Auftaktkonferenz zum Start des Programms JOBSTARTER

Mehr als 350 Fachleute kamen bei der Auftaktkonferenz in Berlin zusammen, um sich über das neue Programm JOBSTARTER des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu informieren und Erfahrungen mit anderen Ausbildungsprojekten auszutauschen.

Die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan auf dem Podium. Sie hält eine Rede.

Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan

JOBSTARTER

Eröffnet wurde die Konferenz mit einem Beitrag der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan, MdB.

Sie wies auf die Notwendigkeit verstärkter gemeinsamer Anstrengungen aller gesellschaftlichen Gruppen hin, den jungen Menschen unseres Landes eine berufliche Perspektive und der Wirtschaft qualifizierten Nachwuchs zu sichern.

In der vom Fernsehjournalisten Andreas Ernst moderierten Diskussionsrunde tauschten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Verbänden ihre Ansichten über eine zukunftsorientierte Berufsbildungspolitik und -praxis aus.

Ablauf der Konferenz

Blick ins Publikum bei einer Konferenz: Im Vordergrund zwei Frauen, die aufmerksam zuhören.

In den Workshops informierten sich die Teilnehmenden über die einzelnen Förderbausteine des Programms.

JOBSTARTER

Auf dem Podium kamen zusammen Andreas Storm (Parlamentarischer Staatssekretär BMBF), Prof. Dr. Johanna Wanka (Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg), Ingrid Sehrbrock (Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes), Ulla Burchardt (Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag), Dr. jur. Dr.-Ing. E.h. Heinrich von Pierer (Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG) und Otto Kentzler (Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks).

Auszüge aus den Redebeiträgen der Referentinnen und Referenten finden Sie am Ende der Dokumentation.

Anschließend erläuterten Manfred Kremer, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), und Peter Thiele, Referatsleiter des BMBF, Hintergründe und Ausrichtung des neuen Programms.

Deed Knerr, Schauspieler der Theatergruppe Scharlatan, war dem Publikum als Prof. Dr. Lichtenberg vom Institut für Angewandte Kommunikationswissenschaft an der Dänischen Technischen Universität in Nørre Lingby/København angekündigt worden.

Der vermeintliche Professor warf in einer akademisch klingenden, aber sinnfreien Rede von außerhalb der Grenzen unseres Landes einen Blick auf die Berufsausbildung in Deutschland – sehr zur Belustigung der Konferenzteilnehmer.

Da das JOBSTARTER-Programm aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds (ESF) kofinanziert wird, war es auch Ziel der Konferenz, die europäischen Perspektiven und die Einordnung in die europäische Struktur- und Beschäftigungspolitik mit zu berücksichtigen:

Klaus Müller von der Europäischen Kommission gab daher zunächst einen Überblick über die Ziele der europäischen Bildungs- und Beschäftigungspolitik und ging dann auf die Bedeutung des ESF – einschließlich Ausblick auf die neue ESF-Förderphase ab dem Jahr 2007 – ein.


Die Workshops

Fünf parallel laufende Workshops informierten dann über die Förderbedingungen und einzelne Förderbausteine des neuen Programms.

Workshop I

Drei Personen sitzen nebeneinander auf dem Podium.

Hans Ulrich Knaack, Gabriele Marquardt, Kornelia Raskopp (von links nach rechts)

JOBSTARTER

Im Workshop I standen die formalen Anforderungen an Förderanträge im Mittelpunkt: Unter anderem ging es hierbei um die Definition der Zusätzlichkeit eingeworbener Ausbildungsplätze, die Frage der aufzubringenden Eigenmittel, die gemeinsame Antragstellung mehrerer Träger sowie Fristen und Projektlaufzeiten im Rahmen der ersten und der geplanten weiteren Förderrunden.

Die zentralen Fragen und Antworten wurden nach der Veranstaltung in der FAQ-Liste zum JOBSTARTER-Programm auf der JOBSTARTER-Website veröffentlicht.

Workshop II

Frontalaufnahme: Drei Männer sitzen an einem Tisch und schauen in die Kamera.

Sean Patrick Saßmannshausen, Dr. Achim Hoth, Matthias Hartmann (von links nach rechts)

JOBSTARTER

Workshop II befasste sich exemplarisch mit Ausbildungsplatzpotenzialanalysen, die im Rahmen von STARegio und Regiokom durchgeführt wurden: im Gesundheitssektor, in einzelnen Branchen des Handwerks sowie bei jungen und neu gegründeten Unternehmen.

Voraussetzung jeder Projektarbeit sind umfassende Kenntnisse der regionalen Strukturen, die für Stand und Entwicklung der Ausbildungssituation bedeutsam sind. Systematisch erarbeitet werden diese im Rahmen von Branchen- oder Ausbildungsplatz- potentialanalysen (Förderbaustein 1).

Dabei kommen bisher schon ganz unterschiedliche methodische Ansätze zum Tragen: häufig basierend auf Betriebsbefragungen, zum Teil aber auch allein gestützt auf die Auswertung sekundärstatistischen Materials.

Wünschenswert wäre hier eine stärkere Unterstützung der Projekte durch Wissenschaft und Forschung, z.B. durch Bereitstellung von erprobten Standardinstrumenten, aber vor allem durch tragfähige Konzepte zur Analyse und Interpretation der erhobenen Daten.

Moderiert wurde Workshop II von Christoph Acker (JOBSTARTER beim BIBB). Die Referenten waren Matthias Hartmann (Handwerkskammer Hamburg), Sean Patrick Saßmannshausen (Institut für Gründungs- und Innovationsforschung, Bergische Universität Wuppertal) und Dr. Achim Hoth (REDEG – Regionale Dienstleistungs- und Entwicklungsgesellschaft).

Workshop III

Fünf Personen (zwei Männer, drei Frauen) sitzen an einem Tisch bei einer Diskussion nebeneinander. Die Frau in der Mitte spricht ins Mikrofon.

Dieter Hahnel, Wolfgang Stange, Katharina Kanschat, Maria Casan, Elvira Stegnos (von links nach rechts)

JOBSTARTER

Im Workshop III berichteten Verantwortliche von vier Projekten über ihre Erfahrungen mit Verbundausbildung und externem Ausbildungsmanagement. Dabei ging es unter anderem speziell um die Frage, wie Betriebe von Inhabern ausländischer Herkunft für eine Ausbildung gewonnen werden können.

