19.06.2012

KAUSA-Fachforum 2012 „Ausbildung und Integration“

Erfahrungsaustausch, Networking und Diskussion über tragfähige Konzepte und neue Perspektiven – davon konnten die Teilnehmer des KAUSA-Fachforums „Ausbildung und Integration“ am 19. Juni in Bonn profitieren.


„Unsere Gesellschaft wird immer vielfältiger, fast 16 Millionen Menschen haben inzwischen einen Migrationshintergrund.“ Die einleitenden Worte von Kornelia Haugg, Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung und lebenslanges Lernen im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), zu Beginn des KAUSA-Fachforums 2012 „Ausbildung und Integration“ wiesen bereits den Weg für die eintägige Veranstaltung im Collegium Leoninum auf. Vor rund 70 Teilnehmenden unterstrich Kornelia Haugg, dass die Stärkung der Bildungs- und Ausbildungschancen von Kindern und jungen Erwachsenen aus zugewanderten Familien bei der Bundesregierung „ganz oben auf der Agenda“ stehe und ein „Schlüsselthema des Nationalen Aktionsplans Integration“ sei. Sie lud besonders die zahlreich erschienenen Vertreterinnen und Vertreter von Migrantenorganisationen zu einem weiteren Dialog ein.

Jugendliche mit Migrationshintergrund holen auf, ihre Beteiligung an der beruflichen Bildung ist jedoch noch nicht zufriedenstellend

Kornelia Haugg berichtete, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund in vielen Bereichen aufholen: Die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss sinkt. Gleichzeitig nimmt der Anteil derjenigen zu, die die Hochschulreife erwerben. Dennoch gäbe es weiterhin alarmierende Zahlen.

Laut aktuellem Berufsbildungsbericht beteiligen sich ausländische Jugendliche nur halb so oft an der dualen Ausbildung wie deutsche Jugendliche (33,5 Prozent gegenüber 65,4 Prozent). Dabei seien „nicht immer schlechtere schulische Voraussetzungen“ das Problem, sondern zum Teil auch die Selektionsmechanismen der Betriebe. Es sei eine gemeinsame Aufgabe aller Beteiligten, Vorbehalte abzubauen und die Potenziale von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu sehen.

Erweiterter Aktionsradius für KAUSA

Anschließend begrüßte Katharina Kanschat, Leiterin der Programmstelle JOBSTARTER, Özgür Nalcacioglu, den Leiter der Koordinierungsstelle Ausbildung bei Selbstständigen mit Migrationshintergrund (KAUSA). Er wies in seiner Rede darauf hin, dass KAUSA seinen Aktionsradius künftig erweitern und seine Aktivitäten neben der Gewinnung von Selbstständigen mit Migrationshintergrund für die duale Ausbildung verstärkt auch auf Jugendliche mit Migrationshintergrund und deren Eltern richten werde. Ein erster Schritt in diese Richtung sei die Durchführung des KAUSA Jugendforums in diesem Jahr.

Mit dem Grundgedanken des Empowerment werden vier Jugendkonferenzen an den Standorten Berlin, Hamburg, Köln und Mannheim, von und mit Jugendlichen organisiert, die einen Migrationshintergrund haben. In vorgeschalteten Workshops bereiten Jugendliche ihre eigene Konferenz vor. Der erste Workshop in Berlin, so Nalcacioglu, habe bereits erste Erkenntnisse gebracht. Jugendliche möchten mit ihren Anliegen ernst genommen und mit ihren Stärken gesehen werden.

Im zweiten Teil des Vormittags beim KAUSA-Fachforum 2012 wurden beispielhaft BMBF-Programme vorgestellt, die den Übergang von Schule in Ausbildung gestalten.

Initiative Bildungsketten

Jens Peschner, Leiter der Servicestelle Bildungsketten beim Bundesinstitut für Berufsbildung, berichtete über die seit 2010 bestehende Initiative „Abschluss und Anschluss – Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“. Um den Anteil von Jugendlichen ohne Schulabschluss weiter zu reduzieren und den Übergang in die berufliche Ausbildung zu optimieren, verzahnt die Initiative unter dem Dach der Bildungsketten neue Förderinstrumente mit bereits bestehenden Förderprogrammen von Bund und Ländern.

