritisiert. Außerdem kämpfen migrantische Unternehmen mit Vorurteilen und leiden unter einem schlechteren Image.

Folgende Empfehlungen für die weitere Arbeit lassen sich aus dem Forum ableiten:

  1. Sowohl erstausbildende als auch langjährige migrantische Ausbildungsbetriebe brauchen passgenaue Unterstützungsangebote.
  2. Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund führen häufig Betriebe in wissensintensiven Branchen (z.B. IT, Consulting). Dies sollte öffentlich sichtbar werden, um das Image der Unternehmen zu verbessern.
  3. Netzwerke können Regelinstitutionen und Migrantenunternehmen in Kontakt bringen; Förderprojekte (z.B. von KAUSA) bauen Brücken in schwer erreichbare Communities.
  4. Mehr externes Management – auch für erfahrene Ausbildungsbetriebe – würde die Qualität der Ausbildung entscheidend steigern. KAUSA könnte sich hier in Zukunft noch stärker engagieren.

Forum III: Niemand geht verloren – mit welchen Konzepten verbessern wir den Übergang?

Blick übers Publikum auf die Bühne: Hier diskutieren sechs Personen.Bildzoom
Drei Konzepte zur Verbesserung des Übergangs Schule-Beruf wurden in Forum III vorgestellt.

Auf der Bundeskonferenz KAUSA wurden die Strategien der Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg für den Übergang Schule-Beruf vorgestellt – im Fokus standen die Integration von Migrantinnen und Migranten sowie die Zusammenarbeit von Bund und Ländern.

NRW, Hessen, Hamburg – Direkt zu den Länderkonzepten:

Nordrhein-Westfalen – Kein Abschluss ohne Anschluss

Hessen – „OloV – Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule-Beruf“

Hamburg – Die Jugendberufsagentur

Das Wichtigste in Kürze

In den Bundesländern gibt es unterschiedliche Konzepte für den Übergang von der Schule in den Beruf. Ein Ziel gilt für alle Ansätze gemeinsam: Jeder ausbildungswillige Jugendliche soll die Möglichkeit haben, den Weg in eine betriebliche Ausbildung zu finden – durch einen möglichst zeitnahen Anschluss an den Schulabschluss. Im Forum III wurden dazu drei Landesstrategien vorgestellt: ein kommunaler Ansatz aus Nordrhein-Westfalen, eine regionale Strategie aus Hessen und ein rechtskreisübergreifender Ansatz aus Hamburg.

blaues Hinweisschild auf das Forum IIIBildzoom
Das Forum III der Bundeskonferenz KAUSA zum Thema „Niemand geht verloren – mit welchen Konzepten verbessern wir den Übergang?“

Es wurde deutlich, dass sich die drei vorgestellten Länder mit unterschiedlichen Strategien der Herausforderung stellen, Jugendliche und Selbstständige mit – und ohne – Migrationshintergrund in das Arbeitsleben zu integrieren. Die Teilnehmenden aus Ländern, Kommunen und Bildungspraxis waren sich einig, dass die Strategien und Förderinstrumente für den Übergang Schule-Beruf nur unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegebenheiten in den Ländern entwickelt und optimiert werden können. Dies gilt vor allem für die Integration von Flüchtlingen in den nächsten Jahren – eine Aufgabe, die Länder, Kommunen und der Bund nur gemeinsam bewältigen können. Dabei ist es wichtig, dass die Maßnahmen von Bund und Ländern aufeinander abgestimmt werden, um Parallelstrukturen zu vermeiden.

Die vom BMBF geförderten KAUSA Servicestellen in Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg leisten mit ihrer Arbeit einen wertvollen Beitrag zur Integration von Migrantinnen und Migranten, so das Ergebnis der Diskussion.