Die Verbundausbildung (Förderbaustein 5) ist bekanntermaßen eine geeignete Möglichkeit, um Betriebe an eine Ausbildung heranzuführen, die alleine dazu nicht in der Lage oder (noch) nicht dazu bereit sind. Häufig sind jedoch erhebliche Vorbehalte auf Seiten der Unternehmen auszuräumen; auch ist es nicht immer einfach, die passenden Partner zueinander zu führen.

Deshalb bedarf es in der Regel besonders erfahrener und kompetenter Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeiter und einer gewissen Anlaufzeit, bis es zu ersten Erfolgen kommt. Dies gilt insbesondere für Projekte, die sich an Betriebe mit Inhabern ausländischer Herkunft richten.

Deshalb ist es vielfach nicht ratsam, sich allein auf die Initiierung und Begleitung von Ausbildungsverbünden zu stützen, sondern diese Arbeit als Sonderfall des externen Ausbildungsmanagements (Förderbaustein 4) zu begreifen. Dabei geht es um ein umfassendes Dienstleistungsangebot, das für jedes ausbildungsbereite Unternehmen speziell zuzuschneiden ist: von der Übernahme administrativer Aufgaben, über die Unterstützung bei der Gewinnung und Auswahl geeigneter Auszubildender, bis zur Begleitung der Ausbildung (insbesondere in Krisensituationen).

Dabei liegt der Schwerpunkt der Arbeit im Bereich der Anbahnung des Ausbildungsverhältnisses und – im besonders kritischen Zeitraum – des ersten halben Jahres der Ausbildung. Insofern dürfte sich die Tatsache, dass die geförderte Projektlaufzeit in der Regel nicht die gesamte Ausbildungszeit abdeckt, in der Regel als unproblematisch erweisen.

Moderiert wurde der Workshop von Katharina Kanschat (JOBSTARTER beim BIBB). Die Referenten waren Elvira Stegnos (ikubiz Mannheim), Maria Casan (STARegio-Projekt Verbundausbildungsmodell Südniedersachen VAMOS, Göttingen), Dietmar Hahnel (Ausbildungsnetzwerk Altmark e.V.) und Wolfgang Stange (STARegio im Kreis Warendorf).

Workshop IV

Drei Personen sitzen bei einer Tagung nebeneinander an einem langen Tisch.

Burkhard Schäfer, Christoph Czerwinka, Sylke Freudenthal (von links nach rechts)

JOBSTARTER

Die Workshops IV und V beschäftigten sich – der Struktur der Förderbausteine des JOBSTARTER-Programms folgend – mit verschiedenen Projektansätzen. So behandelte Workshop IV zum einen verschiedene Formen und Zielsetzungen von Stiftungen, die sich (auch) der Sicherung und Ausweitung des Ausbildungsangebotes widmen. Zum anderen schilderten Ausbildungsplatzentwickler ihre Arbeit im Rahmen der Gewinnung zusätzlicher Ausbildungsplätze und neuer Ausbildungsbetriebe.

Die Ausbildungsplatzakquise oder Ausbildungsplatzentwicklung (Förderbaustein 3) setzt eine Potentialanalyse voraus: Welche Betriebe lassen sich mit Aussicht auf Erfolg auf die Aufnahme einer Ausbildung oder die Erweiterung ihres Lehrstellenangebotes ansprechen?

Die zu kontaktierenden Betriebe sollten im Hinblick auf Branche, Region und/oder spezielle Merkmale der Betriebsinhaber (z.B. Existenzgründer oder junge Unternehmen) eingegrenzt werden.

Dies setzt fundierte Vorkenntnisse der Akquisiteure voraus und ist kaum möglich ohne eine enge Anbindung an wirtschaftsnahe Einrichtungen. Die Kammern oder Wirtschaftsförderer stellen nicht nur das notwendige Adress- und Datenmaterial zu Verfügung, sondern erleichtern auch den Zugang zu den Betrieben.

Bisherige Erfahrungen im Bereich der Ausbildungsplatzakquise zeigen, dass die Einbindung in regionale Netzwerke und die Einschaltung lokaler Multiplikatoren die eigene Arbeit in starkem Maße fördern kann.

Erst seit relativ kurzer Zeit rücken Stiftungen (Förderbaustein 9) mehr ins Gesichtsfeld, wenn es darum geht, finanzielle Mittel zur Sicherung und zum Ausbau des Ausbildungsplatz-angebotes zu gewinnen. Dabei gibt es derzeit – nach Einschätzung von Experten – bei Unternehmen, Vermögensverwaltern und Privatpersonen erhebliche Mittel, die in diesem Sinne zu nutzen wären.

Stiftungsmittel lassen sich in unterschiedlicher Form für Ausbildungsprojekte einsetzen. Vorteilhaft erscheint es in jedem Falle, den Stiftern die Möglichkeit zu bieten, ihre Mittel sehr individuell zweck- und zielgebunden einzusetzen. Dabei lässt sich der Effekt der Stiftungen noch deutlich steigern, wenn nicht nur finanzielle Mittel, sondern auch Patenschaften für Ausbildungsprojekte gewonnen werden.

Moderiert wurde der Workshop von Christoph Czerwinka (BMBF). Referenten waren Bernd Hammes (Handwerkskammer Koblenz), Bernd Brittner (Industrie- und Handelskammer Berlin), Sylke Freudenthal (Veolia Stiftung) und Burkhard Schäfer (SOS-Berufsausbildungszentrum Berlin).

Workshop V

Fünf Personen (drei Männer, zwei Frauen) sitzen bei einer Konferenz nebeneinander an einem langen Tisch. Der Mann rechts außen blickt auf ein Blatt Papier und spricht ins Mikrofon.

Wolfgang Müller-Tamke, Norbert Gudlat, Dr. Anja Nussbaum, Doris Bilko, Magnus Milde (von links nach rechts)

JOBSTARTER

Im Workshop V schließlich stand die Verbesserung der Ausbildungsstrukturen im Vordergrund der dargestellten Konzepte und praktischen Erfahrungen: Diese berührten die Netzwerkarbeit in den neuen Ländern, die Herangehensweise unterschiedlicher Akteure beim Aufbau regionaler Kooperationsstrukturen sowie die neuen Handlungsmöglichkeiten, die das überarbeitete Berufsbildungsgesetz bietet (unter anderem im Hinblick auf die Anerkennung berufsschulischer Ausbildungsgänge).

