Studienabbruch – Nicht das Ende, sondern ein Neuanfang

Abitur – Studium – glänzende Karriere. Doch was passiert, wenn das Studium abgebrochen wird? Warum der Wechsel in eine duale Ausbildung kein Karriereknick, sondern eine Bereicherung für Betriebe und Studienabbrecherinnen und -abbrecher sein kann.

Christoph Seidel hat Geschichte und Deutsch auf Lehramt studiert, aber schnell gemerkt, dass das Studium nicht seine Welt ist. „Man fühlt sich als Abiturient fürs Studium qualifiziert. Dementsprechend ist bei mir am Anfang der Gedanke an eine Ausbildung überhaupt nicht aufgekommen.“ Heute macht er eine duale Ausbildung zum Binnenschiffer und ist glücklich über seinen Kurswechsel. Der Werdegang von Christoph Seidel zeigt, dass der Wechsel vom Studium in eine duale Ausbildung kein Karriereknick ist, sondern neue Karrierechancen eröffnet. Zudem sind Studienabbrecherinnen und -abbrecher eine attraktive Zielgruppe für Unternehmen – vor allem mit Blick auf die aktuelle Lage auf dem Ausbildungsmarkt.

Zwei Auszubildende vom Binnenschiffer auf der BrückeBildzoom
Der Wechsel vom Studium in die duale Ausbildung war für Christoph Seidel die richtige Entscheidung.

Studienabbrecherinnen und -abbrecher: Eine Bereicherung für jeden Betrieb

Mit Blick auf den wachsenden Mangel am Ausbildungsmarkt suchen Betriebe nach weiteren Bewerbergruppen, um motivierten Fachkräftenachwuchs zu gewinnen. Studienabbrecherinnen und -abbrecher sind hierbei eine Zielgruppe mit Potential: Nach einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2014 brechen rund 28 Prozent der Studienanfängerinnen und -anfänger ihr Bachelorstudium ab. Ein Studienabbruch sagt dabei wenig über die Leistungsfähigkeit der betroffenen Person aus. Sowohl persönliche Gründe als auch finanzielle Motive können dazu führen, dass auch leistungsstarke Studierende ihr Studium abbrechen. Diese Studienaussteigerinnen und -aussteiger könnten dazu beitragen, dem Fachkräftemangel auf der mittleren Qualifikationsebene entgegen zu wirken.

Männliche Hand bedient einen Steuerhebel in einem Schiff.Bildzoom
Volle Fahrt voraus: Studienabbrechern eröffnen sich in der dualen Ausbildung vielseitige Karriereperspektiven.

Allerdings sind sich vor allem kleinere Unternehmen oft nicht bewusst, welches Potenzial Studienabbrecher für ihre Betriebe haben. Laut einer Umfrage des Referenz-Betriebs-Systems (RBS) zur „Ausbildung von Studienabbrechern“ haben Kleinbetriebe kaum Erfahrung mit der Ausbildung von ehemals Studierenden. Bei einem Vergleich der unterschiedlichen Branchen sind insbesondere Betriebe des produzierenden und verarbeitenden Gewerbes eher unerfahren. Die Umfrage zeigt, dass rund 65 Prozent der Unternehmerinnen und Unternehmer, die noch keine ehemals Studierenden ausgebildet haben, es als eher schwierig einschätzen, diese Zielgruppe zu identifizieren und zu erreichen.

Die Mehrzahl der befragten Unternehmen sprach sich aber positiv für die Aufnahme von Studienabbrecherinnen und -abbrechern in ein Ausbildungsverhältnis aus. Außerdem zeigen die Erfahrungen der Betriebe und Unternehmen, dass die Zielgruppe sehr motiviert und für den Arbeitgeber schnell verfügbar ist. Studienabbrecher sind meist zwischen 22 und 26 Jahre alt, also deutlich älter als Absolventen einer allgemeinbildenden Schule. Im Vergleich sind sie aber auch reicher an Lebenserfahrung. Sie wissen daher oftmals genauer, wo ihre Fähigkeiten und Kenntnisse liegen und verfügen zudem über einen hohen Grad an Allgemeinbildung.