Nordrhein-Westfalen – „Kein Abschluss ohne Anschluss“

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Die Präsentation von Kerstin Peters
zum Download (PDF)

Kerstin Peters vom Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen stellte den kommunalen Ansatz vor: Seit 2011 gibt es in Nordrhein-Westfalen die Landesstrategie „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA) für Schülerinnen und Schüler ab der 8. Klasse. Das Konzept beinhaltet für alle Schulen verbindliche Standardelemente, zum Beispiel die Potenzialanalyse. Im Mittelpunkt von KAoA stehen die Kommunalen Koordinierungsstellen, die in allen 53 Gebietskörperschaften im Land eingerichtet wurden. Sie vernetzen vor Ort wichtige Akteure für den Übergang Schule-Beruf. Darüber hinaus gibt es 49 kommunale Integrationszentren in Kreisen und kreisfreien Städten in Nordrhein-Westfalen, um vorrangig die Integration von Migrantinnen und Migranten sowie Flüchtlingen durch Bildung zu fördern.

Kommunale Koordinierungsstellen: das Herzstück der Strategie

Blick übers Publikum auf die Bühne; dort stehen mehrere Personen und diskutieren.Bildzoom
Özgür Nalcacıoğlu, Hamide Ural, Saliha Alić, Angela Stubbe, Kerstin Peters, Michael Schulte (v.l.)

Wie die Umsetzung des Landeskonzeptes in Nordrhein-Westfalen vor Ort erfolgt, beleuchteten Angela Stubbe von der kommunalen Koordinierungsstelle Remscheid und Hamide Ural vom kommunalen Integrationszentrum Remscheid. Sie zeigten auf, dass der Übergang Schule-Beruf nur erfolgreich gelingen kann, wenn alle beteiligten Akteure miteinander vernetzt sind. Netzwerke würden in Remscheid durch eine offene Kommunikation auf allen Ebenen aufgebaut und gepflegt, sagte Angela Stubbe. Um Migrantinnen und Migranten zu integrieren setze das kommunale Integrationszentrum auf zwei Strategien, so Hamide Ural.

Zum einen werden die Instrumente der Initiative Bildungsketten eingesetzt, zum anderen integrationsbefördernde Aktivitäten wie Sport angeboten. Darüber hinaus sprachen sich Angela Stubbe und Hamide Ural dafür aus, eine KAUSA Servicestelle in Remscheid einzurichten. Diese könnte sie in ihrer täglichen Arbeit stärken und helfen, das Netzwerk im Hinblick auf die Zielgruppe der Migrantinnen und Migranten weiter auszubauen. So könnte die KAUSA Servicestelle zum Beispiel Eltern und Jugendliche mit Migrationshintergrund ansprechen. Das geschieht bereits in Dortmund. Dort arbeite die KAUSA Servicestelle unter anderem verstärkt daran, Eltern von Jugendlichen zu erreichen, um mehr jungen Migrantinnen und Migranten den Weg in die Ausbildung zu ebnen, berichtete Saliha Alić auf dem Podium. In Dortmund wird die KAUSA Servicestelle durch den Oberbürgermeister unterstützt und die Arbeit als wichtige Ergänzung zu den Regelinstitutionen gesehen. Relevante Akteure wie zum Beispiel Wirtschaftsverbände oder der Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur nehmen beispielsweise die Angebote der KAUSA Servicestelle in Anspruch. Kerstin Peters vom NRW-Arbeitsministerium wies darauf hin, dass in der nächsten Förderrunde des BMBF-Ausbildungsstrukturprogramms JOBSTARTER plus zu prüfen sei, ob die KAUSA Servicestellen in Nordrhein-Westfalen aufgestockt werden können.

Hessen – „OloV – Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule-Beruf“

In Hessen wurde 2005 mit dem Hessischen Pakt für Ausbildung „OloV – Optimierung der lokalen Vermittlungsarbeit im Übergang Schule-Beruf“ gestartet. Seit 2008 ist OloV landesweite Strategie. Monika Wenzel vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung präsentierte den regionalen Ansatz. Die Berufsorientierung beginnt an allgemeinbildenden Schulen in Hessen ab der 7. Klasse, in Gymnasien folgt die Studienorientierung in der Oberstufe. In 28 regionalen Steuerungsgruppen definieren Akteure des Übergangs Schule-Beruf für ihre Region die Ziele selbst und halten diese in Zielvereinbarungen fest. Jede Steuerungsgruppe ist dabei an die OloV-Qualitätsstandards gebunden und wird von einer Regionalkoordinatorin oder einem Regionalkoordinator geleitet.