Die Erfahrungen von Ausbildungsprojekten verdeutlichen, dass eine Einbindung einzelner Aktivitäten in regionale Netzwerke unabdingbar für deren Erfolg ist. Dabei reicht es zumeist nicht aus, bestehende informelle Kontakte (weiter) zu nutzen, sondern es geht vielmehr um den systematischen Ausbau von Kooperationsbeziehungen (mit gemeinsam getragenen Zielsetzungen und Absprachen über die jeweils einzubringenden Ressourcen).

Wenn dies auf eine größere Region bzw. eine umfassende thematische Aufgabenstellung bezogen sein soll, sind häufig einzelne Projekte personell überfordert. Deshalb werden im Rahmen von JOBSTARTER Aufbau, Betreuung und Moderation von Ausbildungsnetzwerken (Förderbausteine 7 bzw. 8) finanziell unterstützt.

Zu einem speziellen Förderbaustein des neuen Programms liegen naturgemäß bisher kaum auswertbare Erfahrungen vor: Diese betreffen jene Maßnahmen, die der Verbesserung der Kooperation von Wirtschaft und Schule dienen sollen (Förderbaustein 6) und auf die Möglichkeiten des veränderten Berufsbildungsgesetzes zurückgreifen. Hierzu liegen im Wesentlichen Konzepte und entsprechende Richtlinien aus einzelnen Bundesländern vor. Aufgabe geförderter Projekte dürfte es sein, zur Umsetzung dieser Modelle und zur systematischen Auswertung entsprechender Erfahrungen beizutragen.

Moderiert wurde der Workshop von Magnus Milde (BMBF). Referenten waren Norbert Gudlat (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW), Dr. Anja Nussbaum (Industrie- und Handelskammer zu Berlin), Dr. Hans-Peter Schmidt (Industrie- und Handelskammer zu Leipzig), Doris Bilko (Bergische Initiative Pro Ausbildung Solingen), Wolfgang Müller-Tamke (JOBSTARTER beim BIBB) und Dr. Günter Albrecht (GEBIFO).


Offene Runde

Anschließend hatten die Konferenzteilnehmerinnen und Konferenzteilnehmer die Gelegenheit, in einer offenen Runde ihre Meinungen und Anmerkungen zu der Veranstaltung zu äußern. Die spannensten Aussagen haben wir für Sie notiert:

Diskussion: Austausch im europäischen Raum

„Ich vertrete eine englische Gesellschaft, die international in der Automobilbranche tätig ist. Ich habe manche Konferenz mitgemacht, und diese hier finde ich ganz ausgezeichnet. Was wir hier in den letzten 2 Tagen gelernt, erfahren, an Austausch gehabt haben, hat uns sehr angeregt. Und dafür möchte ich mich bei den Teams von BMBF und BIBB sehr bedanken. Ich hätte noch eine Frage an Herrn Müller: Sie sprachen die Frage der Transnationalität an.

Wenn ich eben sagte, ich bin im Auftrage einer britischen Gesellschaft, die europaweit tätig ist, börsennotiert, in Arbeit, dann stellt sich natürlich bei der Transnationalität die Frage der Systemähnlichkeit oder Kompatibilität. Ihr Thema war der ESF, aber vielleicht können Sie zur Frage der beruflichen Entwicklung in der EU noch einen kurzen Kommentar geben.“

Müller: „Die Europäische Union, und insbesondere meine Generaldirektion ist sehr vorsichtig, Inhalte vorzuschreiben. Wir machen relativ viel bei der Förderung der Zusammenarbeit, und das ist auch der Gegenstand des EG-Vertrags. Die Gemeinschaft fördert die Zusammenarbeit. Das kann bedeuten, dass man den Austausch organisiert, dass man mit verschiedenen Regionen etwas macht: die ostdeutschen Länder zum Beispiel relativ viel mit den westpolnischen oder mit den tschechischen Regionen. Dass man die Jugendlichen austauscht, Ausbildungsteile in Polen durchführt und Teile von dort hier. Oder dass man Austausch mit Großbritannien macht. Das ist durchaus möglich. Aber für die Inhalte sind die Mitgliedsstaaten verantwortlich.“

„Aber wenn sie einen Auszubildenden zum Beispiel von Polen nach Deutschland empfehlen wollen – oder nach England –, um da seine Erfahrungen zu machen, und sie haben nicht ähnliche Systeme, dann müssen sie das eher gleich lassen.“

Müller: „Das würde ich in der Pauschalität nicht sagen, weil es durchaus möglich ist, sich im deutschen System ergänzende Sachen auszudenken. Es wäre also durchaus möglich, Zusatzmodule zu verabreden. Aber, was man im Einzelnen macht, welche Inhalte man vermittelt, das müsste man dann mit dem polnischen Partner vereinbaren. Die Polen sind sehr an dem deutschen System interessiert. Aber ich warne davor, das 1 : 1 zu kopieren.“

Auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsberufen für Jugendliche schaffen

„Eine Anregung an die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieser Veranstaltung: Man sollte nicht mehr von unversorgten Jugendlichen zu sprechen. Wir müssen die Jugendlichen nicht versorgen, sondern wir müssen ihnen ein auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsberufen und Ausbildungsplätzen zur Verfügung stellen. Und eine Anmerkung zur Ausbildungsreife: Grundsätzlich ist jeder Jugendliche, der einen Ausbildungsberuf erlernen will, ausbildungsreif.

