Bundeskonferenz „Chance Beruf“ – ein neues Konzept zur Stärkung der beruflichen Bildung

Am Puls der aktuellen Bildungsdebatten: Auf der Bundeskonferenz lud Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Wanka dazu ein, über das Konzept „Chance Beruf“ zu diskutieren. Neben viel fachlichem Input gab es Raum für den gemeinsamen Dialog.

Die Bundeskonferenz „Chance Beruf – Zukunft der beruflichen Bildung gestalten“ bot Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft zwei Tage lang eine Plattform, um sich über die Chancen der dualen Ausbildung zu informieren und auszutauschen.

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht am Podium.

Bundesbildungsministerin Wanka stellte ihr Konzept zur Stärkung der beruflichen Bildung vor.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Gastgeberin Prof. Dr. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, begrüßte am 1. und 2. Juli über 400 Teilnehmende aus der Fachöffentlichkeit im Berliner Hotel Pullmann.

Das große Echo belege, „dass die zehn Schwerpunktthemen von Chance Beruf, die wir in Fachforen diskutieren werden, am Puls der aktuelle Bildungsdebatten liegen“, sagte die Bundesbildungsministerin zu Beginn der Veranstaltung.

Moderiert wurde die Konferenz von Dr. Nobert Lehmann (ZDF).

Kommunizieren, sich austauschen und Erfahrungen weitergeben, von den anderen lernen und in der Auseinandersetzung Erkenntnisse gewinnen – all das sollte die Bundeskonferenz den über 400 Teilnehmenden ermöglichen.

Moderator Norbert Lehmann spricht in einem dunklen Anzug auf der Bühne.

ZDF-Moderator Dr. Norbert Lehmann führte durch die Konferenz.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Daher gab es für diese neben zahlreichen Informationen und Impulsen im Plenum auch die Möglichkeit, sich in den Fachforen gezielt intensiv mit einem Thema auseinanderzusetzen und darüber zu diskutieren.

Im Rahmen der Diskussionen setzte sich Ministerin Wanka mit ihrem Plädoyer für mehr Durchlässigkeit zwischen den Bildungsbereichen, für die Erweiterung der Initiative Bildungsketten und für gemeinsame Anstrengungen, um einem Fachkräftemangel entgegen zu wirken, ein.


Der Text verfügt über fünf Kapitel. Sie können diese nacheinander lesen oder aber direkt zu dem für Sie relevanten Thema springen:

„Wir müssen es gemeinsam wollen“ – Ministerin Wanka eröffnet die Konferenz „Chance Beruf“

„Der richtige Qualifikationsmix“ – der Fachvortrag von Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser

„Wir müssen in die Herzen und Köpfe kommen“ – Highlights aus der Podiumsdiskussion

Austausch hoch zehn – Ergebnisse aus den Fachforen

„Ich hätte mich gerne gezehnteilt“ – Eindrücke rund um die Veranstaltung

Oder schauen Sie sich die Highlights in unserem Video an:


„Wir müssen es gemeinsam wollen“ – Ministerin Wanka eröffnet die Konferenz „Chance Beruf“

Teilnehmende der Bundeskonferenz sitzen an langen Tischen.

Über 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen zur Bundeskonferenz „Chance Beruf“.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Los ging es am 1. Juli mit der Eröffnungsrede von Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka.

„Dieses kleine Land mit 1,2 Prozent der Weltbevölkerung ist die viertstärkste Industrienation der Welt. Und wenn es um High-Tech-Güter geht, sind wir die beste“, erklärte die Bundesbildungsministerin.

Selbst Barack Obama und Wladimir Putin lobten das deutsche duale System und auch die OECD würdige inzwischen die dualen Prinzipien der Berufsausbildung in Deutschland, sagte die Ministerin.

Doch nun gehe es darum, die Herausforderungen der Zukunft zu meistern: Demographischer Wandel, Trend zur Akademisierung und Passungsprobleme waren die Schlagwörter, die auf dem Podium fielen.

Abschluss, Anschluss, Aufstieg

Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht am Podium.

Ministerin Wanka will für die berufliche Bildung einstehen.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Die Sicherung des Fachkräftebedarfs gehöre dabei zu den wichtigsten Aufgaben. Insbesondere vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung sei es notwendig, „dass jeder, der in Deutschland lebt, optimal gefördert wird“, erklärte Wanka.

Außerdem müsse ein ausgewogener Qualifikationsmix sichergestellt werden: „Wichtig ist, dass die Balance – berufliche und akademische Ausbildung – ausgewogen bleibt.“ Dabei gehe es nicht darum, zu lenken, betonte die Ministerin, sondern vielmehr darum „die Stärke in der dualen Ausbildung deutlich zu machen“.

Dies ist das Ziel von „Chance Beruf“: „Wir wollen gemeinsam erreichen, dass jeder Jugendliche einen Abschluss erreicht. Wir wollen, dass er nach diesem Abschluss auch einen Anschluss findet und wir wollen, dass er für seinen Aufstieg, für seine Möglichkeiten ein Leben lang die Chance hat, weiter zu lernen und sich zu entwickeln. Hier setzt unsere Initiative Chance Beruf an“, beschrieb Wanka die Kernpunkte des Konzepts.

Abschluss schaffen: Prävention statt Reparatur

Bei so vielen Informationen dürfen Stift und Block nicht fehlen.

Bei so vielen Informationen dürfen Stift und Block nicht fehlen.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Dazu sei es notwendig, Schülerinnen und Schüler frühzeitig zu erreichen. Denn die Grundhaltung des Bildungsministeriums laute „Prävention statt Reparatur“.

Als erfolgreiches Modell führte Wanka die Initiative Bildungsketten an.

So führen beispielsweise Berufseinstiegsbegleiterinnen und -begleiter bereits in der 7. Klasse Potenzialanalysen durch und helfen den Jugendlichen, sich beruflich zu orientieren.

„Wir wollen dieses Angebot der Bildungsketten gemeinsam mit den Ländern und der Bundesagentur für Arbeit sukzessive erweitern und dazu haben wir zu spezifischen Bund-Ländervereinbarungen eingeladen“, sagte die Ministerin.

Als weitere Maßnahme nannte sie außerdem das „Flaggschiffprogramm JOBSTARTER plus“, das seinen Schwerpunkt in der Stärkung von kleinen und mittelständischen Unternehmen hat und in dem kurzfristig unterschiedliche Akzente gesetzt werden können.

Teilnehmende der Bundeskonferenz, die in der ersten Reihe sitzen, schauen Richtung Bühne.

Großes Interesse an Vortrag und Konzept der Bundesbildungsministerin.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Daran anschließend nannte Wanka fünf Aspekte aus dem Berufsbildungsbericht:

  • 2013 wurden weniger Ausbildungsverträge geschlossen als im Vorjahr.
  • Die Unternehmen haben zunehmend Besetzungsprobleme: 33.000 unbesetzten Ausbildungsstellen stehen 84.000 Jugendliche ohne Ausbildungsstelle gegenüber.
  • Es gibt immer noch zu viele Bewerberinnen und Bewerber, denen der Einstieg in Ausbildung nicht unmittelbar gelingt, darunter auch Altbewerberinnen und -bewerber, die sich in Warteschleifen befinden.
  • Das „Matching“ bleibt eine zentrale Herausforderung. Dabei ist die individuelle Ansprache der Jugendlichen ein wichtiges Element.
  • Die betriebliche Ausbildungsbeteiligung geht zurück. Vor allem kleinere Betriebe ziehen sich aus der Ausbildung zurück.

Diese Herausforderungen wolle sie gemeinsam mit den Ländern und Sozialpartnern anpacken. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Allianz für Aus- und Weiterbildung, zu der der Nationale Ausbildungspakt weiterentwickelt werden soll.

Anschluss finden: Durchlässigkeit in alle Richtungen

„Abschlüsse sind nicht mehr der End-, sondern der Startpunkt für berufliche Karrieren.“

Johanna Wanka, Bundesbildungsministerin
Bundesbildungsministerin Johanna Wanka spricht am Podium.