Ein wichtiges Element der Initiative ist das Sonderprogramm Berufseinstiegsbegleitung, an dem über 1.000 Haupt- und Förderschulen beteiligt sind. Berufseinstiegsbegleiterinnen und Berufseinstiegsbegleiter betreuen von der siebten Klasse an Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf. Durch die Berufseinstiegsbegleitung erhalten diese jungen Menschen Unterstützung während der Schulzeit und beim Übergang in eine Ausbildung. Als Beispiel für einen weiteren Baustein der Bildungsketten nannte Jens Peschner die Initiative VerA des Senior-Experten-Service (SES). Für VerA vermittelt der SES inzwischen rund 1.400 ehrenamtlich tätige, pensionierte Fachleute, die Jugendliche während ihrer Ausbildung persönlich betreuen.

Perspektive Berufsabschluss

Den Abschluss des Vormittags bildete der Bericht von Frank Tönnissen und Dr. Petra Post (beide Projektträger des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt) zum Programm „Perspektive Berufsabschluss“. Die Hauptaufgabe des Regionalen Übergangsmanagements (Förderinitiative 1) sei, so Petra Post, der Aufbau von Kooperationsstrukturen wie zum Beispiel Netzwerke für Schüler und Eltern sowie die Schaffung von Transparenz durch Angebotsdatenbanken und Wegweiser. Darüber hinaus hat sich, so Post, erwiesen, dass die Kommune die beste Stelle für eine wirkungsvolle Koordinierung der Partner für den Übergang Schule-Beruf ist.

Die abschlussorientierte modulare Nachqualifizierung (Förderinitiative 2) umfasst dagegen unter anderem den Aufbau von regionalen beziehungsweise branchenbezogenen Service- und Nachqualifizierungsangeboten. Hinsichtlich dieses Bereichs konnte Petra Post berichten, dass die Erschließung neuer Potenziale der An- und Ungelernten sich als Win-Win-Situation herausgestellt hat – für die nachqualifizierten Fachkräfte sowie für die Unternehmen. Die Beratung zur Nachqualifizierung wird bei allen Projekten auch nach der Förderung weitergeführt.

Erfolgreiche Begleitprojekte

Frank Tönnissen stellte anschließend zwei Begleitprojekte – einmal das Projekt „Mit MigrantInnen für MigrantInnen“ sowie „Bildung ist Zukunft – biz“ vor. Verantwortlich für das erste Projekt ist die Bielefelder Mozaik gGmbH. Der Projektträger hat unter anderem zur Aufgabe, das Selbsthilfepotenzial von Migrantenorganisationen, vor allem durch deren Einbindung in regionale Netzwerke zu stärken.

Das Projekt „Bildung ist Zukunft – biz“ wird von der Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung mit dem Ziel durchgeführt, die Ausbildungsbeteiligung türkeistämmiger Jugendlicher durch die Einbeziehung türkischsprachiger Medien zu erhöhen. Der erste Erfolg des Projekts: In Kooperation mit Bildungsträgern und türkischen Medien wurde eine bundesweite mediale Aktionswoche für berufliche Bildung ins Leben gerufen. Die Aktionswoche soll auch in den nächsten Jahren stattfinden.

Fachforen

Diskussionsfreudig wurde der Nachmittag, an denen sich die Teilnehmenden im Rahmen eines World-Cafés zu den folgenden Themen austauschten:

  • Unternehmer mit Migrationshintergrund bilden aus
  • Jugendliche mit Migrationshintergrund haben Potenzial
  • Ohne Eltern geht es nicht
  • Arbeit mit ehrenamtlichen Mentor/-innen ist wichtig

Hier ein Einblick in die Debatte – mit einer kleinen Auswahl an Statements:

Mehmet Keskin von der Arbeitsgemeinschaft selbstständiger Migranten e.V. aus Hamburg meinte zur Situation der Unternehmer: „Es muss weiter daran gearbeitet werden, dass die Unternehmen sich in der Ausbildung professionalisieren und den Herausforderungen der dualen Ausbildung gewachsen sind.“

Zur Situation der Jugendlichen äußerte sich Sami Dzemailokovsi von der Otto Benecke Stiftung e.V.: „Jugendliche mit Migrationshintergrund stellen sich dieselben Fragen wie andere Jugendliche. Das Problem ist jedoch, dass ihre Eltern oftmals nicht weiterhelfen können, weil sie nicht mit dem Bildungssystem vertraut sind.“

Sevinc Lux von der Föderation Türkischer Elternvereine NRW fordert: „Es muss eine Sensibilität für die Heterogenität der Elterngruppen bestehen. Das heißt, man muss sich in deren Kulturen auskennen.“

„Mentoring muss sich an den Lebenswelten von Migranten orientieren – und Mentoren müssen unter anderem in Migrantenselbstorganisationen und Sportvereinen rekrutiert werden“, so Yesim Eraslan von der Alevitischen Jugend in NRW.