Die Frage ist nur: Wie sehen die Rahmenbedingungen in der Ausbildung auf? Wenn ich ein Verhältnis habe von 1 : 16, dann kann ein Ausbilder nur sehr wenig machen. Wenn man dagegen eine Gruppe von Lernschwächeren hat und man hätte ein Verhältnis von 1 : 7, dann sind das ganz andere Rahmenbedingungen. Das heißt, der Jugendliche wird dann auch befähigt, sich innerhalb von drei oder dreieinhalb Jahren die Qualifikationen zum Facharbeiter wirklich anzueignen.“

Ein guter Start

„Ich fand die Veranstaltung sehr interessant, und auch die gestrige Podiumsdiskussion hat doch verschiedene Standpunkte klar gemacht. Und insgesamt muss ich sagen, als Auftaktveranstaltung für Jobstarter, für denjenigen, der schon einmal in solchen Projekten tätig war, war das ein guter Start – weil man ja schon bestimmte Vorkenntnisse mitgebracht hat.“

Viele Anregungen

„Auch ich habe diese Veranstaltung als sehr anregend empfunden. Man hatte ja die Chance, im Rahmen der verschiedenen Workshops, einige Inspirationen für die Förderbausteine mitzunehmen, die man dann im Rahmen des Projekts verwenden kann. Daher von mir ein Lob an die Organisatoren.“

„Ich fand die Möglichkeit toll, in den Workshops andere Projekte kennenzulernen und Anregungen mitnehmen zu können.“

„Die Podiumsdiskussion war recht lang und in einigen Bereichen auch etwas platt. Das hätte man sicher noch etwas differenzierter darstellen können. Aber das sind zum größten Teil auch Leute, die sich selbst darstellen müssen und immer wieder verkaufen müssen. Das müssen die einfach so tun, und das war dann auch okay.“

Andere Formen anerkannter Ausbildung notwendig

„Ich möchte auch erstmal ein Lob aussprechen. Nicht nur für diese Tagung, sondern auch dafür, dass in dieser Zeit leerer Kassen das BMBF – und im Grunde auch das BIBB – 100 Millionen dafür aufbringt, um junge Leute in Ausbildung zu bringen. Das finde ich erstmal wunderbar. Die Kritik, die ich habe, bzw. eine Anmerkung: Das duale System ist sicherlich wunderbar, hat auch große Erfolge, ist immer noch ein Exportschlager.

Aber bei einer Ausbildungsquote von 30 Prozent, nur 30 Prozent der Betriebe, die ausbilden könnten, bilden tatsächlich aus, und angesichts der hohen Schulentlassjahrgänge, die noch kommen, brauchen wir andere Formen anerkannter Ausbildung. Das duale System allein wird diese große Lücke nicht schließen können.“

Mehr Transparenz für Auszubildende

„Ich glaube, die Ankündigung und die Einladung zu der Veranstaltung war wirklich nicht optimal. Weil das ein bisschen als closed shop, als geschlossene Veranstaltung, gehandelt wurde. Das fand ich nicht gut. Sie war nicht wirklich öffentlich angekündigt. Und ich fand die  Informationen im Workshop 1, der ja wiederholt wurde, bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit bis zur Antragstellung, zu unverbindlich.

Das war natürlich gut gemeint, aber da fehlten noch Informationen. Ich habe ein bisschen den Eindruck, es ist noch nicht zu Ende gedacht – zum Beispiel auch, wie Anträge zu bewerten sind. Bei der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit hätte ich mir ein bisschen mehr Verbindlichkeit gewünscht.

Und ich würde gern noch ein Wort zu dem Kollegen sagen, der für die britische Firma arbeitet: Was wir nicht brauchen, ist eine Angleichung der Bildungssysteme, sondern was wir brauchen, ist mehr Transparenz und mehr Bewegungsmöglichkeiten für die betroffenen jungen Menschen, die in Ausbildung stehen.“

Jugendliche für unbeliebte Berufe gewinnen

„Ich bin Vorsitzender eines kleinen Fachverbandes. Wir haben in den letzten Jahren auch mit der Ausbildung in kleinen Betrieben begonnen, wo wir 10, 30 Jahre gar nicht ausgebildet haben. Ich bin etwas unzufrieden. Ich habe nicht erfahren, was ich erwartet habe. Ich denke, es sind viele gekommen, um zu erfahren, wie man die Anträge stellen muss, dass man einen Teil der Gelder kriegt.

Es hat niemand über die Probleme der ungeliebten Berufe gesprochen. Es gibt 360 Berufe, aber man sagt immer, 10 bis 15 sind beliebt bei den Schülern. Aber was ist mit den anderen? Berufe in der Gastronomie sind unbeliebt, aber es gibt 100 Tausende von Betrieben, die zur Ausbildung fähig sind. Aber man muss die Jugendlichen erst darauf vorbereiten. Wir haben in meinem Verband seit kurzer Zeit 70 Betriebe, die nie ausgebildet haben, mit der IHK als Ausbildungsbetriebe registriert und 140 Ausbildungsplätze geschaffen.

Davon haben wir 54 besetzt. Und der Rest wartet auf geeignete Jugendliche. Deshalb denke ich, dass man in Zukunft intensiver überlegen sollte, wie man gemeinsam mit den Schulen, Verbänden und Betrieben Jugendliche auf diese ungeliebten Berufe vorbereiten kann. Und dann haben wir ein Potenzial von 100 und mehr Tausend, wenigstens 30 Tausend Ausbildungsbetrieben und wenigstens 40 bis 50 Tausend Ausbildungsplätzen.“

Europäisierung der Berufsausbildung mitdenken

„Was mir gefehlt hat, ist der Ausblick auf die Europäisierung der Berufsausbildung. Ich habe das Gefühl, das Programm Jobstarter zielt darauf ab, möglichst schnell zusätzliche Ausbildungsplätze zu schaffen und das als politischen Erfolg zu verkaufen. Aber der strukturelle Wandel der Berufsausbildung durch die Europäisierung stellt noch eine große Herausforderung in den nächsten fünf Jahren dar. Ich hätte mir zumindest gewünscht, dass ein Podiumsbeitrag diese Perspektive aufgezeigt hätte.“

Finanzielle Unterstützung oder Eigenmittel

„Eine Frage ist für mich nach wie vor nicht ausreichend geklärt: die Eigenmittel. Der Verweis auf die zweite Welle kann für einige Bildungsträger bedeuten: Uns gibt es dann nicht mehr. Ich möchte klare Aussagen: Wie kann ich das praktikabel umsetzen? 20 Prozent Eigenbeteiligung ist in der heutigen Zeit, wo viele Aufträge vom Arbeitsamt usw. wegfallen, nicht mehr möglich. Wenn ich auf Rücklagen, die meine Existenz sichern, zurückgreifen muss, das geht nicht. Da wären mir mehr Angebote lieb gewesen.“


Fazit

Zum Abschluss zog Veronika Pahl, zum damaligen Zeitpunkt Leiterin der Abteilung Ausbildung, Ausbildungsreform im Bundesministerium für Bildung und Forschung, ein erstes Resümee der Konferenz und stellte fünf Leitmotive heraus, die nach den bisherigen Erfahrungen erfolgreiche Ausbildungsprojekte kennzeichneten:

  1. JOBSTARTER-Projekte bedürfen „absoluter Sachkunde“ der Regionen.
  2. JOBSTARTER-Projekte binden alle relevanten regionalen Akteure ein.
  3. JOBSTARTER-Projekte stellen Transparenz über ihre Ziele, Instrumente und Ergebnisse her.
  4. JOBSTARTER-Projekte sind Service-Agenturen und Dienstleister für Betriebe der Regionen.
  5. JOBSTARTER-Projekte sind nachhaltig.