Abschluss, Anschluss, Aufstieg: das sind die drei Säulen des Konzepts der Ministerin.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Erwerbsbiographien verändern sich: „Abschlüsse sind nicht mehr der End-, sondern der Startpunkt für berufliche Karrieren“, hielt Wanka fest. Deswegen müssen Bildungswege flexibler gestaltet werden können: „Uns fehlt eine größere Durchlässigkeit, nicht nur nach oben, sondern in alle Richtungen“, sagte die Ministerin.

Auch wenn sich die Lage bereits deutlich verbesser habe, gebe es in vielen Bundesländern für berufliche Qualifizierte immer noch hohe Eingangshürden ins Studium. Um diese Situation zu verbessern seien vor allem rechtliche Anpassungen nötig.

Die Durchlässigkeit müsse aber auch in die andere Richtung erhöht werden, zum Beispiel um Studienabbrecherinnen und -abbrecher für die berufliche Bildung zu gewinnen. „Die Wirtschaft braucht auch leistungsstarke junge Leute, die Lust haben in die duale Ausbildung zu gehen“, erklärte die Ministerin. So ist beispielsweise geplant, in den Hochschulen, in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit und den Kammern, Beratung für diejenigen anzubieten, die ihr Studium nicht beenden können. Um die Attraktivität der beruflichen Bildung für Studienabbrecherinnen und -abbrecher zu erhöhen, müsse außerdem die berufliche Aufstiegsfortbildung kontinuierlich ausgebaut und finanziell attraktiver werden.

Aufstieg schaffen: Durchstarten

Ein Teilnehmer in einem beigen Anzug hört gespannt zu.

Viele Teilnehmende folgten gespannt dem Vortrag der Ministerin.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Als dritte Säule ihres Konzepts nannte die Ministerin das Thema Weiterbildung. „Weiterbildung ist wichtig und wird wichtiger, weil die Innovationszyklen kürzer und schneller werden“, erklärte Wanka den Bedarf. Die Weiterbildungsbeteiligung stünde in Deutschland momentan bei knapp 50 %, wobei circa 80 % der Kosten durch die Betriebe finanziert werden. Dieses Engagement der Betriebe lobte sie ausdrücklich. „Wir fördern die Weiterbildung unter anderem über das Aufstiegsfortbildungsförderungsgesetz, über Stipendienprogramme und die Bildungsprämie“, beschrieb die Bildungsministerin die bisherigen Maßnahmen.

Sie versicherte, dass das Bildungsministerium diese Angebote auch weiterhin betreiben werde. Dazu gehöre auch die Informationskampagne „Berufliche Bildung – praktisch unschlagbar“. Aber auch neue Angebote wie ein Infotelefon zur Weiterbildung und ein Serviceportal sollen geschaffen werden.

„Bildung ist Sache der gesamten Gesellschaft“

Abschließend forderte die Ministerin alle auf, an ihrem Konzept mitzuwirken. „Wir müssen es gemeinsam wollen, weil keiner der Partner es alleine bewegen kann“, sagte sie. „Bildung ist Sache der gesamten Gesellschaft – und eben auch insbesondere duale Ausbildung. Und dafür brauchen wir Ihre aktive Unterstützung.“


Alle wichtigen Eckdaten aus dem Konzept „Chance Beruf“ der Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka finden Sie, wenn Sie den Klapptext öffnen:

Eckpunkte des Konzepts „Chance Beruf“ der Bildungsministerin Wanka

I. Unser Ziel ist Bildungsgerechtigkeit. Wir haben bereits viel erreicht.

Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg haben sich in Deutschland in den letzten Jah­ren positiv entwickelt, auch im internationalen Vergleich. Der Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss an der gleichaltrigen Wohnbevölkerung konnte von 2006 bis 2012 von 8,6 % auf 5,9 % gesenkt werden, die Leistungsstärke von Schulen und Schülern nimmt nach den internationalen PISA-Vergleichen deutlich zu und liegt inzwischen über dem OECD-Durchschnitt. Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg konnte deutlich reduziert werden, Jugendliche mit Migrationshinter­grund haben aufgeholt (PISA-Studie 2012)

Die berufliche Bildung, insbesondere das deutsche duale System, hat wegen seiner guten Anschlussfähigkeit, des guten Übergangs in Beschäftigung und der im EU-Vergleich niedrigsten Jugendarbeitslosigkeit international eine starke Orientierungs­rolle eingenommen.

In der Weiterbildung hat Deutschland mit rd. 50 % Weiterbildungsbeteiligung den EU-Durchschnitt deutlich übertroffen. Und auch die deutliche Steigerung der Zahl der Studierenden (Studienanfänger 2013: 506.632; 2010: 444.719) belegt eindrucksvoll die gelungene kontinuierliche Erhöhung des Bildungsniveaus in Deutschland, ebenso wie die deutliche Zunahme der Studienanfänger im MINT-Bereich um 25 %. Dies ist nicht nur aus Bildungs-, sondern auch aus Beschäftigungssicht erfreulich.

II. Deutschland braucht qualifizierte Fachkräfte auf allen Ebenen

Die Sicherung des Fachkräftebedarfs gehört zu den wichtigsten politischen Aufgaben Deutschlands. Wir werden älter – und wir werden weniger. Auch wenn ein gesamtwirtschaftlicher Engpass an Fachkräften nach den einschlägigen Prognosen in der Breite erst gegen 2030 virulent wird, gibt es bereits jetzt erste Bereiche mit Fachkräftemangel. Deshalb müssen wir jetzt gerade in der Bildungspolitik durch Sicherung von Bildungserfolg und Qualifizierung für alle, aber auch durch Integration zuwandernder qualifizierter Fachkräfte die richtigen Weichen stellen.

Deutschlands Zukunft liegt im Potenzial und der Leistungskraft seiner Bürger. Um auch künftig angesichts der demografischen Entwicklung unsere führende Rolle im globalen Wettbewerb zu erhalten, setzen wir als rohstoffarmes, stark exportorien­tiertes Land auf die weitere Verbesserung der Qualität und Innovationskraft unserer Wirtschaft und unserer Fachkräfte, aber auch - als größter EU-Mitgliedstaat mit 9 Nachbarstaaten an der Nahtstelle zwischen West– und Osteuropa - auf die interna­tionale Öffnung unseres Bildungs- und Beschäftigungssystems. Der gute Qualifika­tionsmix in Deutschland, die Balance zwischen qualitativ hochwertigen beruflich Qualifizierten und akademisch Qualifizierten, ist dabei für den Wirtschaftsstandort Deutschland unverzichtbar.

III. Unser Ziel bleibt Bildungsgerechtigkeit. Zukunftschancen für Jede und Jeden durch gute Bildung

Bei allen Fortschritten in der Bildungspolitik: es besteht weiterhin Handlungsbedarf. Wir müssen die Integrationskraft gerade der Allgemein- und Berufsbildung weiter stärken, die Offenheit und Durchlässigkeit des Bildungssystems besonders im Über­gang von Schule zu Beruf und zwischen Berufsbildung und Hochschule optimieren, die Weiterbildung und die Bildungsberatung angesichts längerer Lebensarbeitszeiten und alternder Fachkräfte ausbauen und alle Potenziale unseres Landes zur Fach­kräftesicherung nutzen.

In Zeiten des demografischen Wandels und eines drohenden Fachkräftemangels kommt es mehr denn je darauf an, dass niemand zurückbleibt: Durch integrierte Beratungsangebote sollte jede und jeder Einzelne den Platz finden, an dem er oder sie die eigenen Talente und Fähigkeiten bestmöglich einbringen kann.

Bund, Länder, Kommunen, Sozialpartner und Zivilgesellschaft müssen gemeinsam erreichen, dass

jeder Jugendliche einen Abschluss erreicht (Abschluss)
auf jeden Abschluss ein guter Anschluss folgt und (Anschluss)
Weiterlernen für jeden selbstverständlich wird (Aufstieg)

Hier setzt die Initiative „Chance Beruf“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an.