Regionale Steuerungsgruppen: Vernetzung auf Augenhöhe

Blick übers Publikum auf die Bühne; dort diskutieren mehrere Personen miteinander.Bildzoom
Özgür Nalcacıoğlu, Nicole Brinkmann, Monika Neumaier, Monika Wenzel, Michael Schulte (v.l.)

Die Akteure vor Ort wissen am besten, was in ihren Regionen benötigt wird, erläuterte Monika Wenzel die Besonderheit der OloV-Strategie. Deshalb wurde in Hessen OloV mit entsprechenden regionalen Steuerungsgruppen etabliert. Wie die Landesstrategie im Arbeitsalltag in den Regionen umgesetzt wird, erklärte Monika Neumaier, OloV-Regionalkoordinatorin für Stadt und Landkreis Gießen. Neumaier zufolge ist es besonders wichtig, ein Netzwerk des Vertrauens zwischen den Akteuren im Übergang Schule-Beruf aufzubauen und die OloV-Qualitätsstandards einzuhalten. Durch die Landesstrategie ist es möglich, regionale Bedürfnisse abzudecken, da insbesondere die Schulen eng eingebunden werden.

Die Stadt Gießen hat laut Neumaier gezielt eine KAUSA Servicestelle beantragt, um auch die Zielgruppe der Migrantinnen und Migranten direkt ansprechen zu können. Seit Januar ist die Servicestelle in der OloV-Steuerungsgruppe der Region vertreten und setzt sich für die Belange von Migrantinnen und Migranten ein. Damit ergänzt sie das Netzwerk der beteiligten Akteure um eine zentrale Anlaufstelle für Menschen mit Migrationshintergrund und kann so erfolgreich zur Arbeit der OloV-Steuerungsgruppe beitragen. Nicole Brinkmann von der KAUSA Servicestelle Gießen erklärte, dass die Servicestelle immer in Zusammenarbeit mit den Regelinstitutionen agiert und zum Beispiel Aktivitäten mit der Bundesagentur für Arbeit initiiert. Durch die gute Vernetzung der KAUSA Servicestelle werden auch Flüchtlinge erreicht, beispielsweise durch Sprechstunden in Flüchtlingsklassen.

Alle Beteiligten stimmten zu, dass bei der Integration von Flüchtlingen zuerst deren Grundbedürfnisse gedeckt werden müssen. Erst dann rücken der Beginn einer Ausbildung oder die Aufnahme einer Arbeit in einem Beruf in den Vordergrund. Gerade in dieser Hinsicht können die KAUSA Servicestellen unterstützend eingreifen. Sie erweitern die bestehenden Netzwerke und ergänzen mit ihrer Expertise die bereits beteiligten Akteure. So können durch die Verbindung von OloV und KAUSA Servicestellen auch Flüchtlinge mit Bleibeperspektive erfolgreich in den Übergang Schule-Beruf einbezogen werden. Für Monika Wenzel vom Hessischen Wirtschaftsministerium kommt es insbesondere darauf an, sich über Planungen auf allen Ebenen schnell auszutauschen. Sie sprach sich für eine Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen ohne den Aufbau von Parallelstrukturen aus.

Hamburg – Die Jugendberufsagentur

Alena Billon von der Jugendberufsagentur Hamburg stellte den rechtskreisübergreifenden Ansatz vor. In der Hansestadt wurden sieben Jugendberufsagenturen aufgebaut. Die systematische Berufsorientierung erfolgt in Hamburg ab der 8. Klasse. In der Jugendberufsagentur arbeiten Einrichtungen verschiedener Rechtskreise unter einem Dach zusammen: die Agentur für Arbeit Hamburg, die Ausbildungs- und Arbeitsvermittlung von Arbeitsagentur und Jobcenter, die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration, die Behörde für Schule und Berufsausbildung sowie die Hamburger Bezirksämter, um Jugendliche beim Übergang Schule-Beruf zu unterstützen. Vertreterinnen und Vertreter dieser Institutionen sind in der Jugendberufsagentur unter einem Dach vereint, sodass Jugendliche für ihre Anliegen nicht mehr verschiedene Ämter aufsuchen müssen.