Stimmen aus der Podiumsdiskussion

Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung

Ein Mann mit Brille spricht ins Mikrofon.

Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär BMBF

JOBSTARTER

Wie können wir erreichen, dass Unternehmen, die bislang noch nicht ausgebildet haben, auch ausbilden? Hier bietet das Programm, das wir heute starten, der Jobstarter, eine Reihe von interessanten Ansatzpunkten.

Ein weiterer Punkt, der ganz stark in den Bildungsbereich hineingeht, ist die Frage: Wie kann man eine Verbesserung der Ausbildungszeiten der Jugendlichen erreichen? Das war ja schon Thema beim Ausbildungspakt. Hier stellt sich die Frage, ob man den Ausbildungspakt auch auf die Länder ausdehnen sollte, denn sie sind ja ganz stark bei diesem Thema involviert.

Eine dritte Thematik, die wir verstärkt und erweitert angehen müssen, ist die Frage: Wie schaffen wir es, dass die jungen Menschen, die keinen Ausbildungsabschluss haben, eine zweite Chance für einen Ausbildungsabschluss bekommen. In der Altersgruppe bis 29 Jahre sind das immerhin 1,3 Millionen junge Menschen.

Und ich nenne einen vierten Punkt, der da auch hineinspielt, wenn wir überlegen, wie es denn mittelfristig weitergeht. So stehen wir, wenn wir nicht verstärkte Anstrengungen unternehmen, im nächsten Jahrzehnt vor einem massiven Fachkräftemangel. Auch hier bietet das Jobstarterprogramm erste Antworten, über die wir reden müssen.

Und wenn Sie diese vier Punkte der qualitativen Weiterentwicklung nehmen, dann haben die natürlich sehr viel mit dem Programm des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu tun.

Wie schaffen wir es, dass mehr Betriebe ausbilden? Was sind die Gründe, warum Betriebe nicht ausbilden? Wenn man sich mal die Struktur anschaut der Betriebe, die ausbilden, dann wird deutlich, dass bei den großen Betrieben und bei den mittleren Betrieben mit mehr als zehn Beschäftigten wir eine Ausbildungsquote von 50 % haben, bei Betrieben mit unter zehn Beschäftigten aber nur eine von 17 Prozent.

Da wird mir Herr Kentzler sicherlich zustimmen, dass der Hauptgrund bei den ganz kleinen Unternehmen nicht in erster Linie die Höhe der Ausbildungsvergütung ist, sondern vor allen Dingen bürokratische Hemmnisse. Das ist ein Punkt, wo wir mit dem Jobstarter-Programm einsteigen, dass wir sagen, diese ganz kleinen Betriebe bekommen Hilfestellung, beispielsweise auch im Verhältnis zur Schule, sie bekommen bei der Abwicklung all der Dinge, die mit der Ausbildung verbunden sind, eine Unterstützung, so dass wir an dieser Stelle ansetzen können.

Ein zweiter Punkt: Wir haben eine sehr problematische Situation bei jungen Migranten. Es gibt aber mittlerweile eine große Zahl von mittelständischen Migrantenunternehmen. Jetzt ist doch die Frage, wie schaffen wir es, dass gerade diese Migrantenunternehmen auch ausbilden, also z.B. ein deutsch-türkischer Mittelständler ist in der Lage, Ausbildungsplätze anzubieten.  Genau an dieser Stelle setzen wir mit Jobstarter an, und ich meine, hier müssen wir auch weiter überlegen. Hier ist ein enormes Potential.

Ich will einen dritten Punkt nennen. Wir setzen an der Stelle ja eher bei den Problemgruppen an. Wenn wir aber an die längerfristige Herausforderung denken, dass wir mit den Ausbildungsplätzen von heute das Innovationspotential unseres Landes von morgen sozusagen festlegen, dann ist es auch entscheidend, dass wir bei neuen Betrieben, bei neuen Branchen sehr rasch Ausbildungsplätze schaffen. Deshalb ist die Frage, wenn es neue Betriebe gibt mit neuen Technologien, die noch überhaupt keine Ausbildungsvergangenheit haben, wie erreichen wir es, dass die schon im Jahre 2006 oder 2007 ausbilden und nicht erst im Jahr 2011.

Wenn wir an diese drei Themen herangehen, dann werden wir es nach meiner festen Überzeugung schaffen, in der Größenordnung von einigen zehntausend zusätzliche Ausbildungsplätze anbieten zu können.

Es gibt Prognosen, die aussagen, dass wir, wenn wir nicht schnell genug reagieren, im nächsten Jahrzehnt schon bis zu dreieinhalb Millionen fehlende Facharbeiter haben. Wir müssen vor allem auf zwei Elemente setzen. Das erste ist ein sehr, sehr starker regionaler Bezug, das hat die Diskussion hier oben ja schon gezeigt. Die Entwicklung in Brandenburg ist völlig anders als etwa die Entwicklung in Nordrhein-Westfalen oder in Bayern. Wenn wir hier nur mit bundeseinheitlichen Ansätzen  herangehen würden, kämen wir nicht weiter. Deswegen verspreche ich mir von dem Programm, das heute gestartet wird, mit dem ja in fünf Jahren insgesamt bis zu etwa 250 regionale Projekte ausgetestet werden können, dass auch vielleicht die eine oder andere Blaupause dabei ist, die wir an anderer Stelle einsetzen können.


Prof. Dr. Johanna Wanka, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

Eine blonde Frau spricht ins Mikrofon.

Prof. Dr. Johanna Wanka, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg

JOBSTARTER

In der Diskussion ist nun mehrfach von Warteschleifen gesprochen worden. Das Phänomen ist für die Länder in der Tat ein großes Problem. Im Bereich der vollschulischen Ausbildung hat es in den letzten 10 Jahren eine Steigerung um 40 Prozent gegeben.