A. Abschluss als Schlüssel zum Erfolg

Ein Schwerpunkt  von „Chance Beruf“ liegt auf der Verbesserung der Chancenge­rechtigkeit in Deutschland, die das BMBF unter dem Prinzip „Prävention statt Repa­ratur“ verfolgt. Dafür stehen exemplarisch folgende Initiativen:

Die Initiative „Bildungsketten bis zum Ausbildungsabschluss“ zeigt im besonderen Maße den Erfolg eines kohärenten Ansatzes, in dem Schule und beruflicher Bereich zusammenwirken und sich die  Verzahnung von Förderinstrumenten von Bund und Ländern bewährt hat. Gemeinsames Ziel mit dem BMAS, den Ländern und der Bun­desagentur für Arbeit ist es, schon während der Schulzeit die Potenziale junger Men­schen zu heben, die Berufsorientierung der Jugendlichen zu systematisieren und praxisorientiert auszugestalten und die Übergangsperspektiven von Schule in eine Berufsausbildung zu verbessern und zu strukturieren.

Im Kontext der Bildungsketten-Initiative werden daher ergänzend zur Berufsorien­tierung, Potenzialanalysen und Berufseinstiegsbegleitung zusätzliche Maßnahmen integriert. Dazu gehören seitens des BMBF der Ausbau der VERA-Initiative zur eh­renamtlichen Betreuung von Jugendlichen und der Ausbau von Beratungsstrukturen für Jugendliche und Eltern mit Migrationshintergrund zur Stärkung der Bildungsinte­gration. Auch das Potenzial der gut 700 000 Selbstständi­gen mit Migrationshinter­grund ist für den Ausbildungsmarkt zu erschließen.

Hier kann auch die bereits von einigen Ländern geförderte Assistierte Ausbildung zur Begleitung von Betrieben und Jugendlichen mit Übergangsproblemen hilfreich sein.

Die KMK hat für den Länderbereich bereits richtungweisende Empfehlungen zur Optimierung und Vereinheitlichung der schulischen Angebote im Übergangsbereich beschlossen (KMK-Beschluss vom 11.10.2013). Die Umsetzung wird unter enger Beteiligung der Bundesagentur für Arbeit und deren flächendeckend geplanten Ju­gendberufsagenturen erfolgen.

Darüber hinaus werden mit dem BMBF-Programm Jobstarter plus zusätzlich Innova­tionen in der beruflichen Bildung und besonders auch die  Stärkung von KMU in der Ausbildung (z.B. EXAM und Verbundausbildung) in Angriff genommen.

Mit der Erarbeitung der zweiten Generation von Ausbildungsbausteinen aus be­stehenden Ausbildungsordnungen wird bis Ende 2014 auch eine breitere Basis für bundesweit standardisierte Einheiten zur zeitlich anrechenbaren Vorqualifizierung von bestimmten Zielgruppen, etwa im Übergangsbereich und in der Nachqualifizie­rung, geschaffen.

B. Anschlussfähigkeit der beruflichen Bildung sichern

Ein zweiter Schwerpunkt von „Chance Beruf“ liegt zum einen im weiteren Ausbau der beruflichen Aufstiegsfortbildung zur gleichwertigen Alternative zum Hochschul­studium und in der organischen Verzahnung von beruflicher Aus- und Fortbildung im Sinne ganzheitlicher Karrierepfade.

Zum anderen geht es um die Verwirklichung der Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit zwischen Berufsbildung und Hochschule in beide Richtungen. Exemplarisch sind hier Pilotvorhaben zur gemeinsamen Curriculaentwicklung in Berufsbildung und Hoch­schule, die BMBF-Initiative zur Gewinnung von Studienabbrechern für die Berufsbil­dung durch Ausbau des Informations- und Beratungsangebots und durch Förderung von Pilotvorhaben zur Anrechnung von akademischen Vorqualifikationen sowie ein Konzept zur Validierung nicht formal und informell erworbener Kompetenzen zu nen­nen.

Beruflich Qualifizierte können schon heute leichter an eine Hochschule kommen als früher. Der KMK-Beschluss zum Zugang von beruflich Qualifizierten ohne Abitur, die BMBF-Aufstiegsstipendien, das ANKOM-Programm und der BMBF-Wettbewerb Offene Hochschulen zur Studienerleichterung beruflich Qualifizierter sind hierfür nur einige Beispiele. Mit der gleichwertigen Einordnung von Meister- und Bachelorab­schlüssen im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) wurde eine wichtige Grundlage für die Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung gelegt.

Wir werden auch die Attraktivität der beruflichen Bildung für Studienabbrecher deut­lich verbessern, deren Potenziale gezielt für die Berufsbildung gewonnen werden sollen. Hierzu werden wir die Informations- und Beratungsangebote zur beruflichen Bildung für Studienabbrecher  verbessern, regionale Schwerpunktprojekte zur Ver­zahnung der unterschiedlichen Beratungsstrukturen schaffen und mit Innovationsprojekten gemeinsam mit der Wirtschaft und den Kammern transferierbare Anrechnungsmechanismen für akademische Vorqualifikationen entwickeln.

Es geht zudem darum, den Übergang von der beruflichen Bildung in die hoch­schulische Bildung oder umgekehrt ohne Dopplungen strukturell zu erleichtern. Das BMBF fördert bereits Pilotvorhaben, die Möglichkeiten der Verzahnung von Curricula aus beiden Bereichen beispielhaft auf der Niveaustufe 5 des DQR untersuchen und gemeinsame Bildungsangebote entwickeln.

Zudem wurden erstmalig in Fortbildungsordnungen geregelt, dass in zwei Handels­berufen zu den Fortbildungsprüfungen auch zuzulassen ist, wer mindestens eine zweijährige Berufspraxis in dem Bereich und mindestens 90 ECTS-Punkte in einem betriebswirtschaftlichen Studium nachweist.

Ein wichtiges Anliegen ist zudem, Menschen, die z.B. im Anschluss an eine Gesel­lenprüfung ein Bachelor-Studium abgeschlossen haben, in der staatlichen Förderung den Weg z.B. zu einer Meisterprüfung offen zu halten. Meister oder Fachwirt müssen attraktive Alternativen zum Master bleiben.

Eine weiteres Ziel ist es, die beruflich erworbenen Kompetenzen  meist junger Men­schen ohne Abschluss besser anzurechnen und zu zertifizieren. Hier soll geprüft werden, inwieweit bestehende Prozesse, Methoden und Bewertungskriterien mittels Standards qualitätsgesichert optimiert werden können oder ob zusätzlich Verfahren zur Anerkennung beruflichen Erfahrungswissens entwickelt werden müssen.

C. Aufstieg – Weiterlernen als Selbstverständlichkeit

Die Weiterbildungsbeteiligung in Deutschland ist zuletzt auf knapp 50 % gestiegen, das Engagement der Betriebe, die ca. 80 % der Kosten der betrieblichen Weiterbil­dung finanzieren, ist hoch. Ein wichtiger Partner ist die BA, die rd. 700 Mio. € p.a für die Weiterbildung verausgabt.

Ziel muss es sein, die Weiterbildungsbeteiligung von Bevölkerungsgruppen zu er­höhen, die bislang dort unterrepräsentiert sind. Dazu gehören insbesondere gering Qualifizierte, Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Arbeitnehmer und Arbeit­nehmerinnen und Frauen, v.a. während der Familienphase. Ein besonderes gesamt­gesellschaftliches Engagement müssen wir für die Erwachsenen aufbringen, die laut der  jüngste Studie der OECD (PIAAC) nicht über die niedrigsten Kompetenzstufen hinaus kommen, d.h. lediglich auf Grundschulniveau Lesen und Rechnen können. In Deutschland sind dies 18 % der Erwachsenen.

Mit der nationalen Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung wurde bereits die Grundlage für eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung gelegt, um Erwachsene auf den unteren Kompetenzstufen zu erreichen, sie zum Weiterlernen zu motivieren und ihnen Angebote zu machen. Beteiligt sind alle Ebenen des föderalen Systems, Bund, Länder und Kommunen, aber auch Gewerkschaften, Kirchen und andere Partner. Gemäß Koalitionsvertrag werden wir diesen Ansatz zu einer Nationalen Dekade ausbauen.

Das BMBF wird seine Förderprogramme wie Aufstiegsstipendien, Bildungsprämie und Meister-BAföG fortsetzen und im Meister-BAföG zusätzliche Fördermöglichkei­ten für Bachelor-Absolventen mit Berufserfahrung schaffen.

