28.09.2012 | Mannheim

Die Ausbildungskonferenz in Mannheim

30 Unternehmen, 100 Ausbildungsberufe, 200 Jugendliche mit Migrationshintergrund, 1000 Talente – auf der Mannheimer Ausbildungskonferenz des KAUSA Jugendforums bewiesen junge Menschen, wie fähig und tatkräftig sie sind.


Blick in einen gefüllten Saal. Jugendliche sitzen zusammen mit Erwachsenen an runden Tischen und diskutieren.Bildzoom
200 Jugendliche tauschen sich mit Entsandten von 30 Mannheimer Unternehmen aus.

„Das ist eure Chance – zeigt den Unternehmen, was in euch steckt!“ Mit diesen Worten eröffnete Moderatorin Rosa Omeñaca Prada die erste Ausbildungskonferenz des KAUSA Jugendforums am 28. September 2012 in Mannheim. Fast 200 Jugendliche mit Migrationshintergrund und viele Vertreterinnen und Vertreter von 30 Unternehmen aus Mannheim und der Region waren gekommen. Gemeinsam mit dem KAUSA-Partner ikubiz – Interkulturelles Bildungszentrum Mannheim hat das KAUSA Jugendforum alle an diesem Tag zusammengebracht.

Auf der Ausbildungskonferenz erzählten die jungen Teilnehmenden aus ihrem Leben und demonstrierten den Unternehmen, dass sie interessierte und engagierte Bewerberinnen und Bewerber sind. Als „KAUSA-Botschafter“ präsentierten die Jugendlichen, die einige Wochen zuvor am Workshop in Mannheim teilgenommen und diese Konferenz zusammen mit Motivationscoaches vorbereitet hatten, ihre Ideen für einen besseren Berufseinstieg. Das Programm der Ausbildungskonferenz reichte von der künstlerischen Eröffnung mit dem „Ausbildungsrap“ bis hin zum direkten Dialog zwischen Ausbildenden und Jugendlichen im kleineren Kreis.

„Die Unternehmer sollen respektvoll mit uns umgehen!“

„Ich war im Bewerbungsgespräch für eine Ausbildungsstelle als Fertigungsmechaniker, und der Personaler hat die ganze Zeit Kekse gegessen“, erzählt ein Junge mit schwarzer Brille ernst. Er sitzt zusammen mit einigen Gleichaltrigen und zwei Unternehmensvertretern am runden Tisch, alle hören ihm aufmerksam zu. „Er hat gesagt, dass meine Note in Welt-Zeit-Gesellschaft zu schlecht ist. Aber wofür brauche ich das als Fertigungsmechaniker? Ich habe gesagt, ich bin Klassensprecher und kandidiere gerade als Schülersprecher, aber das interessierte ihn nicht. Als er mir zum Abschied die Hand reichte, waren da noch Krümel dran. Ich hab's mir aber nicht anmerken lassen, weil ich nicht unhöflich sein wollte.“

Drei Jugendliche – ein Mädchen mit Kopftuch, ein dunkelhäutiger Junge mit Brille und ein schwarzhaariger Junge – unterhalten sich.Bildzoom
„Und was hast du im Praktikum gemacht?“

Am Tisch erzählten die Jugendlichen nach und nach ähnliche Geschichten. Ein Junge sollte im Praktikum im Kaufhaus den ganzen Tag Reißverschlüsse zuziehen, ein Mädchen in der Bank von früh bis spät Ordner sortieren, ein anderes im Supermarkt immer nur Regale einräumen.

Doch sie alle ließen sich nicht abschrecken: Sie waren heute hierhergekommen, um den Unternehmen zu zeigen, dass sie auch anspruchsvollere Aufgaben bewältigen können.

Lidl-Vertreter Michael Giesecke, der mit den Jugendlichen in der Runde saß, hörte sich diese Erfahrungsberichte kopfschüttelnd an. „Dann ist es ja klar, dass Sie nach dem Praktikum keine Einzelhandelskauffrau mehr werden wollen. Aber der Beruf ist ja viel mehr als nur Regale einräumen!“ Giesecke fordert mehr Betreuung für Praktikanten – aber dafür müsse man auch selbst aktiv werden und auf seine Rechte pochen. „Natürlich ist das auch schwer“, räumte er ein. „Selbst ich überlege mir bei meinem Vorgesetzten zwei Tage vorher, wie ich ein solches Gespräch aufbaue.“ Auch Erwachsene im Anzug sind manchmal unsicher und kriegen es trotzdem hin, könnte eine Erkenntnis der Jugendlichen sein, die ihm aufmerksam zuhörten.

„Was wir uns wünschen!“

Im Vordergrund steht ein Laptop. Im Hintergrund sind drei Jugendliche zu sehen, die auf einen Laptop schauen.Bildzoom
Ideen und Wünsche direkt an die Infowall im Saal posten

Die eigenen Rechte kennen und bessere Bedingungen für ihren Berufseinstieg schaffen – genau das wollten die Jugendlichen auf der Ausbildungskonferenz tun.