Als Resultat fängt in Deutschland jetzt die berufliche Ausbildung im Durchschnitt mit 19 Jahren an. Diese Zahl macht stutzig, denn 19 Jahre, damit assoziieren wir ein Studium oder das Ende der Ausbildung.

Und für diese jungen Menschen in den sogenannten Warteschleifen sind die Novellierung des Berufsausbildungsgesetzes im letzten Jahr ebenso wie die Diskussionen bei den Paktpartnern sehr wichtig.

Es hat geholfen, dass dort darüber nachgedacht wird: Wie kann diesen jungen Leuten eine Chance gegeben werden? Wie kann das, was sie gelernt haben, angerechnet werden? Wie steht es mit den Kammerprüfungen? Wie können sie überhaupt zugelassen werden zu Prüfungen? Das ist ein Hauptproblemfeld der Länder und wir wollen da gemeinsam mit dem Bund arbeiten, weil natürlich der Bereich der beruflichen Ausbildung nichts ist, was nur in der Länderkompetenz liegt.

Herr Kentzler und auch Herr Storm haben ausgeführt, dass es bei kleinen Betrieben unter 10 Mitarbeitern  ganz schwierig ist, Ausbildung vorzuhalten. In Brandenburg haben 90 Prozent aller Firmen weniger als 10 Beschäftigte. An dieser Stelle möchte ich ein Lob aussprechen für den Aspekt ‚Regionaler Bezug’ im Programm. Denn der Versuch, Rezepte zu finden, die für alle gelten, ist zum Scheitern verurteilt.  Bei uns in Brandenburg muss man unter Umständen ganz andere  Ansätze nutzen als in einem anderen neuen Bundesland. Mit diesem echten regionalen  Ansatz  können wir  Konzepte wie Verbundausbildung nutzen.  Trotz unserer schwierigen Firmenstruktur bilden wir damit so viel aus wie im Bundesschnitt. Das ist eine Leistung der Firmen, die man honorieren sollte.

Hier ist mehrfach von Ausbildungsreife die Rede gewesen, immer mit dem ironischen Unterton, mit der Vorwurfshaltung, die man kennt, die sicher auch in vielen Punkten berechtigt ist. In den Diskussionen dazu taucht immer wieder eine Zahl auf: 20 % unserer jungen Leute, die die Schule verlassen, seien in keiner Weise ausbildungsfähig. Einen Beleg für diese Zahl, beispielsweise in Form einer Untersuchung, gibt es nicht. Vielmehr wird immer aus den PISA-Ergebnissen geschlussfolgert. Wenn man dies tut, muss man aber auch den Vergleich zu den anderen PISA-Staaten herstellen.

Da sind wir ungefähr im mittleren Bereich. Das ist nicht gut, aber es bedeutet andererseits auch, dass wir in Deutschland keine Sondersituation haben. Oft wird gesagt, „Es gibt so viele, denen noch eine gewisse Qualifikation fehlt.“  In unseren Warteschleifen befinden sich jedoch gerade junge Leute mit guten Abschlüssen, mit guten Ergebnissen. Es häufen sich dort keineswegs junge Leute, die zu diesen angeblichen 20 % gehören und beim Lesen oder in Mathematik Schwierigkeiten haben.

Man sollte an dieser Stelle einfach fair sein und feststellen: unser exzellentes duales System hat ein Problem. Um dieses Problem zu lösen, müssen alle Beteiligten miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Und es nützt nichts, den Schwarzen Peter den Schulen oder der Wirtschaft  zuzuschieben.  Wir müssen gemeinsam ein Stück weiter kommen, wenn wir mehr jungen Leuten eine qualifizierte Ausbildung ermöglichen wollen.


Ingrid Sehrbrock, DGB-Bundesvorstand

Eine Frau mit Brille spricht ins Mikrofon.

Ingrid Sehrbrock, Mitglied des Geschäftsführenden Bundesvorstands des Deutschen Gewerkschaftsbundes

JOBSTARTER

Ich würde gerne die Frage nach der Zahl der Berufe aufgreifen und des Modernisierungsbedarfs. Es ist richtig, dass wir in den letzten Jahren sehr große Fortschritte gemacht haben. Wir modernisieren etwa 20 Berufe pro Jahr oder entwickeln sie neu. Das ist enorm. In der Regel wird heute ein solcher Beruf in 24 Monaten entwickelt oder modernisiert. Das ist schon ganz gut. Wir waren eine Zeit lang noch schneller.

Besser ist es, wenn Qualität vor Schnelligkeit geht. Aber die Frage ist doch: Wie stellen wir den Qualifikationsbedarf in der Arbeitswelt für die Zukunft fest, und was bedeutet das dann für Berufe?

Da sind wir ein Stück in der Entwicklung hinter anderen Ländern zurück. In vielen Ländern gibt es Prognosen über den Qualifikationsbedarf. Ich weiß, dass die immer auch schwierig sind, weil sie mit der wirtschaftlichen Entwicklung, mit äußeren und inneren Einflüssen zu tun haben.

Deshalb sind langfristige Prognosen nicht möglich. Aber man geht im Ausland doch etwas systematischer daran, den Bedarf festzustellen, auch als Beratungshilfe für Jugendliche.

Lassen Sie mich zu der Frage der Ausbildungsbeteiligung und wie man es schafft, dass Betriebe sich engagieren, die bisher noch nicht eingestiegen sind, einige Gedanken beisteuern. Wir sind nach wie vor Verfechter der Ausbildungsplatzumlage, wir möchten diese bevorzugt auf Branchenebene und die Gewerkschaften werden das in den Tarifverhandlungen auch versuchen. Es ist ganz klar, dass wir dafür die Arbeitgeber brauchen, alleine setzen Gewerkschaften das nicht durch. Man könnte sich auch, wenn es um die finanziellen Belastungen der ausbildenden Betriebe geht, eine andere, eine kleine Umlage vorstellen, nämlich den Verzicht der Kammern auf die Prüfungsgebühren, so dass mit den Kammerbeiträgen aller Betriebe auch die Kosten für die Prüfungen übernommen werden.