Der Aufbau einer kohärenten und vernetzten, bildungspfadunabhängigen Bildungs­beratung wird künftiger zentraler Schwerpunkt des BMBF-Programms „Lernen vor Ort“. Zudem plant das BMBF  ein bundesweites Infotelefon und Serviceportal zur Weiterbildungsberatung und eine bundesweite Informationskampagne zur Attraktivi­tät beruflicher Bildung.

D. Internationale Öffnung der deutschen Berufsbildung

Neben nationalen Reformmaßnahmen werden wir die internationale Öffnung und Kooperation in der Berufsbildung deutlich verstärken. Denn die neue Orientierungs­rolle, die das duale System international übernommen hat, ist nicht nur Grund zur Freude, sondern auch eine Verpflichtung – nach innen wie nach außen.

Als exportorientiertes Land hat Deutschland ein vitales Interesse an einem euro­päischen Bildungs- und Arbeitsmarkt, der Qualität und Praxisbezug in der Aus- und Weiterbildung honoriert. Denn deutsche Unternehmen agieren global und die Pro­duktions- und Servicestandards verlangen im In- und Ausland gut ausgebildete Fachkräfte auf vergleichbarem Niveau. Berufliches Lernen im Ausland wird immer bedeutsamer.

Das neue EU-Programm Erasmus+ bietet seit Januar 2014 mehr jungen Menschen die Chance, Teile ihrer Ausbildung in einem anderen europäischen Land zu absol­vieren. Durch die verbesserten Förderbedingungen in der neuen Programmgenera­tion erwarten wir, dass die Nachfrage steigt, so dass das Ziel erreicht wird, 10 % aller Auszubildenden berufliches Lernen im Ausland zu ermöglichen.

Zugleich ist Deutschland ein zunehmend gefragter Partner für politische Koopera­tionsvereinbarungen zur Unterstützung von Systemreformen und zum Transfer du­aler Prinzipen in die überwiegend schulischen Bildungssysteme von EU-Partner­staaten. In der EU steht dabei die Umsetzung der neuen Europäischen Allianz für Lehrlingsausbildung der 28 EU-Staaten im Vordergrund. Wir werden diese gemein­sam mit dem BIBB tatkräftig unterstützen und wollen einen sichtbaren und soli­darischen Beitrag dazu leisten, jedenfalls mittelfristig die erschreckend hohe Jugend­arbeitslosigkeit in vielen EU-Staaten zu verringern.

Auch weltweit werden wir die Vorzüge unseres  Berufsbildungssystems stärker ver­markten. Wir  haben in vielen Weltregionen bereits bilaterale Kooperationsabkom­men geschlossen und mit der von uns beim BIBB eingerichteten Zentralstelle „Go VET“ unsere Handlungsfähigkeit deutlich verstärkt.

IV. Die Sicherung von Qualität, Attraktivität, Effizienz und Durchlässigkeit des Berufsbildungssystems sind eine bildungspolitische Daueraufgabe.

Wir werden in diesem Zusammenhang in der Legislaturperiode das Berufsbildungsgesetz evaluieren und es vor dem Hintergrund der zwischenzeitlichen Entwicklung kritisch prüfen. Soweit sich hier Anpassungsbedarfe ergeben, werden wir diese noch in dieser Legislaturperiode in Abstimmung mit den Akteuren der Berufsbildung in Angriff nehmen.

Die wichtigsten Statements der Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka:

Ministerin Wanka zum Konzept „Chance Beruf“

„Wir wollen gemeinsam erreichen, dass jeder Jugendliche einen Abschluss erreicht. Wir wollen dann, dass er auf diesen Abschluss aufsetzend auch einen Anschluss findet und wir wollen, dass er für seinen Aufstieg, für seine Möglichkeiten ein Leben lang die Chance hat, weiter zu lernen und sich zu entwickeln. Hier setzt unsere Initiative Chance Beruf an.“

Ministerin Wanka: „Prävention statt Reparatur“

„Entscheidend ist – und das ist die Grundhaltung unseres Hauses – Prävention statt Reparatur. Das heißt: Rein in die Schulen! Das heißt, frühzeitig die jungen Menschen erreichen. Die Bildungsketten, die vom BMBF vor Jahren mit BIBB und anderen entwickelt wurden, sind ein aus meiner Sicht sehr erfolgreiches Modell. Dort erreicht man die Kinder und Jugendlichen in der siebten und achten Klasse, dort gibt es eine Potenzialanalyse. Wir wollen dieses Angebot der Bildungsketten gemeinsam mit den Ländern und der Bundesagentur für Arbeit sukzessive erweitern. Wir haben zur Abstimmung von entsprechenden länderspezifischen Bund-Länder-Vereinbarungen eingeladen. Es geht nicht darum, dass wir das, was ein gutes Modell ist, allen aufzwingen. Aber wir wollen versuchen in allen Bundesländern Möglichkeiten der individuellen Beratung zu schaffen.“


„Der richtige Qualifikationsmix“ – Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser auf dem Podium

Prof. Dr. Esser, Präsident des BIBB spricht an einem Podium.

Prof. Dr. Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, stellte aktuelle Zahlen aus dem Bereich der beruflichen Bildung vor.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Mit seinem Fachvortrag „Durchlässigkeit – der Schlüssel für ein zukunftsfähiges Bildungssystem“ stimmte Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), das Plenum auf die Arbeit in den Fachforen ein. In seinem Vortrag präsentierte er aktuelle Zahlen zum Stand der beruflichen Bildung. Er zeigte unter anderem auf, dass bis zum Jahr 2030 mehr Menschen mit einer beruflichen Qualifikation  aus Altersgründen aus dem Erwerbsleben ausscheiden (rund 10,5 Millionen) als in dieses eintreten (ca. 7,5 Millionen). Daran werde deutlich, dass sich der demografische Wandel gravierend auf die Fachkräftesituation auswirkt. Im akademischen Bereich verzeichne die Entwicklung dagegen einen positiven Saldo: 3,1 Millionen Aussteiger zu 4,7 Millionen Einsteigern. Die Akademisierung stelle daher auch eine Herausforderung für die berufliche Bildung dar.

Ausnahmen sollen zur Regel werden

Teilnehmende der Konferenz im Gespräch.

Die Konferenz bat allen Teilnehmenden eine Plattform zum Austausch.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Diejenigen, die an einer Ausbildung interessiert sind, blieben außerdem zu häufig ohne Lehrstelle. „Die Zahl der erfolglos suchenden Schulabgänger steigt bei gleichzeitiger Zunahme der Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen“, erläuterte Esser weiter. So blieben im Jahr 2013 rund 33.500 Lehrstellen unbesetzt und knapp 84.000 Jugendliche ohne Ausbildungsplatz.

Bedarf und Nachfrage driften weiter auseinander – Passungsprobleme stellen inzwischen die größte Herausforderung auf dem Ausbildungsstellenmarkt dar, und die Gründe hierfür sind vielfältig.

Der demografische Wandel und die zunehmende Akademisierung sind zwei Trends, die die Situation verstärken. Hinzu kommen zum Teil gravierende regionale und branchenspezifische Unterschiede,  sie erzeugen in einigen Regionen einen Bewerbermangel und in anderen einen Bewerberüberschuss.

Esser wies in diesem Zusammenhang auf das momentan rückläufige Interesse an der beruflichen Bildung hin: „Obwohl das Image der deutschen Berufsausbildung in der Welt noch nie so gut war, müssen wir in Deutschland weiter ein abnehmendes Interesse der Schulabgängerinnen und Schulabgänger an einer dualen Berufsausbildung verzeichnen.“ Durch den demografischen Wandel müsse sich die Berufsbildung daher der Frage nach dem richtigen Qualifikationsmix stellen, so Esser. Aufgrund der Entwicklung der vergangenen Jahre zeichne sich bereits jetzt ein Fachkräftemangel im mittleren Qualifikationssegment ab.