Sie diskutierten und stellten sich die Fragen: Was sollen die Unternehmen bieten? Was kann die Politik tun? Und was können wir Jugendlichen selbst tun, um besser in die Ausbildung zu kommen?

Den ganzen Tag über sammelten sie Ideen, posteten ihre Wünsche und Vorschläge per Computer und Smartphone öffentlich an die große Infowall im Saal oder notierten sie auf Zettel, um sie in den Ideenboxen auf den Tischen zu sammeln.

„Wir wollen im Praktikum die Chance bekommen, uns zu beweisen.“ „Ich möchte im Büro auch mal einen Brief schreiben oder telefonieren.“ „Wenn meine Bewerbung abgelehnt wird, möchte ich wissen, was ich beim nächsten Mal besser machen muss.“

Diese Wünsche und viel mehr sollen auf der großen Abschlusskonferenz in Berlin im Buch der Ideen präsentiert werden.

„Wir können was!“

Auf der KAUSA Jugendforum Ausbildungskonferenz haben die Jugendlichen ihre Stärken in den Vordergrund gestellt.

Ein Junge erzählte im Tischkreis von seinem Praktikum im Dönerladen: „Ich bin schnell und ich weiß, wie wichtig Sauberkeit ist.“ Außerdem spricht er Türkisch, Deutsch und Englisch. Und wie er sprechen viele der jungen Menschen mit Migrationshintergrund mehrere Sprachen und bewegen sich ganz selbstverständlich in unterschiedlichen Kulturen.

Auch auf der Bühne zeigten sie ihren Fähigkeiten und ihr Selbstvertrauen. Yasar und Ilker rappten Texte, die sie selbst geschrieben hatten, Lia und Mirjieta erzählten aus ihrem Leben und von ihren Stärken, und auch Aysu stellte sich vor das große Publikum und erklärte: „Ich bin sehr ehrgeizig, und wenn ich etwas will, dann arbeite hart dafür. Ich lass' mich nicht unterkriegen.“ Und dann lachte sie: „Und ich hab' eine gute Ausstrahlung!“

„Was macht man eigentlich als Polizist?“

In den Gesprächen nutzten die Teilnehmenden auch die Chance, zahlreiche Ausbildungsberufe kennenzulernen - wie Lagerlogistik, Fachinformatik, Bürokommunikation und vieles mehr. Vertreterinnen und Vertreter der Unternehmen, darunter die BASF, die Mannheimer Polizei und attraktive kleinere Mittelständler stellten ihre Betriebe und Ausbildungsberufe vor und boten sich zum Gespräch an.

Viele hatten auch ihre Auszubildenden mitgebracht, die stolz neben ihren Ausbildern saßen und so manchen jungen Teilnehmenden die Berührungsängste nahmen. Also wurde einfach gefragt, geradeheraus und ohne Scheu: „Was für Tests werden zur Einstellung gemacht?“, „Habe ich auch mit schlechten Noten eine Chance?“, „Kann ich bei euch aufsteigen?“, „Wann bekommt man als Polizist seine erste Pistole?“

„Wir wollen uns bewerben!“

Junges Mädchen mit kurzen Haaren und einer Brille füllt eine Karte aus.Bildzoom
Nur noch schnell die Profilcard ausfüllen ...

„Was muss ich tun, wenn ich Polizistin werden will?“ fragte ein junges Mädchen. Thomas Zachler von der Polizei Mannheim gab den Tipp, abends immer die Tagesschau zu gucken – man müsse als gute Polizistin ja wissen, was so los sei.

Viele Unternehmensvertreter wiesen darauf hin, dass sich die Jugendlichen auch bei den kleineren Unternehmen bewerben sollten, anstatt sich immer nur auf die großen Konzerne zu konzentrieren. Die potenziellen Bewerberinnen und Bewerber wurden immer wieder ermutigt: „Man kann schlechte Noten durch eine gute Bewerbung wettmachen!“

Und es wurden Nägel mit Köpfen gemacht: Ein Mädchen schüttelte Dominic Scheuermann von der BASF zum Abschied die Hand und überreichte ihm ihre Jugendforum-Profilcard. Alle jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sie dabei – die Kurzbewerbung mit persönlichen Daten, Interessen und Stärken. Die erste Hürde war überwunden, der Kontakt geknüpft.

KAUSA Jugendforum – und dann?