Bei aller Sorge, die wir jetzt bezüglich der Zahl der Ausbildungsplätze haben, möchte ich das Augenmerk auf die Frage der Qualität der beruflichen Bildung lenken. Wir haben in den letzten Jahren in verschiedensten Berufen die qualitativen Anforderungen ein Stück hochgeschraubt, das gilt für die allgemeinbildenden Schulen durch die Standards, das gilt für die Universitäten – die Bachelor- und Master-Studiengänge werden zertifiziert, mit dem Ziel der Qualitätssicherung –. Wir müssen auch bei der beruflichen Bildung die Qualität in den Blick nehmen.

Der DGB hat ein online-Beratungsprojekt unter dem Namen „Dr. Azubi“, an das sich viele junge Leute wenden, die Probleme in der Ausbildung haben. Manche finden, dass sie nicht gut genug ausgebildet werden, dass kein Ausbilder da ist, oder dieser nicht gut qualifiziert ist. Wir müssen uns deshalb auch über Qualitätssicherungssysteme in der Berufsbildung unterhalten. Dazu gehört für uns auf jeden Fall, die Ausbildereignungs­verordnung wieder in Kraft zu setzen. Sie auszusetzen für 5 Jahre war das völlig falsche Signal. Aber man muss auch über Qualitätssicherungssysteme nachdenken.

Heute spricht man ja von Input- und Outputorientierung und von Prozessorientierung in allen Bereichen des Bildungssystems. Da sollte man die Berufs­bildung sowohl in den Betrieben als auch in den Schulen nicht außen vor lassen. Ich denke, von Zeit zu Zeit müssen Betriebe sich einem Check stellen. Das ist jedenfalls ein Resümee, das wir aus unserem Beratungsprojekt „Dr. Azubi“ aufgrund der Rückmeldungen junger Menschen ziehen.


Ulla Burchardt, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag

Frau mit Brille spricht ins Mikrofon.

Ulla Burchardt, Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung im Deutschen Bundestag

JOBSTARTER

Wir haben seit Jahren eine Unterversorgung mit Ausbildungsplätzen. Das führt dazu, dass mittlerweile ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung keinen Berufsabschluss hat.

Wie sieht das denn für die Zukunft aus, ist das Berufsbildungssystem fit für die Zukunft? Die Frage wird sich natürlich auch daran entscheiden, ob es angesichts des zunehmenden Fachkräftebedarfs genügend Ausbildungsplätze geben wird.

Werden wir alle die mitnehmen können, die seit Jahren ‚geparkt’ werden in Warteschleifen und die bis jetzt keine Chance bekommen haben?

Zum Stichtag waren 40.000 Jugendliche als suchend gemeldet, nach jetzigem Stand sind 17.500 nicht vermittelt. Das Spannende ist also die Frage: Was ist mit denen dazwischen passiert, die nun nicht mehr in der Statistik auftauchen? Jahr für Jahr sind immer mehr junge Menschen aus dem Blick geraten, weil die Statistik sie nicht mehr aufgeführt hat. Also: 4.700 davon haben eine Berufsausbildung angefangen und die meisten anderen absolvieren Einstiegsqualifikationen oder berufsvorbereitende Maßnahmen.

Diese will ich nicht herunterreden, aber das ist keine Berufsausbildung. Und dennoch sind diese Jugendlichen aus der Statistik verschwunden. Deswegen müssen wir - und da kann ich Frau Schavan nur sehr unterstützen – ein besonderes Schwergewicht darauf legen, dass niemand in Sackgassen gerät und niemand ohne Perspektive bleibt. Wir müssen uns insbesondere um die kümmern, die noch draußen sind – wir müssen sie hereinholen.

Zu dem Punkt Ausbildungsreife. Ich weiß, dass es Jugendliche gibt, die Schwierigkeiten haben, acht Stunden durchzuhalten oder morgens überhaupt nur pünktlich aufzustehen. Aber so zu tun, als sei eine ganze Generation im Grunde genommen dumm und nicht reif, eine vernünftige Berufsausbildung zu machen, ist völlig überzeichnet und wird den jungen Menschen nicht gerecht.

Ich möchte aber noch einen Satz zu dem sagen, was notwendig ist, um Schwächere zu integrieren. Das war ein Gedanke, den Frau Ministerin eingangs erwähnt hat und der bei der Reform des Berufsbildungsgesetzes berücksichtigt wurde: Wir haben die Möglichkeit geschaffen, Vorqualifikationen anzurechnen, wenn anschließend eine Berufsausbildung aufgenommen wird. Ich halte das für ganz wichtig, um Lebenszeit und sonstige Ressourcen nicht zu verschleudern.

Einen weiteren Punkt hat Frau Wanka angesprochen: Wir haben mit der BBiG-Reform die Möglichkeit geschaffen, Absolventen vollzeitschulischer Ausbildungsgänge bei der IHK zur Kammerprüfung zuzulassen. Und damit frage ich Sie, Frau Wanka, als Ländervertreterin: Warum machen nach dem derzeitigen Erkenntnisstand die Länder so wenig Gebrauch davon und erlassen entsprechende Rechtsverordnungen? Wenn diese beiden Punkte aufgegriffen würden, dann gäbe es mehr Flexibilität und wir könnten den Jugendlichen Stufe für Stufe den Weg in die berufliche Ausbildung und auch ins Berufsleben ebnen.


Dr. jur. Dr.-Ing. E.h. Heinrich von Pierer, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Siemens Aktiengesellschaft

Älterer Mann mit Brille spricht ins Telefon.

Dr. jur. Dr.-Ing. E.h. Heinrich von Pierer, Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens AG

JOBSTARTER

Es gibt noch ein paar grundsätzliche Themen. Der eine Punkt ist gerade schon angesprochen worden. Das ist die Frage der mangelnden Qualifikation. Bei uns bewerben sich 60.000 junge Leute für die 2.500 Plätze. 45.000 Bewerbungen werden gleich ausgesondert, weil es sich offenbar nicht lohnt, den Bewerbungen nachzugehen.

15.000 dürfen die Tests machen, und 2.500 werden genommen. Aber mir wird erzählt, und ich habe mich extra noch mal mit den Ausbildern unterhalten, dass 20 % der Schüler nicht ausreichend lesen und schreiben können.