Verbesserung der Durchlässigkeit zwischen den Bildungssystemen

„Obwohl das Image der deutschen Berufsausbildung in der Welt noch nie so gut war, müssen wir in Deutschland weiter ein abnehmendes Interesse der Schulabgängerinnen und Schulabgänger an einer dualen Berufsausbildung verzeichnen.“

Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser, Präsident BIBB
BIBB-Präsident Prof. Dr. Esser hält am Podium eine Rede.

BIBB-Präsident Prof. Dr. Esser plädiert für mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Als ein Lösungsweg setzt Esser auf die Erhöhung der Durchlässigkeit. Diese müsse vor allem von der akademischen in die berufliche Bildung gefördert werden. Damit nahm er gezielt die Gruppe der „Incomings“ – ein Begriffsvorschlag für die Gruppe der Studienabbrecher –, aber auch die leistungsstärkeren Jugendlichen in den Blick.

Maßnahmen, mit denen die Durchlässigkeit verbessert werden kann, zählte der BIBB-Präsident zum Abschluss seines Vortrags auf, darunter die Berufsorientierung an Gymnasien sowie die Weiterentwicklung von Berufslaufbahnkonzepten in ausbildungs- und fortbildungsstarken Berufen.

Bei allen Initiativen kristallisierten sich außerdem vier Integrationsstrategien heraus: die Anrechnung von Kompetenzen, die Verzahnung von Bildungsgängen, die Entwicklung spezieller Bildungsangebote und die Netzwerkbildung zwischen verschiedenen Bildungsakteuren.

Was aber noch fehle, so Esser weiter, sei eine eigene Position der Akteure der beruflichen Bildung zum zukünftigen Verhältnis von beruflicher und akademischer Bildung.

„Ich meine hier nicht Positionen von einzelnen Organisationen, sondern eine geschlossene Positionierung der wichtigen Steakholder, wie wir sie beispielsweise für den DQR-Prozess im Verein mit den im BIBB-Hauptausschuss vertretenen Bänken seinerzeit entwickelt haben.“

Unstrittig sei in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, dass die Produktions- und Innovationsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland auf zwei völlig unterschiedliche Profile von Qualifikationstypen gründet, die zum einen aus den Hochschulen und zum anderen aus dem dualen System heraus erwachsen und als Ingenieure, Facharbeiter, Meister und Techniker Qualitätsmarken unseres Bildungssystems sind.

Esser: „Bei der Entwicklung des DQR haben wir seinerzeit nach intensiven Diskussionen entschieden, diesen Profilen dadurch Rechnung zu tragen, indem wir ab den ausbildungsrelevanten Niveaus, also angefangen bei Niveau 3 bis zu Niveau 8, in den Anforderungssituationen ‚Lernbereiche‘ einerseits  und ‚berufliche Tätigkeitsfelder‘ andererseits unterscheiden. Von daher sollten wir die Vorschläge zur Verbesserung der Durchlässigkeit vor allem auch dahingehend prüfen, ob sie einen Beitrag zur Profilerhaltung beziehungsweise Profilschärfung leisten und eine Verwässerung der Profile ausgeschlossen ist.“

Damit stelle sich aber für die Akteure der beruflichen Bildung eine weitere, grundsätzlichere Frage: „Wie soll das Verhältnis praxisorientierter Studiengänge und beruflicher Aufstiegsfortbildung in Zukunft ausgestaltet sein und wie werden sie sich dabei unterscheiden? Wir sollten uns tunlichst mit dieser Frage befassen!“

Abschließend betonte der BIBB-Präsident, er wolle mit seinen kritischen Hinweisen keinesfalls den dynamischen Prozess bremsen, der derzeit auf unterschiedlichen Ebenen in Sachen „Durchlässigkeit“ läuft. „Also weitermachen – aber mit Bedacht! Im Fußball spricht man zum Beispiel von ‚kontrollierter Offensive‘. Das erscheint mir auch hier empfehlenswert.“

Die wichtigsten Statements des Präsidenten des Bundesinstituts für Berufsbildung, Prof. Dr. Friedrich Hubert Esser:

BIBB-Präsident Esser zur Frage des richtigen Qualifikationsmixes

„Obwohl das Image der deutschen Berufsausbildung in der Welt noch nie so gut war, müssen wir im Inland weiterhin ein abnehmendes Interesse der Schulabgängerinnen an einer dualen Berufsausbildung feststellen. Im Ausbildungssystem bleiben immer mehr Ausbildungsstellen unbesetzt, sogar die Zahl der Schulabgängerinnen ohne Ausbildungsplatz ist wieder leicht gestiegen.

Matching- oder Passungsprobleme, die nicht neu sind, entwickeln sich jetzt jedoch augenscheinlich zum herausragenden Problem auf dem Ausbildungsmarkt. Die Zahl der erfolglos suchenden Schulabgänger steigt bei gleichzeitiger Zunahme der Zahl der unbesetzten Ausbildungsstellen. Daneben wird das Klagen der Branchen über Fachkräftemangel  lauter. Das Phänomen eines abnehmendes Interesses an Berufsbildung bei gleichzeitigem Anwachsen der Zahl der Hochschulzugangsberechtigten, der Studienanfänger sowie der Hochschulabsolventen rufen seit kurzen auch Politikerinnen und Politiker wie auch Vertreter der Wirtschaft auf den Plan, die angesichts des demografischen Wandels und dem sich in bestimmten Bereichen abzeichnenden Fachkräftemangel die Frage nach dem richtigen Qualifikationsmix stellen.

Einen ausgeglichenen Ausbildungsmarkt können wir soweit vorweggestellt nicht erwarten. Einerseits stehen Jugendlichen mit höheren Schulabschlüssen mehr Alternativen zur Verfügung, andererseits sind Betriebe nur begrenzt bereit, Jugendliche nur mit niedrigeren Schulabschlüssen auszubilden. Es zeichnet sich deshalb schon jetzt ein Fachkräfteengpass im mittleren Qualifikationsbereich ab. Arbeitsmarktprojektionen, die BIBB und IAB gemeinsam durchführen, zeigen, dass die Zahl der am Arbeitsmarkt verfügbaren Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung bis zum Jahr 2030 sinkt und das Angebot an Akademikern im gleichen Zeitraum weiter zunehmen wird.“

BIBB-Präsident Esser über Durchlässigkeit im Bildungssystem

„Bevor ich abschließend einige Aktionslinien zur Weiterentwicklung der Durchlässigkeit skizzieren möchte, lassen Sie mich noch eine Anmerkung vorwegschalten:

Ein durchlässiges Bildungssystem wird sich besonders dadurch auszeichnen müssen, dass nicht nur der Königsweg Standard bleibt, sondern auch die Bildungswege, die vormals Ausnahmen waren, zur Regel werden: z. B. wenn der Hochschulzugang beabsichtigt und geplant von einem mittleren Schulabschluss ausgehend über eine Berufsausbildung umgesetzt wird, genauso, wie Studierende in einem wirklich durchlässigen Bildungssystem selbstverständlich darüber im Bilde sind, welche Quereinstiege aus ihrem Studiengang heraus in die berufliche Aus- und Aufstiegsfortbildung unter Berücksichtigung geregelter Anerkennungsmodalitäten möglich seien können.

Die Güte eines durchlässigen Bildungssystems muss sich auch darin dokumentieren, dass es für den Einzelnen den benötigten Raum für die Revision vormals getätigter Bildungsentscheidungen lässt. Das bedeutet dann auch, dass diejenigen, die diese Möglichkeit nutzen sollen und wollen, selbstverständlich nicht als „Bildungsverlierer“, „Aussteiger“ oder „Abbrecher“ diskriminiert werden dürfen. „Umsteiger“ bringt uns hier meines Erachtens auch nicht entscheidend weiter. Hier müssen uns bessere Bezeichnungen einfallen.

Und deshalb bin ich jetzt einmal mutig und bringe einen Vorschlag ein:  So werden beispielsweise Studierende, die aus dem Ausland heraus in eine inländische Hochschule wechseln, an den Hochschulen häufig mit „incoming students“ oder kurz „incomings“ bezeichnet. Was hindert uns daran, in einer Sprachwelt, in der Begriffe wie „chatten“ oder „Selfie“ mittlerweile ganz normal betrachten und damit eine Sprachkultur der jungen Generationen mitaufnehmen, von den „incomings“ aus den Hochschulen als von „Studienabbrechern“ oder „Umsteigern“ zu sprechen?“


„Wir müssen in die Herzen und Köpfe kommen“ – Highlights aus der Podiumsdiskussion

Der Moderator der Veranstaltung trägt während er moderiert eine orange Krawatte und einen dunklen Anzug.