Kooperation an einem Standort

Blick auf die Bühne, sechs Personen diskutieren hier miteinander.Bildzoom
Özgür Nalçacıoğlu, Marion Wartumjan, Matthias Quaeschning, Alena Billon, Birgit Kruse, Michael Schulte (v.l.)

Die Jugendberufsagentur Hamburg ist vor allem serviceorientiert aufgebaut. Voraussetzung für die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Institutionen war es laut Alena Billon, das unterschiedliche Rollenverständnis aller Einrichtungen zu verstehen. Zur Verbesserung der Arbeit tauschen sich die Jugendberufsagenturen standortübergreifend regelmäßig aus. Ziel ist es, Sackgassen und lange Warteschleifen für die Jugendlichen zu vermeiden, so Matthias Quaeschning vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung. Eine wichtige Rolle spielt außerdem das Monitoring in der Jugendberufsagentur. So wird nach dem Schulabschluss geprüft, ob die Jugendlichen einen Anschluss gefunden haben, zum Beispiel einen Ausbildungsplatz.

Darüber hinaus gibt es mit der KAUSA Servicestelle Hamburg ein spezielles Angebot für Jugendliche mit Migrationshintergrund. Sie arbeitet mit allen sieben Jugendberufsagenturen erfolgreich zusammen und wird von diesen in ihrer Arbeit unterstützt. Die Zusammenarbeit der KAUSA Servicestelle mit den Jugendberufsagenturen ist so erfolgreich, dass die Kapazitäten der Servicestelle bereits nahezu ausgeschöpft sind. Neben der Integration von Migrantinnen und Migranten richtet sich die Beratung der Servicestelle auch verstärkt an den Bedürfnissen von Geflüchteten aus.

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Die Präsentation von Alena Billon zum Download (PDF)

Birgit Kruse vom Hamburger Institut für Berufliche Bildung  betonte, wie wichtig es ist, dass junge Migrantinnen und Migranten schnellstmöglich die deutsche Sprache lernen, um zur Schule gehen zu können. Die Anzahl der Flüchtlingsklassen steigt seit einigen Monaten stetig, aber alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seien hochmotiviert die Aufgabe zu bewältigen. Auch hier könnten die KAUSA Servicestellen das Thema berufliche Bildung einbringen.

Ausblick

Die Länder stehen am Übergang Schule-Beruf vor großen Herausforderungen. Doch die bestehenden Ansätze können durch die Arbeit der KAUSA Servicestellen sinnvoll ergänzt werden:

  • Die KAUSA Servicestellen können, wie die drei Beispiele zeigen, in die unterschiedlichen Landesstrategien eingebunden werden und diese sinnvoll ergänzen. Als Experten im Bereich Ausbildung und Migration erweitern sie bereits bestehende Netzwerke um neue Akteure und steigern so die Reichweite der jeweiligen Landeskonzepte.
  • Die KAUSA Servicestellen stehen in direktem Kontakt zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Daher können sie wichtige Impulse zur Gestaltung und Entwicklung des Übergangs Schule-Beruf einbringen, die an die speziellen Erfordernisse dieser Zielgruppe angepasst sind.
  • Die Kooperation zwischen Bund, Ländern und Kommunen ist eine wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Übergang von der Schule in den Beruf. Die Berücksichtigung der Migrantinnen und Migranten als Zielgruppe nimmt dabei einen wichtigen Stellenwert ein. Die KAUSA Servicestellen leisten einen wertvollen Beitrag bei der Ansprache und Betreuung der Migrantinnen und Migranten und verknüpfen ihre Arbeit immer mit den Angeboten der Regelinstitutionen.

Texte: Virginia Gerard, Florian Hippler und Melanie Schulz
Fotograf: Christoph Wehrer