„Ich war heute mit meinen 25 Schülern hier“, berichtete eine Lehrerin, „und habe sie kaum wiedererkannt – die waren hier alle ganz anders als in der Schule!“ Und in der Tat: Inspiriert und ermutigt wirkten die jungen Menschen. So war zum Beispiel vielen von ihnen bisher nicht bewusst, dass sie mit ihrer Zweisprachigkeit und ihren Lebenserfahrungen aus unterschiedlichen Kulturkreisen in der Arbeitswelt punkten können. Sie hingen Thomas Zachler von der Mannheimer Polizei an den Lippen, als er vom Polizeiberuf erzählte und verkündete: „Sie sprechen Türkisch, Spanisch, Rumänisch? Perfekt! Bewerben Sie sich bei uns – wir brauchen Sie!“

Junge Menschen wünschen sich Herausforderungen und Anerkennung. Erfolgreiche Unternehmen suchen mündige Mitarbeitende, die selbstbewusst und teamfähig sind, die mitdenken und mitreden. Genau solche Persönlichkeiten haben sie an diesem Tag auf der Ausbildungskonferenz des KAUSA Jugendforum kennengelernt. Der erste Schritt ist gegangen. Und sogar mehr als das: Von den 24 Teilnehmenden des Workshops in Mannheim sind 13 mittlerweile in Ausbildung.


Rapper Yasar (19) erzählt vom Mannheimer Workshop

Zwei junge Männer rappen auf einer Bühne.Bildzoom
„... ein Betrieb, der die Stärken wie 'nen Fingerabdruck sieht ...“

Yasar und Ilker sind auf den Punkt konzentriert, 200 Zuschauer hängen an ihren Lippen, mit Tempo rappen sie kluge Texte und sind trotz Lampenfieber charmant und cool. Den Rap zur Eröffnung der Ausbildungskonferenz haben sie im Workshop vorbereitet.

Nicht jeder stellt sich mal eben vor 200 Leute und rappt. Yasar und Ilker haben sich getraut. Sie haben vor großem Publikum ruhig Blut bewahrt und alle mitgerissen. Moderatorin Rosa Omeñaca Prada und Yasar Cete im Interview:

Rosa: „Yasar, du bist ein Künstler, das kann man auf jeden Fall so sagen. Hast du gewusst, dass das eine Stärke von dir ist?“

Yasar: „Naja ... ich mach das einfach gern, das ist ein Hobby.“

Rosa: „Das ist aber eine Stärke! (Zum Publikum:) Er hat ja den Text selber geschrieben. Yasar, warum bist du zu dem Workshop gegangen?“

Yasar: „Ich hab nicht gewusst, was ich machen soll. Ich hatte ein schlechtes Zeugnis, und es ist ja auch viel passiert. Und dadurch bin ich eher gesunken. Ich war beim ikubiz und habe dort mit jemandem gesprochen und gefragt, wie er mir helfen kann bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Er hat mir gesagt: Mach' doch beim KAUSA Jugendforum mit - das könnte dich vielleicht weiterbringen! Das Problem ist, dass mein Alter schon zu hoch ist. Bei mir in der Klasse sind welche, die sind 16 - ich bin schon 19.“

Frau befragt einen jungen Mann in einem weißen Sweat-Pullover auf der Bühne mit einem Mikrofon. Er beantwortet ihre Frage.Bildzoom
Yasar im Interview

Rosa: „Weißt du schon, was du machen möchtest?“

Yasar: „Im Workshop haben wir ja Betriebe kennengelernt. Ich war bei Daimler und hab mich dort mit einem Azubi unterhalten, der Fertigungsmechaniker lernt. Ich hab' auch gesehen, was die da machen, und es hat mir sehr gefallen.“

Rosa: „Ich weiß ja, dass du vor dem KAUSA-Workshop gedacht hast: Hm, was soll ich denn da?“

Yasar: „Ja – der erste Tag war so: Ich bin angekommen, hab mich hingesetzt. Ich hab gar keinen gekannt und dachte: Was mach ich hier? Ich hau' gleich wieder ab. Aber dann wurde es ziemlich lustig. Man hat sich untereinander kennengelernt und mittlerweile kommt's mir so vor, als würde ich die Gruppe schon ewig kennen.“

Rosa: „Ihr habt ja in dem Workshop auch eure Stärken erforscht. Welches sind denn deine Stärken?“

Yasar: „Jaaa ... ich bin lustig drauf (Gelächter im Saal). Ich hab' Ausdauer, bin kontaktfreudig, kann mit Leuten gut umgehen und höre mir gern Probleme anderer Leute an. Ich bin Kurde, und allein das - ich kann Deutsch, Kurdisch, Türkisch und ein bisschen Englisch. Ich kenne mehrere Kulturen, und es ist immer aufregend zu wissen, wie die anderen leben.“

Rosa: „Meinst du, das ist etwas, was du in die Unternehmen einbringen kannst?“

Yasar: „Ich glaube schon! Früher habe ich das nicht geglaubt, aber jetzt schon. Früher habe ich bei Bewerbungen immer nicht genau gewusst – soll ich jetzt schreiben, dass ich Türke bin? Soll ich schreiben, dass ich Kurdisch kann? Weil manche Betriebe sagen: Nee, das ist ein Ausländer, ich nehm' den nicht. Die Erfahrung habe ich gemacht. Aber jetzt seh' ich das als Stärke - und so schreib ich das jetzt auch in meine Bewerbungen.“

Autorin: Anne Gassen