ZDF-Moderator Dr. Nobert Lehmann leitete die Podiumsdiskussion.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Übergänge optimieren, Durchlässigkeit erhöhen, Fachkräfte sichern – das waren die drei Schwerpunktthemen der zehn Fachforen auf der Bundeskonferenz „Chance Beruf“. In den Foren wurden drei zentrale Erkenntnisse gewonnen, die ZDF-Moderator Dr. Norbert Lehmann als Diskussionsgrundlage für die Podiumsdiskussion wie folgt zusammenfasste:

Übergänge optimieren:
Das System des Übergangs von der Schule in die Ausbildung muss kompakter, transparenter und näher an der betrieblichen Ausbildung organisiert werden. Bund und Länder wollen sich dazu enger abstimmen.

Durchlässigkeit erhöhen:
Die Durchlässigkeit der Teilsysteme der beruflichen Bildung muss in beide Richtungen funktionieren – von der beruflichen Bildung in die Hochschulen und umgekehrt.

Fachkräfte sichern:
Fachkräfte werden langfristig vor allem im mittleren Qualifikationssegment und in bestimmten Branchen fehlen. Daher müssen wir die beruflichen Ausbildung noch attraktiver gestalten und den Informationsstand von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrkräften über die Karrieremöglichkeiten im dualen Bildungssystem verbessern.

Gruppenbild der Podiumsdiskussion

Auf dem Podium diskutierten v.l.n.r.: Matthias Anbuhl, Peter Clever, Cornelia Quennet-Thielen, Dr. Norbert Lehmann, Ludwig Hecke, Dr. Achim Dercks und Dirk Palige.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Auf dem Podium diskutierten:

  • Cornelia Quennet-Thielen (Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung)
  • Ludwig Hecke (Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW)
  • Matthias Anbuhl (Abteilungsleiter Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim Deutschen Gewerkschaftsbund)
  • Peter Clever (Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände)
  • Dr. Achim Dercks (stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages)
  • Dirk Palige (Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks)

Übergänge optimieren: „Jeder soll ein Angebot bekommen“

Nach dem Abschluss direkt einen Anschluss finden – dies gelingt bislang noch nicht allen Schulabgängerinnen und -abgängern. Rund 84.000 Jugendliche blieben im vergangenen Ausbildungsjahr ohne Lehrstelle – und das bei noch 33.500 freien Ausbildungsplätzen. Wirtschaft und Jugendliche kommen also nicht immer zusammen. Jugendliche, die ohne Ausbildungsplatz bleiben, landen dann häufig in Warteschleifen. Die Passungsproblematik ist daher eine der größten Herausforderungen in der beruflichen Bildung.

Jugendliche frühzeitig ansprechen

Drei Männer auf dem Podium.

Ludwig Hecke forderte, dass den Jugendlichen praktische Erfahrungen ermöglicht werden.

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„Politik muss sicherstellen, dass die Sozialpartner gemeinsam mit den Lehrern, mit dem System Schule genug praktische Erfahrungen ermöglichen, damit eine passgenaue Orientierung stattfinden kann“, forderte der nordrheinwestfälische Staatssekretär im Ministerium für Schule und Weiterbildung, Ludwig Hecke.

Denn Schülerinnen und Schüler benötigen neben Informationen vor allem Erfahrungen, damit sie ihre Fähigkeiten besser beurteilen und sich so besser für einen Berufsweg entscheiden können.

„Die jungen Leute laufen oftmals aus Fehlverständnis oder Fehlinformation oder schlichtweg keiner Information, in die falsche Richtung. Und da müssen wir sie mitnehmen und sie passgenau vermitteln“, erklärte Dirk Palige, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks.

Als Lösungsbeispiel nannte Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, den Ansatz der Initiative Bildungsketten: Jugendliche werden bereits in der 7. Klasse direkt in der Schule angesprochen, über die berufliche Bildung informiert und mit einer Potenzialanalyse auf ihre Stärken getestet. Dies begünstige eine reflektierte Berufsentscheidung der Schülerinnen und Schüler.

Alle Potenziale ausschöpfen

Zwei Männer und eine Frau diskutieren auf dem Podium.

Die Wirtschaft müsse sich öffnen, so Peter Clever.

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Neben der frühzeitigen Ansprache der Jugendlichen stehe aber auch die Wirtschaft in der Verantwortung, erklärte Hecke. Diese müsse im Gegenzug dazu bereit sein, junge Menschen auf die Ausbildung vorzubereiten und zum Beispiel Praktika anzubieten. Peter Clever, Mitglied der Hauptgeschäftsführung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, stimmte zu: „Die Wirtschaft muss sich öffnen“, forderte Clever. Sie müsse sich vor allem verstärkt bemühen, auch leistungsschwächeren oder behinderten Jugendlichen eine Ausbildung zu ermöglichen.

Da die Anzahl der ausbildenden Betriebe von 24 auf 21 Prozent gesunken sei, müssten darüber hinaus auch mehr Ausbildungsplätze geschaffen werden, forderte Matthias Anbuhl, Abteilungsleiter Bildungspolitik und Bildungsarbeit beim Deutschen Gewerkschaftsbund.

Diese Zahlen wurden von Clever vor dem Hintergrund, dass 80 Prozent aller Betriebe unter 9 Beschäftigte haben – also im Schnitt 3,4 oder 5 – energisch relativiert: Von den überhaupt zur Ausbildung zugelassenen Betrieben bilden 80 Prozent kontinuierlich oder mit Unterbrechungen aus, betonte er.

Mehr Ausbildungsplätze schaffen – das alleine werde dem Passungsproblem nicht gerecht, erwiderte auch Dr. Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages. Viele Betriebe, die ausbilden wollen, fänden keine Jugendlichen. Daher forderte er mehr Flexibilität – nicht nur bei den Unternehmen, sondern auch bei den Jugendlichen: „Den Wunschberuf am Wunschort kann es nicht immer geben“, so Dercks. Mit Hilfe der assistierten Ausbildung könnten aber insbesondere kleine und mittlere Betriebe dabei unterstützt werden, (wieder) auszubilden, ergänzte Anbuhl.

Freiwillig, faktische Ausbildungsgarantie

„Jeder soll ein Angebot bekommen – ein Angebot, das seine Möglichkeiten, seine Fähigkeiten aufgreift, entwickelt und ihn oder sie weiterbringt.“

Cornelia Quennet-Thielen, Staatssekretärin BMBF
Die Teilnehmenden der Podiumsdiskussion diskutieren auf der Bühne.

Jugendliche müssen frühzeitig angesprochen werden – darüber waren sich die Diskutanten einig.

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Öffnung der Wirtschaft, frühzeitige Ansprache der Jugendlichen und mehr Flexibilität bei allen Akteuren – das waren die drei auf dem Podium genannten Lösungsansätze, mit denen der Passungsproblematik begegnet werden soll. „Integrierte Angebote, Maßnahmen, wo die Dinge ineinandergreifen, (...) wo zu den Orientierungsmaßnahmen in den Schulen dann auch wirklich das praktische Beispiel im Betrieb kommt – daran müssen wir weiterarbeiten und da können wir alle unseren Beitrag leisten“, fasste Staatssekretärin Quennet-Thielen die Diskussion zusammen.

Dazu kann die von der Bundesbildungsministerin am Vortag vorgestellte „freiwillige, faktische Ausbildungsgarantie“ das passende Instrument werden: „Jeder soll ein Angebot bekommen – ein Angebot, das seine Möglichkeiten, seine Fähigkeiten aufgreift, entwickelt und ihn oder sie weiterbringt“, erklärte Quennet-Thielen das Vorhaben der Bundesregierung.

