22.03.2012 | Köln

KAUSA-Fachtagung: „Wir wollen lernen.“ – Ausbildereignungsseminare für Migrantinnen und Migranten

Personen mit Migrationshintergrund bilden nach wie vor zu selten aus – das BMBF hat daher die Teilnahme von über 1.000 Migrantinnen und Migranten an Ausbildereignungsseminaren gefördert. Am 22. März 2012 wurde in Köln Bilanz gezogen.


Ein lebendiges, vielsprachiges Stimmengewirr war in den Tagungsräumen des Kölner Marriott-Hotels zu vernehmen. Türkisch, Griechisch, Russisch - ein Sprachen-Mix, der allen Tagungsteilnehmern schon vorab verdeutlichte: Hier geht es international zu. Rund 70 Teilnehmer waren der Einladung von KAUSA gefolgt, gemeinsam Erfahrungen und Ergebnisse zu diskutieren – hinsichtlich der 2010 und 2011 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Ausbilderkurse für Personen mit Migrationshintergrund.

In ihrer Begrüßungsrede blickten Dr. Sonja Baron, zuständige Referentin im BMBF, und Özgür Nalcacioglu, Leiter des Programmbereichs KAUSA, noch einmal kurz zurück. „Ausgangspunkt für die Förderung der Teilnahme von Migrantinnen und Migranten an Ausbildereignungsseminaren war die Wiedereinführung der verpflichtenden AEVO-Prüfung im Jahr 2009“, so Dr. Sonja Baron. Diesen Umstand habe man zum Anlass genommen, die spezielle Zielgruppe der Personen mit Migrationshintergrund ins Blickfeld zu rücken. „Wir wollten mit dieser einmaligen Förderung einen Anstoß geben“, stellte Özgür Nalcacioglu fest. Vor allem ausschlaggebend sei die Tatsache gewesen, dass lediglich 14 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund ausbildeten, bei den Deutschen seien es dagegen 24 Prozent. „Dabei gebe es viel Potential“, so Dr. Sonja Baron, „gerade im Dienstleistungsbereich gründen immer mehr Migrantinnen und Migranten erfolgreiche Unternehmen.“

Schlaglichter

Moderator Nicolas Tribes begrüßte anschließend Gerburg Benneker, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Programmbereich KAUSA. Die Förderung der Ausbildereignungsseminare für Migrantinnen und Migranten sei „ein politischer Auftrag“ gewesen, so Benneker. Unter dem Programmpunkt „Schlaglichter der geförderten Ausbildereignungsseminare“ verschuf sie den Tagungsteilnehmern einen kurzen, prägnanten Überblick über die geförderten Kurse und deren Resultate.

Bundesweit wurden 19 Anbieter mit der Durchführung der Ausbildereignungsseminare betraut – darunter Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern und freie Bildungsträger. 860 der insgesamt 1.131 Teilnehmenden, haben nach der Absolvierung des Kurses die AEVO-Prüfung bestanden. Die Auswertung von 850 Teilnehmerfragebögen förderte darüber hinaus Interessantes zum Hintergrund der Teilnehmenden zutage:

  • 50 Prozent der Teilnehmenden stammten aus der Türkei (es folgen Russland, Kasachstan, Polen, Griechenland, Italien)
  • 40 Prozent der Teilnehmenden haben ihre Schulausbildung im Herkunftsland genossen
  • 30 Prozent haben ihre berufliche Ausbildung im Herkunftsland absolviert

Ein weiteres wichtiges Resultat der Befragung: Rund 90 Prozent der Teilnehmenden haben der Absolvierung des Kurses eine hohe berufliche sowie persönliche Bedeutung beigemessen. Ein Großteil der Teilnehmende möchte darüber hinaus nun auch ausbilden – ein großer Erfolg für alle Beteiligten.

Aus der Praxis

Die bloßen Zahlen mit Leben gefüllt haben daraufhin Monika Münch vom Interkulturellen Bildungszentrum ikubiz aus Mannheim und Efrossini Dania, Kauffrau für Groß- und Einzelhandel sowie Teilnehmerin eines Ausbilderseminars des ikubiz. Effrossini Dania bildet inzwischen aus und sagt: „Ich kann mein Wissen nun spezifischer weitergeben. Das ist das Wichtigste, das ich aus dem Kurs mitgenommen habe.“

Wie dieses Resultat erreicht werden konnte? Indem, so Monika Münch, „gezielt auf die AEVO-Prüfung vorbereitet wurde, zum Beispiel durch einen Vorab-Durchlauf der praktischen Prüfung.“ Die individuelle und passgenaue Seminargestaltung sei vor allem wichtig gewesen, weil es sich Monika Münch zufolge bei den Teilnehmenden der Kurse um „heterogene Lerngruppen“ handelte – bezüglich des „Bildungsstands und der Deutschkenntnisse“.

„Große Chance“

In der darauffolgenden Gesprächsrunde kristallisierte sich noch mehr heraus, was sich zuvor bereits angedeutet hatte: Dass die speziellen Ausbildereignungslehrgänge für Migrantinnen und Migranten „eine große Chance“ waren. Die Möglichkeiten der flexiblen Ausgestaltung der Kurse wurden Bärbel Schnieders-Focken, Fachdozentin aus Stuttgart, zufolge unter anderem genutzt, um „Sprachförderung für schriftliche Prüfungsaufgaben“ durchzuführen. Wegen der guten Erfahrung werde nun auch in den anderen Kursen flexible Unterstützung angeboten.