In Bayern sind dies die Hälfte, also nur 10 %, das ist auch immer noch zu viel. Aber das zeigt das Gefälle. In Berlin ist z.B. die Zahl besonders hoch. Das ist ein Punkt, wo man noch mal ansetzen muss, und Sie haben ja gerade darauf hingewiesen, dass die Kultusministerkonferenz auch so handelt.

Das zweite – die Gewerkschaft hört es nicht gern, aber man muss es auch mal sagen – ist, das für viele, gerade mittelständische Betriebe die Ausbildung zu teuer geworden ist. Es kostet halt 650 €, glaube ich, im Schnitt.

Es gibt genügend, die das dann einfach nicht machen, und das muss man einfach mal zur Kenntnis nehmen. Bei uns geht es im ersten Lehrjahr von 750 bis 1.000 €. Jetzt will ich nicht für Siemens gerade sagen, dass das der entscheidende Punkt ist, aber ich weiß, bei vielen Mittelständlern ist es so, und man muss es zur Kenntnis nehmen.

Dann wird darüber geklagt, dass die Ausbildung zu lang ist. Auch das ist offenbar ein ständiger Streitpunkt. Mir wird von den Ausbildern gesagt, am besten wären zwei Jahre, maximal drei Jahre, aber das es häufig dreieinhalb Jahre sind, wird einfach als zu lang angesehen. Das lässt sich doch ändern.

Der nächste Punkt, der ein Hindernis ist, ist die Übernahmeverpflichtung. Wir bilden über Bedarf aus, das ist ganz klar, das haben wir auch so mit dem Betriebsrat verabredet. Gegenüber dem Betriebsrat haben wir keine Übernahmeverpflichtung, aber nach dem Tarifvertrag muss man heute Lehrlinge, die man in die Ausbildung nimmt, für zwölf Monate übernehmen. Und das trifft natürlich die andern auch so. Das ist ein Ausbildungshindernis. Wenn man  wirklich die Dinge in Bewegung bringen will, dann muss man auch bei diesen Dingen ansetzen und nicht sagen, da muss man Leute schützen oder ich weiß nicht was.

Und der letzte Punkt, der ist auch gerade angeklungen, das ist natürlich die Frage der verschiedenen Berufsbilder, der Ausbildungsberufe. Es gibt 350, so wurde mir gesagt. Das sind bedeutend zu viele. Man müsste das Ganze straffen, aber gleichzeitig noch flexibler werden, als wir das in der Vergangenheit schon geworden sind.

Auch bei der Frage, wie wir mehr Menschen in die Ausbildung kriegen, gibt es keinen Königsweg. Genausowenig, wie es einen Königsweg aus der Arbeitslosigkeit bei uns gibt. Es gibt keinen Königsweg, sondern es gibt viele kleine Schritte und viele kleine Stellschrauben. Es mag schon sein, dass der Punkt, wie Sie es gerade gesagt haben, dass man Lesen und Schreiben kann, bei den Betrieben an erster Stelle steht. Aber die anderen Themen gibt es eben auch.

Und wir müssen an allen Schrauben arbeiten, um die Dinge weiter zu bringen und nicht Dinge wegschieben und sagen, da jammern Sie zuviel, das sind altbekannte Positionen. Ich habe eines gelernt in meinem Berufsleben: Man muss bestimmte Positionen, die man für richtig hält, so lange wiederholen, bis es allen auf den Geist geht, dann hat man vielleicht eine Chance, dass man sich durchsetzt und was verändern kann.


Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks

Älterer Mann spicht ins Mikrofon.

Otto Kentzler, Präsident des Zentralverbands des deutschen Handwerks

JOBSTARTER

Das Handwerk verbindet mit dem JOBSTARTER-Programm die Hoffnung, vor allem solche Betriebe zu Ausbildungsbetrieben zu machen, die zurzeit keine Lehrstellen zur Verfügung stellen.

Nach der letzten Novelle der Handwerksordnung registrieren wir beispielsweise einen überproportionalen Zuwachs an Kleinst- und Kleinbetrieben, gerade in den sogenannten B1- und B2-Handwerken.

Auffallend dabei ist, dass mit abnehmender Betriebsgröße auch die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe abnimmt. Das hat Gründe. So sehen sich kleinere Betriebe mit der Anbahnung eines Ausbildungsverhältnisses sowie auch mit der Durchführung einer Berufsausbildung, die ja heute häufig recht breit angelegt ist, überfordert.

Genau hier müssen Unterstützungsmaßnahmen ansetzen, die von unseren Bildungseinrichtungen geleistet werden können, beispielsweise die Vorauswahl geeigneter Schulabgänger oder die Organisation von Ausbildungsverbünden, die sich die Ausbildung eines Lehrlings einfach teilen.

Genau das sind die Ansätze, die uns weiterbringen und genau dafür brauchen wir JOBSTARTER. Denn die Erfahrungen, die wir jüngst bei der Umsetzung des Ausbildungspaktes mit dem verdienstvollen Einsatz unserer Ausbildungsplatzentwickler gemacht haben, die 16.000 neue Ausbildungsplätze einwerben konnten, lehrt uns: Wenn wir unseren Betrieben Hilfestellungen anbieten und Dienstleistungen im Ausbildungszusammenhang erbringen, also aktives Ausbildungsmanagement betreiben, dann steigt die Ausbildungsbereitschaft - unsere Betriebe fühlen sich in der Wertegemeinschaft „Handwerk“ eingebunden –  und das ist eine wichtige Erkenntnis!

Ernst: Herr Kentzler, stimmt das, meinen Sie, dass das Gehalt bei einem Azubi da nicht die entscheidende Rolle spielt, ob einer ausbildet oder nicht?

Kentzler: Ich möchte das etwas differenzieren. In dem einen oder anderen Fall kann das so sein, wenn von den Tarifpartnern sehr hohe Ausbildungsvergütungen festgelegt worden sind. Ich kann jetzt wieder nur auf mich verweisen. Wer bei uns die Lehre beginnt, der ist im zweiten Jahr schon in der Lage, in die Wertschöpfung der Firma mit einzugreifen und sein Geld zu verdienen. Von daher glaube ich, ist dieser Fokus isoliert auf die Ausbildungsvergütung falsch.

Und deswegen sehe ich Jobstarter einfach auch als Ergänzung, als Motivation für diejenigen, die noch ausbilden könnten, die aber bisher noch nicht ausgebildet haben, sie zu bewegen, sie zu unterstützen.