Die Statements der Podiumsdiskussion zum Thema „Übergänge optimieren“:

Cornelia Quennet-Thielen: „Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit als treibende Prinzipien“

„Wir müssen Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit noch viel stärker zu den treibenden Prinzipien machen. Wir haben bei der Durchlässigkeit in den letzten Jahren schon eine ganze Menge erreicht. Der Durchstieg vom Beruflichen in die akademische Ausbildung ist in den letzten Jahren gewachsen. Die Zahl ist immer noch klein, aber die Steigerungsraten sind groß. Und wir müssen viel deutlicher auch noch die andere Richtung in den Blick nehmen. Auch mit akademischer Bildung kann ich in das Berufliche wieder einsteigen.

Das Thema Studienabbrecher: Das sind junge Leute, die vielleicht nicht die richtige Entscheidung im ersten Anlauf getroffen haben, die aber schon eine Menge Potenzial und auch Vorqualifikationen mitbringen, die wunderbar passfähig gemacht werden kann mit vielen beruflichen Ausgängen. Und das ist ja auch ein Feld, das wir uns gemeinsam vorgenommen haben, wo ganzheitliche Konzepte entwickelt werden müssen, wo alle zusammen arbeiten, damit wir diese Übergänge besser gestalten, attraktiver gestalten, dass wir gerade auch kleinere Unternehmen zusammenbringen mit solchen jungen Leuten, die ja auch suchen nach Alternativen.

Ich glaube, das ist eine ganz zentrale Herausforderung und die wollen wir gemeinsam mit den Ländern und den anderen Akteuren angehen in diesen Bildungsketten und dann auch in den entsprechenden Vereinbarungen mit den Bundesländern.“

Ludwig Hecke: „Praktische Erfahrungen ermöglichen.“

„Ich glaube, dass die abstrakte Zahl von Unversorgten, von ausbildenden Betrieben und von der Frage ‚Welches Bild ist bei Jugendlichen von Angeboten da?‘ – dass das theoretisch nicht lösbar sein wird. Das wird sich nur praktisch lösen können. Und das muss sich schon während der Schulzeit lösen. Insofern ist die Frage der Berufswahlorientierung, die Frage ‚Wo sind Kompetenzen da, den Jugendlichen Erfahrungshintergründe zu geben?‘ wichtig. Auch zu diskutieren und zu überlegen: Gehe ich jetzt unbedingt in Richtung Studienplatz oder ist es nicht viel charmanter eine berufliche Ausbildung zu machen, wenn ich dort die Qualifikationsmöglichkeit und die Durchstiegsmöglichkeit anschließend habe?

Das ist das was unsere Grundidee ist, was wir in Nordrhein-Westfalen auch mit den Sozialpartnern verabredet haben. Das ist dieses Programm ‚Kein Abschluss ohne Anschluss‘. Da geht es darum frühzeitig Kontakt zu ermöglichen. Da ist auf der einen Seite die Politik gefragt, die Ressourcen soweit es den Schulbereich betrifft zur Verfügung zu stellen. Aber ohne dass wir das dann auch in der Praxis hinkriegen, ohne dass es auch Erfahrungsmöglichkeiten für Jugendliche außerhalb von Schule gibt – und das sind dann in dem Fall die Betriebe – wird das nicht gelingen. Das heißt, Jugendliche müssen die Chance haben, die Dinge auszuprobieren, müssen in verschiedene Berufsfelder hinein gehen können und müssen dann gemeinsam gucken: Wo sind meine Qualifikationen und Fähigkeiten?

Mir ist dabei in der Aussage ganz wichtig: Das betrifft jetzt ausdrücklich nicht nur die Unversorgten und die Leistungsschwächeren, sondern das ist auf der anderen Seite genau das gleiche. Wir haben ganz häufig die Diskussion: ‚Ich weiß noch nicht, was ich machen soll, also bleibe ich erst einmal auf der Schule‘. Die Zahl der Ausbildungsberufe, die Möglichkeiten sind einfach so irrsinnig vielfältig geworden, dass ich auch großes Verständnis habe, dass viele Lehrkräfte – und da sind wir dann natürlich auch bei den Gymnasiallehrern – null eigene Erfahrung haben und bei allem Wollen nicht über die Kenntnisse verfügen um dies genau zu  vermitteln.

Fazit: Politik muss sicherstellen, dass die Sozialpartner gemeinsam mit den Lehrern, mit dem System Schule genug praktische Erfahrung ermöglichen, damit dann eine passgenau Orientierung stattfinden kann. Das ist ökonomisch vernünftig. Das ist vernünftig für die Jugendlichen. Das ist vernünftig für unser gesamtes Wirtschaftssystem. Und ich glaube, dass wir an dieser Stelle zusammen kommen. Aber es klingt in der Theorie einfacher, als es in der Praxis ist.“

Dirk Palige: „Wir müssen passgenau vermitteln.“

„Mir ist wichtig, dass wir über die jungen Menschen reden. Natürlich braucht man dazu auch Zahlen. Man muss einen Befund erheben. Aber unser gemeinsames Ziel muss es doch sein, die jungen Menschen mit Perspektiven zu versorgen, ihnen diese zu bieten und klar zu machen, welche Perspektiven es gibt. Klima – ein ganz wichtiges Stichwort. Wir müssen ein Klima schaffen, das vorurteilsneutral ist. Dass diese Gleichwertigkeit die Möglichkeiten aufzeigt.

Es sind die jungen Leute, um die es hier geht. Und die jungen Leute laufen oftmals aus Fehlverständnis, Fehlinformation oder auch schlichtweg keiner Information in die falsche Richtung los. Und da müssen wir sie mitnehmen. Wir müssen sie passgenau vermitteln können. Dazu gehören viele Akteure. Mit dem BMBF sind wir da auf einem guten Weg. Auch mit den Ländern. Aber wir müssen uns dieser jungen Leute annehmen, damit genau solche Zahlen und Statistiken nicht herumlaufen. Wir müssen als Ziel nehmen, jeden einzelnen dahin zu vermitteln, wo er sich verwirklichen kann, wo er aus sich etwas machen.“

Matthias Anbuhl: „Wir brauchen mehr Ausbildungsplätze.“

„Wir werden dieses Problem, diese Spannung auf dem Ausbildungsmarkt – 84.000 Unversorgte, 33.500 offene Stellen – nicht lösen können, wenn wir sagen: Das Problem ist, dass die Betriebe keine Auszubildenden mehr finden. Ich kann genauso gut wie Herr Dercks von Betrieben berichtet, die sagen, sie haben keine Bewerber gefunden, von Jugendlichen berichten aus Nordrhein-Westfalen, aus Niedersachsen, aus Brandenburg, aus Schleswig-Holstein, die zwanzig, dreißig, vierzig Bewerbungen geschrieben haben und keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Diese Situation gehört zur Realität und die müssen wir anerkennen. Denn nur so kommen wir zu einer adäquaten Problemlösung.

In der Tat glaube ich, gibt es da mehrere Schritte, die man machen muss: Ich glaube, wir brauchen mehr Ausbildungsbetriebe. Da sind auch die Spitzenverbände der Wirtschaft mit in der Verantwortung, aber auch die Gewerkschaften. Ausbildung ist laut Betriebsverfassungsgesetz mitbestimmt. Wir werden uns auch dafür einsetzen, dass es mehr Ausbildungsplätze gibt. Da müssen wir in der Tat sehen, dass wir flankierend unterstützende Maßnahmen bringen, gerade für kleinere und mittlere Unternehmen.

Wir haben fast 55.000 Ausbildungsbetriebe seit 1999 verloren. Da müssen wir sehen, ob wir diese nicht wieder stärken können durch eine assistierte Ausbildung, wo dem Betrieb ein Dienstleister zur Seite gestellt wird, der diesen bei der Auswahl der Jugendlichen und bei dem Erstellen des Ausbildungsplanes hilft und der gleichzeitig auch die Jugendlichen auf die Ausbildung vorbereitet und auch bei Konflikten vermittelt zwischen Betrieb und Jugendlichen. Ob wir durch solche Maßnahmen nicht wieder auch stärker kleinere und mittlere Unternehmen gewinnen können? Das ist ganz wichtig. Aber sich einfach hinzustellen und zu sagen, das Problem, die Spannung auf dem Ausbildungsmarkt, liegt darin, dass die Betriebe keine Jugendlichen mehr finden, wird dem nicht gerecht.“

Peter Clever: „Die Wirtschaft muss sich öffnen.“

„Wir haben vielleicht zu stark gedacht: Das ist Sache der Schule. Sie müssen uns die Jugendlichen ausbildungsreif abliefern. Und deshalb bin ich froh, dass unser Präsident gesagt hat: ‚Leute, das bringt uns nichts. Die jungen Menschen sind jetzt so wie sie sind und wir müssen sie als Unternehmen so annehmen. Und da müssen wir konstatieren: Wir haben noch zu wenig behinderte, lernbeeinträchtigte, denen wir Chancen geben. Die bringen wir jetzt auf den Radar. Denn wenn wir die nicht fördern, dann haben wir gar keine.