Duale Ausbildung: Karrierechancen nach dem Studienabbruch

Aber nicht nur bei den Betrieben gibt es Informationsdefizite. Viele Studienabbrecherinnen und -abbrecher kennen die Chancen in der dualen Ausbildung und die Vielfalt der 328 anerkannten Ausbildungsberufe nicht. Auch die vielfältigen Karrieremöglichkeiten sind ihnen nicht bekannt: In den nächsten zehn Jahren werden circa 200.000 Nachfolgerinnen und Nachfolger auf Führungsebene in Betrieben gesucht – eine interessante Perspektive für Studienabbrecher mit Interesse an Führungsaufgaben. Außerdem ist eine Verkürzung der Ausbildungszeit und die Anrechnung von erbrachten Studienleistungen möglich – vor allem wenn das begonnene Studium bereits inhaltliche Parallelen zur gewählten Ausbildung aufweist.

Ein Ausbilder erklärt zwei Auszubildenden einen Arbeitsschritt.Bildzoom
Eine duale Ausbildung ist in jedem Alter eine Chance für die eigene Karriere.

Maßnahmen zur Gewinnung von Studienabbrechern für die duale Ausbildung

„Neue Chancen für Studienabbrecher“: Initiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zum Thema Studienabbruch

Eine wichtige Ursache dafür, dass Betriebe und Studienabbrecher oft nicht zusammen finden ist auch, dass es nur wenige Beratungs- und Vermittlungsangebote für Studienzweiflerinnen und -zweifler oder Studierende gibt, die sich bereits zum Abbruch ihres Studiums entschlossen haben. Um beide Seiten, sowohl Betriebe als auch Studienabbrecherinnen und -abbrecher, aufeinander aufmerksam zu machen, startete das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) im Mai 2014 eine Initiative. Diese umfasst folgende weitreichende Maßnahmen zur Gewinnung von Studienabbrecherinnen und -abbrechern für die berufliche Bildung:

Das Ausbildungsstrukturprogramm JOBSTARTER plus fördert seit Anfang 2015 18 JOBSTARTER plus-Projekte mit einer Laufzeit von 36 Monaten zur Gewinnung von Studienabbrecherinnen und -abbrechern für die duale Ausbildung. „Ein Schwerpunkt der JOBSTARTER plus-Projekte ist die Vernetzung der verantwortlichen Akteure, der Aufbau von Beratungsangeboten sowie das Matching von Studienabbrecherinnen und -abbrechern mit Ausbildungsbetrieben. Eine gute Beratungs- und Begleitstruktur ist unerlässliche Voraussetzung, um die Weichen für eine erfolgreiche Ansprache dieser Zielgruppe zu stellen“, erklärte Katharina Kanschat, Leiterin Programmstelle JOBSTARTER.

Die Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter bauen regionale Beratungs- und Vermittlungsangebote für Studienabbrecherinnen und -abbrecher aus und optimieren das Matching zwischen den Jugendlichen und BetriebenEines dieser JOBSTARTER plus Projekte ist „NEWSTART – Betriebliche Ausbildung als Chance für Studienaussteiger/-innen“ in Bremen. Das Projekt vernetzt Akteure der Berufsbildung wie Kammern und Hochschulen in Bremen und berät darüber hinaus Studierende bei ihrer Entscheidungsfindung. Die Projektbeteiligten von NEWSTART vermitteln zudem Studienabbrecher in geeignete Betriebe zur dualen Ausbildung.

„NEWSTART – Betriebliche Ausbildung als Chance für Studienaussteiger/-innen“: Steckbrief des JOBSTARTER-plus Projekts auf unserer Projektlandkarte

Als zweite Maßnahme fördert das BMBF seit 2015 so genannte Leuchtturmprojekte: Die landesweit organisierten Leuchtturmprojekte sollen die bereits bestehenden Beratungsangebote für Studienzweiflerinnen und -zweifler an Kammern, Hochschulen und den Arbeitsagenturen zusammenführen und weiter ausbauen. Darüber hinaus sollen die Leuchttürme Best-Practice-Ansätze für den gelungenen Übergang vom Studienabbruch in die berufliche Bildung landesweit bekannt machen. Voraussichtlich werden fünf Leuchtturmprojekte in fünf Bundesländern vom BMBF gefördert; das erste Leuchtturmprojekt startete bereits im April 2015 in Hessen („N.I.S. - 2.0 | Netzwerk – berufliche Integration von Studienabbrechenden in Hessen. Nachhaltige Implementierung von Informations- und Beratungsangeboten zu alternativen Qualifizierungswegen in der beruflichen Bildung“).