Reiner Krebs vom Kompetenzzentrum der Handwerkskammer Bremen unterstrich zudem, dass die Kammern generell an Unternehmern und Unternehmerinnen mit Migrationshintergrund interessiert seien – daher sei es wichtig, die Kurse derart zu gestalten, dass sie dem Einzelnen mit seinem (sprachlichen) Hintergrund gerecht würden. In der Runde, an der Margit Wiedemann vom Bildungs- und Technologiezentrum der HWK Berlin darüber hinaus teilnahm, kam jedoch auch die Frage auf, ob sich die Dozenten der zukünftigen Ausbilderkurse nicht verstärkt interkulturellen Trainings unterziehen sollten – um sie besser und gründlicher auf die unterschiedlichen kulturellen Lernstile der Teilnehmer vorzubereiten.

Nachhaltigkeit wichtig

Welche Erfahrungen im Stuttgarter Raum, der Region mit dem höchsten Migrantenanteil, gemacht wurden, wurde daraufhin unter anderem von Christine Fath von der Deutschen Angestellten Akademie sowie Muhammet Karatas, Ausbildungsmanager der IHK Stuttgart, erörtert. Karatas hat vor allem von den Mühen berichtet, Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund von der Wichtigkeit der Ausbildung zu überzeugen. „Vielen müssen wir erst einmal erklären, wie in Deutschland ausgebildet wird“, so Karatas. Um die Angesprochenen zu überzeugen, sei der „persönliche, nachhaltige Kontakt“ wichtig. Einig war man sich über die Tatsache, dass Migrantinnen und Migranten in Zukunft verstärkt ausbilden müssten – um dem Fachkräftemangel entgegen zu wirken.

Ein weiterer Erfahrungswert: Kurse, die in Zusammenarbeit mit den Kammern angeboten wurden, erwiesen sich als besonders erfolgreich; das heißt: es gab geringe Abbrecherquoten. Nadja Rukwid, Fachdozentin aus Stuttgart, hat jedoch in ihren Kursen erfahren, dass Erfolg mit „viel, viel Üben“ einher ging. Denn viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer hätten zum ersten Mal in Deutschland eine Prüfung absolviert.

Sprachliche Anforderungen

„Deutsch als Zweitsprache: Was bedeutet dies für Teilnehmende und Dozenten?“ lautete der Titel der Diskussion, die sich am frühen Nachmittag entspann. An dem Gespräch nahmen Iris Beckmann-Schulz, Leiterin der Hamburger IQ-Fachstelle Berufsbezogenes Deutsch, Dr. Monika Bethscheider, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Bundesinstituts für Berufsbildung (mit dem Arbeitsschwerpunkt Weiterbildung von Migrantinnen und Migranten) sowie Marion Wartumjan von der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Migranten aus Hamburg teil.

Die drei Expertinnen stellten einhellig fest, dass Lernen in der Zweitsprache besondere Anforderungen mit sich bringt – sowohl für die Teilnehmenden als auch für die Dozenten. Man müsse, so Beckmann-Schulz, darauf achten, „wie Lehrkräfte qualifiziert sind“. Schulungen zur Sprachsensibilisierung von Fachdozenten seien daher angebracht. Vor allem die Auseinandersetzung mit Fachtexten sei Bethscheider zufolge schwierig. Die Erfahrungswerte hätten jedoch gezeigt, dass die direkte Übersetzung des Unterrichts oftmals nicht notwendig gewesen sei. Sinnvoll erwies sich dagegen die punktuelle sprachliche Unterstützung durch Lernbegleiter, die darauf geachtet hätten, dass Aufgaben verstanden wurden und Teilnehmende sich Fachtexte aneignen konnten.

Nach Ansicht von Marion Wartumjan sei es darüber hinaus wichtig gewesen, den Teilnehmenden praxisnahen Unterricht zu bieten, damit diese im Alltag mit den Auszubildenden kommunizieren und gegebenenfalls entstehende Konflikte sprachlich auffangen könnten. Zukünftig sollten die Teilnehmenden mit Migrationshintergrund jedoch nach Auffassung von Monika Bethscheider die regulären Kurse besuchen, gemeinsam mit deutschen Teilnehmern – schließlich ginge es auch um „gesellschaftliche Zugehörigkeit“.

Gestaltung der Prüfungen

Den Abschluss der Veranstaltung bildete die Diskussion um „Die Gestaltung der Prüfungen“. Aus der Prüfungspraxis berichteten Alexandra Zilz von der DIHK-Gesellschaft für berufliche Weiterbildung in Bonn, Franz-Josef Paulus von der IHK Köln sowie wiederum Nadja Rukwid, Stuttgarter Fachdozentin und Prüferin für die IHK. Die Runde war geprägt durch eine lebhafte Diskussion, die immer wieder durch Wortbeiträge der übrigen Tagungsteilnehmer ergänzt wurde. Dabei stellte sich schnell heraus, dass viele Prüflinge mit den schriftlichen Prüfungsaufgaben Schwierigkeiten hatten, dagegen in der Praxis jedoch oftmals glänzen konnten.

Einem Einwurf von Dr. Monika Bethscheider (BIBB) zufolge hat eine Untersuchung ergeben, dass die Multiple-Choice-Tests, die innerhalb der Prüfung verwendet werden, eine ausgeprägte Verwaltungssprache aufweisen – was sich nicht vereinfachend auf das Leseverständnis auswirke. Diese Problematik geht die DIHK-Bildungs-GmbH nach Aussagen von Alexandra Zilz bereits an – indem sie Fragen umformuliert, Verständlichkeitsprüfungen für die AEVO-Prüfungsfragen durchführt und darüber hinaus auch die Optik der Prüfungsmaterialien verbessert. Abschließend stellte Franz-Josef Paulus fest, dass viele Firmen „Nachholbedarf“ hätten – neue Ausbilder seien vonnöten, und hier seien auch die Migrantinnen und Migranten gefragt.

Autorin: Nina Giaramita
Fotograf: Jürgen H. Krause