Neue Wege in der beruflichen Bildung: Chancen für Studienabbrecherinnen und -abbrecher

JOBSTARTER plus rückt Studienabbrecherinnen und -abbrecher in den Fokus. Ziel der Aktivitäten ist es, den jungen Erwachsenen die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihnen eine duale Berufsausbildung bietet.

Junger Mann steuert ein Schiff Richtung Hafen. Bildzoom

Das Potenzial von Studienabbrecherinnen und -abbrechern für den Ausbildungsmarkt hat in jüngster Zeit für große Aufmerksamkeit in Politik und Wirtschaft gesorgt. Dabei steht die zunehmende Skepsis an einer „Akademisierung um jeden Preis“ einem wachsenden Fachkräftemangel speziell in kleineren und mittleren Unternehmen gegenüber. Die Spannweite des Problems reicht vom Mangel an Nachwuchsfachkräften bis hin zur nicht geklärten Unternehmensnachfolge.

Sowohl im Handwerk als auch in Industrie und Handel werden Studienabbrecherinnen und -abbrecher als neue Zielgruppe umworben. Laut Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), brauche das Handwerk die „ausbildungsstarken Jugendlichen“, da durch den technologischen Wandel die Anforderungen in vielen Berufen gestiegen seien. Gleichzeitig wissen die meisten Studierenden nur wenig über Vielfältigkeit und Karrierechancen der Berufe in Handwerk, Industrie und Handel.

Bleibt dies in Zukunft so, könnte es zu einem nachhaltigen Schaden für den Wirtschaftsstandort Deutschland führen, befürchtet Eric Schweitzer, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK): „Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes hängen in hohem Maße von unserer Facharbeiter- und Meisterausbildung ab. Eine ganze Reihe von Berufsausbildungen – wie etwa die zum Mechatroniker oder Fachinformatiker – kann qualitativ mit Hochschulausbildungen anderer Länder ohne Weiteres mithalten.“

Studienleistungen können die Ausbildungszeit verkürzen

Männliche Hand bedient einen Steuerhebel in einem Schiff.Bildzoom
Volle Fahrt voraus: Studienabbrechern eröffnen sich in der dualen Ausbildung vielseitige Karriereperspektiven.

Entscheidet man sich für einen Wechsel in die berufliche Bildung, können die im Studium erbrachten Leistungen berücksichtigt werden, vor allem, wenn man inhaltlich im gleichen Bereich bleibt.

Berufsbildungsgesetz (BBiG) und Handwerksordnung (HwO) bieten die Option, Studienleistungen als zurückgelegte Ausbildungszeit anzurechnen und die Ausbildungsdauer aufgrund der Vorbildung zu verkürzen. Studienabbrecher/-innen können außerdem unter bestimmten Voraussetzungen vorzeitig zur Abschlussprüfung oder zur Externenprüfung zugelassen werden.

Auch auf der Fortbildungsebene können sich Studienleistungen positiv auswirken. Dies ist sogar für die Fortbildungsberufe „Geprüfter Handelsfachwirt“ und „Geprüfter Fachwirt für Vertrieb im Einzelhandel“ seit Mai 2014 bundesweit geregelt: Wer mindestens 90 ECTS-Punkte in einem betriebswirtschaftlichen Studium erworben hat und mindestens eine zweijährige Berufspraxis in diesem Bereich vorweisen kann, ist zu der Fortbildungsprüfung zuzulassen. Der rechtliche Rahmen bietet Flexibilität für die zuständigen Kammern, die auf der Grundlage des Einzelfalles über die konkrete Berücksichtigung der Studienleistungen entscheiden. Darüber hinaus wurden in jüngster Zeit regionale Projekte, die Studienabbrecherinnen und -abbrecher beraten und für die berufliche Bildung gewinnen, zumeist von Kammern aufgelegt und aus öffentlichen Mitteln finanziert. Einige dieser Projekte bieten für Studienabbrecher/-innen sogar die Möglichkeit, unmittelbar im Anschluss an eine verkürzte Ausbildungszeit z.B. die Meisterprüfung abzulegen.

JOBSTARTER plus-Projekte bringen Studienabbrecher in Ausbildung

Zwei jungen Männer binden einen Seemannsknoten.Bildzoom
Gelungener Neustart: Christoph Seidel (rechts) macht eine Ausbildung zum Binnenschiffer.

Anfang 2015 starteten mehrere JOBSTARTER plus-Projekte mit einer Laufzeit von 36 Monaten. Sie haben zum Ziel derartige Ansätze für Klein- und Mittelbetriebe (KMU) systematisch zu nutzen, weiterzuführen und nachhaltig in den Berufsbildungsstrukturen zu verankern.

Inhaltlich geht es dabei darum, sowohl die betroffenen Studienaussteigerinnen und -aussteiger als auch die Betriebe füreinander zu sensibilisieren sowie entsprechend zu informieren und zu beraten. Zugleich soll das Matching von Kandidatinnen und Kandidaten und suchenden KMU optimiert werden.

Dazu sollen auch die im Studium erworbenen Kenntnisse sichtbar und für beide Seiten nutzbar gemacht werden. So würde transparenter, welche berufsqualifizierenden Abschlüsse und Karrieremöglichkeiten Studienabbrecherinnen und -abbrecher in Klein- und Mittelbetrieben finden, und wie KMU von den Fähigkeiten der neuen Nachwuchskräfte profitieren. Dass dabei nicht nur der Nachwuchsbedarf der Wirtschaft, sondern auch die Bedürfnisse der jungen Menschen im Vordergrund stehen, macht Dr. Marlene Lohkamp-Himmighofen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) deutlich: „Wir wollen Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern signalisieren, dass es für sie berufliche Chancen gibt, die möglicherweise besser zu ihnen passen und am Ende sogar mehr Erfolg bringen können als akademische Karrierewege.“

Die JOBSTARTER plus-Projekte sind Teil der BMBF-Initiative zur Gewinnung von Studienabbrecherinnen und -abbrechern für die berufliche Bildung. Darüber hinaus wird ein zentrales Online-Portal aufgebaut und sogenannte Leuchtturmprojekte eingerichtet. Eine vertiefte Forschungsstudie zum Thema „Studienabbruch“ ist in Planung. Das Online-Portal informiert Studienzweiflerinnen und zweifler umfassend über alternative Qualifizierungswege und baut dadurch vorhandene Informationsdefizite über die berufliche Bildung ab. Mit den Leuchtturmprojekten sollen etablierte Beratungsangebote zusammengeführt und optimiert sowie Best-Practice-Ansätze beispielsweise zur Netzwerkbildung oder zur Identifizierung und Ansprache von Studienabbrecherinnen und -abbrechern transferiert werden. Voraussichtlich werden fünf Leuchtturmprojekte gefördert. Das erste Projekt stammt aus Hessen und startete bereits im April 2015.