Das dritte und zentrale Handlungsfeld der BMBF-Initiative beinhaltet die Verbesserung der Informationsangebote für Studienzweiflerinnen und -zweifler über alternative Qualifizierungswege. Dies soll über den Aufbau eines neuen BMBF-Online-Portals bis Frühjahr 2016 erfolgen. Die Plattform soll eine bundesweite Anlaufstelle für junge Menschen sein, die den Abbruch eines Studiums in Erwägung ziehen oder diese Entscheidung schon getroffen haben. Das Portal informiert mit Artikeln und Erfahrungsberichten über alternative Karrieremöglichkeiten in der dualen Ausbildung. Ehemals Studierende berichten von ihrem erfolgreichen Weg in die duale Ausbildung. Auf einer interaktiven Projektlandkarte können junge Menschen nach Service- und Beratungsstellen in ihrer Region recherchieren, um sich von Expertinnen und Experten bei der beruflichen Umorientierung beraten zu lassen.

Zudem ist eine vertiefte Forschungsstudie zur Attraktivität der beruflichen Bildung bei Studienzweiflerinnen und -zweiflern in Planung, die neue Ansätze zur erfolgreichen Integration in die berufliche Bildung vorstellen soll.

Mit diesen Maßnahmen will das BMBF dazu beitragen, Studienabbrecherinnen und -abbrecher für die duale Ausbildung zu begeistern und mit interessierten Betrieben zusammen zu führen. Gelingt es, mehr Studienabbrecherinnen und -abbrecher für die berufliche Bildung zu gewinnen, können sowohl die jungen Erwachsenen als auch die Betriebe davon profitieren– eine Win-Win Situation für alle Beteiligten.

Weitere Fachinformationen zum Thema „Neue Wege in der beruflichen Bildung: Chancen für Studienabbrecherinnen und -abbrecher“ erhalten Sie auf der JOBSTARTER-Themenseite und alle JOBSTARTER plus-Projekte zum Thema „Integration von Studienabbrecher/-innen in die duale Berufsausbildung“ finden Sie auf unserer Projektlandkarte.


Geschichten aus der Praxis: das JOBSTARTER-Magazin

Die weiteren Beiträge dieser Ausgabe des JOBSTARTER-Magazins stellen Geschichten von Studienabbrecherinnen und -abbrecher und Erfahrungen von Mitarbeiterinnen aus JOBSTARTER plus-Projekten vor:

Umgesattelt: Studienabbrecher in IT-Berufen
Zwei ehemalige Studierende berichten von ihrem Weg vom Studium in die Ausbildung. Ihre Perspektive wird durch die des Unternehmers Holger Schmitz ergänzt. Im Interview berichtet außerdem Peter Gronostaj, Leiter des JOBSTARTER plus-Projekts „SWITCH – Die Full-Service-Agentur“, von seiner Arbeit.

Durchgefallen? Durchgestartet!
Studienabbrecherin Henrike Busch erzählt, wie sie nach ihrer Exmatrikulation durch das JOBSTARTER plus-Projekt „ask for change“ aufgefangen und in eine duale Berufsausbildung vermittelt wurde.

„Den Blick für neue Chancen öffnen“
Interview mit Doreen Heydenbluth-Peters, Koordinatorin des JOBSTARTER plus-Verbundprojekts „ask for change“ der Hochschule Wismar und der RegioVision GmbH Schwerin

Flagge wechseln: Vom Lehrer zum Seemann
Vom Lehramtsstudenten zum Binnenschiffer: Christoph Seidel erzählt, wieso er sein Studium aufgegeben hat und warum er seiner Zukunft als Binnenschiffer zuversichtlich entgegenblickt.

Vom Studium ins Handwerk
Interview mit Christina Huck, Karriereberaterin der Handwerkskammer für Unterfranken und Mitarbeiterin im JOBSTARTER plus-Projekt „Vom Campus in den Chefsessel“

Autorin: Melanie Schulz