Zum Ende hin hat jedes Fachforum die zukünftigen Herausforderungen für die jeweilige Gruppe formuliert und den übrigen Teilnehmern präsentiert.

Um diesen Forderungen Nachhaltigkeit zu verleihen, waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Schluss der Veranstaltung aufgefordert, bereits konkrete Vorhaben zu formulieren und erste Mitstreiter für diese Ideen zu gewinnen; tatsächlich wurden in kürzester Zeit eine Fülle von Anregungen präsentiert – die Vorschläge im Querschnitt finden Sie hier.      


Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des KAUSA-Fachforums formulierten folgende Herausforderungen:

Was sind die wichtigsten Herausforderungen zur Stärkung der Unternehmer/-innen mit Migrationshintergrund als Ausbildungsstelle?

  • Verstärkte interkulturelle Öffnung der Institutionen
  • Neue Herausforderungen durch neue ethnische Unternehmergruppen
  • Ehrenämter müssen professionalisiert werden
  • Verbesserung der Ausbildungsqualität in den Betrieben mit Migrationshintergrund

Was sind die wichtigsten Herausforderungen zur Stärkung der Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Übergang Schule-Beruf?

  • Der Vorteil des Migrationshintergrunds muss in den Vordergrund gerückt werden
  • Vorbilder aus der eigenen Community müssen sichtbar gemacht werden
  • Eltern als Partner müssen stärker mit einbezogen werden
  • Schaffung von mehr Transparenz hinsichtlich der Angebote ist erforderlich

Was sind die wichtigsten Herausforderungen zur Stärkung der Familien in der Übergangssituation?

  • Sichtbare Vorbilder sind auch für Eltern wichtig
  • Migrantenverbände als Knotenpunkte müssen noch mehr gefördert werden
  • Eltern muss ein größeres Wissen über die deutsche (Aus-)bildungslandschaft vermittelt werden
  • Stärkere interkulturelle Bildung von Lehrkräften ist erforderlich

Was sind die wichtigsten Herausforderungen zur Stärkung der Mentorinnen und Mentoren?

  • Interkulturelle Öffnung von Mentorenprogrammen ist erforderlich
  • Stärkere Aktivierung von Migrantenverbänden hinsichtlich Mentoring
  • Größere Unterstützung durch Politik und regionale Akteure einfordern
  • Qualifizierung von Mentoren, unter anderem zum Thema "Umgang mit Jugendlichen"

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des KAUSA-Fachforums suchten Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die folgenden Ziele und nächsten Schritte:

  • Betriebe direkt einbinden und fördern: Sammlung von Ideen, für einen neuen Kontakt zu Betrieben
  • Vernetzung der Akteure der Elternarbeit: Bestandsaufnahme bestehender Projekte und Aktivitäten
  • Stärkere Ansprache der Jugendlichen in den Stadtteilen: Terminvereinbarung von Interessierten
  • Qualifizierung von Dozent/-innen von Ausbilderseminaren: Durchführung eines Workshops
  • Konzept zum Thema „Eltern und Berufsorientierung“ erarbeiten: Austausch per Mail
  • Ethnische Communities für die Berufsbildung sensibilisieren und stärken: Austausch, Seminar, Vernetzung
  • Gründung von lokalen Koordinierungsstellen, die Migrantenorganisationen und offizielle Institutionen gemeinsam umsetzen und Migranten beraten: Termin im Juli
  • Programme, die Auszubildende vermitteln und Abbrüche vermeiden: Austausch über Möglichkeiten per Mail
  • Internationalisierung der Berufsbildung: Entwicklung eines Konzepts
  • Regionale Netzwerkarbeit: KAUSA lädt zu einem ersten Gespräch ein