Und diesen Mentalitätswandel, der damit einhergeht, sich zu öffnen, zu akzeptieren, dass behindert nicht leistungsgemindert ist, dass Leute, die irgendwie eine Macke haben oder schwierig sind, dass die nicht per se nicht ausbildungsfähig sind. Und da müssen wir auch neue Formen der Kooperation finden, wir müssen den Betrieben auch sagen, dass sie nicht alleine gelassen werden. Deshalb sind die Themen, die hier angesprochen werden – von der assistierten Ausbildung usw. – zentrale Themen, die helfen, die Vorurteile auf der unternehmerischen Seite abzubauen, und die uns die Chance geben, von den 1,3 Millionen Menschen unter 30 Jahren, die keinen Berufsabschluss haben, doch noch einen Großteil zu einem Berufsabschluss hinzubringen.“

Dr. Achim Dercks: „Den Wunschberuf am Wunschort kann es nicht immer geben.“

„Über 90 Prozent der Hauptschulabsolventen mit Abschluss beginnen eine Lehre. Es ist nicht so als wären die alle inzwischen noch ohne Ausbildung. Vor fünf Jahren waren es 75 Prozent der Hauptschulabsolventen, die eine Lehre begonnen haben. Wir müssen also aufpassen, dass wir keine falschen Zahlen an die Wand malen. Richtig ist: Es gibt immer noch junge Menschen, die sich schwer tun, den Einstieg zu finden. Die Frage ist nur, wie kommen wir besser an sie ran? Das Thema Praktika ist sehr wichtig. Da muss man sehen: Wie kriegt man das vor Ort hin? Einfach zu sagen, wir brauchen jetzt Praktikaplätze ist auch schwierig. Da muss es ein gemeinsames Konzept geben – wissen wir alle. Da müssen wir dran gehen.

Dann gibt es die Frage: Wie sprechen wir die jungen Menschen an? Warten wir bis in den Herbst wie bislang? Dann laden Kammern und Agenturen gemeinsam ein und  kein Mensch kommt. Nicht ganz, aber nur ein Drittel der eingeladenen Jugendlichen kommt. Das ist nicht nur ein Passungsproblem, sondern wir merken einfach: Da läuft etwas schief. Da gibt es ganz viele, die sagen sich: Bevor ich jetzt nicht Kfz-Mechaniker werde, was ich unbedingt werden will, gehe ich lieber noch ein Jahr zur Schule und dann schaue ich mal weiter. Das ist ja auch völlig in Ordnung. Dagegen habe ich auch nichts. Nur da jetzt mit den Zahlen zu kommen, hilft demjenigen, der einlädt, und sagt, ich will dir ja gerne helfen, aber du kommst nicht, nicht weiter.

Wir müssen an dieser Stelle sehr viel früher anfangen, zu Beginn des Jahres. Jugendberufsagentur ist ein Stichwort, das sie alle kennen, weil es von der Philosophie her gut ist, weil es die jungen Menschen abholt und sie gleichzeitig zwingt konkret zu werden. Wenn es wirklich keinen Platz gibt, okay. Aber oft ist es so: Es gibt drei, vier, fünf Angebote und dann wird das nicht genommen. Was soll ich als Betrieb dann tun?

Hier muss man sehr genau hinzuschauen: Was erwarte ich von den Jugendlichen? Wir haben gesagt: Die Arbeitsmarktnähe unserer dualen Ausbildung ist ganz wichtig. Das heißt aber auch: Es kann nicht den Wunschberuf am Wunschort in jedem einzelnen Fall geben, denn genau dann ist genau das nicht mehr gegeben. Und da praktisch vor Ort auch zu sehen: was heißt das? Wie viele Freiheitsgrade hat der Jugendliche auch zu sagen: ‚Ich bin nicht handwerklich begabt. Das hat alles keinen Sinn.‘ Und gleichzeitig zu sehen, wie der Bedarf vor Ort ist. Das ist die Schwierigkeit.“

Durchlässigkeit erhöhen – „Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit als treibende Prinzipien“

Brücken bauen zwischen beruflicher und hochschulischer Bildung – dies stellte sich in der Podiumsdiskussion als eine wichtige Aufgabe heraus, um die Gleichwertigkeit zwischen Berufsbildung und Hochschulbildung zu erreichen. Damit der Wechsel zwischen den beiden Systemen attraktiver wird, müssen erworbenes Wissen und angeeignete Fähigkeiten in beiden Systemen gleichermaßen anerkannt werden. Insbesondere Studienabbrecherinnen und -abbrecher können dann als leistungsstarke Auszubildende für die Wirtschaft gewonnen werden – so der allgemeine Tenor.

In die andere Richtung denken

„Wir müssen Gleichwertigkeit und Durchlässigkeit noch viel stärker zu den treibenden Prinzipien machen“, forderte Quennet-Thielen.

Dabei sei der Durchstieg von der beruflichen in die akademische Laufbahn bereits gut umgesetzt.

Nun müsse aber auch die andere Richtung in den Blick genommen werden, womit die Staatssekretärin die Gruppe der Studienabbrecherinnen und -abbrecher in den Fokus rückte.

Ganzheitliche Ausbildung

Um eine Gleichwertigkeit der beiden Bildungswege zu erreichen, brachte Palige die Idee des dualen Abiturs ins Spiel und forderte die Podiumsteilnehmer auf: „Lassen Sie uns intensiv über die Idee duales Abitur nicht nur nachdenken, sondern so etwas auch vermehrt umsetzen!“ Dem Handwerk gehe es dabei vor allem darum, die jungen Menschen ganzheitlich auszubilden.

Erforderlich sei dies auch insbesondere aufgrund der vielfältigen Möglichkeiten, die sich den jungen Menschen heute eröffnen. „Bei über 330 Ausbildungsberufen und rund 15.000 verschiedenen Hochschulabschlüssen wundert es mich nicht, dass sich die jungen Menschen verirren“, so Dr. Achim Dercks. Eine gute Berufsorientierung auch an Gymnasien sowie transparente Bildungswege können der Berufsentscheidung daher nur gut tun.

Jugendliche erreichen

Teilnehmende an der Podiumsdiskussion.

Viele Besucherinnen und Besucher verfolgte am zweiten Veranstaltungstag die Podiumsrunde.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Ob Fachkräftesicherung, Passgenauigkeit oder Durchlässigkeit – am Ende gehe es allen darum, jungen Menschen zu erreichen.

„Mir ist wichtig, dass wir über die jungen Menschen und ihre Möglichkeiten reden“, betonte Palige, und Clever schloss sich dem an: „Wir brauchen ein Grundklima, bei dem sich alle um Fairness bemühen. Sonst kriegen wir ein Klima, bei dem wir tolle Podiumsdiskussionen bestreiten können, aber den jungen Menschen nicht helfen werden.“ Die Initiative „Chance Beruf“ hat genau dies im Blick: Das BMBF habe bereits erste Maßnahmen geschaffen, die die Jugendlichen erreichen, so Quennet-Thielen.

Darüber hinaus sollten Bund-Länder-Vereinbarungen weitere Projekte auf den Weg bringen. In Nordrhein-Westfalen wurde auf diesem Weg bereits flächendeckend eine Berufsorientierung an allen Schulen eingeführt. „Solche Bund-Ländervereinbarungen (...) wollen wir wirklich mit allen Ländern gemeinsam entwickeln“, kündigte Quennet-Thielen an. Und sie fügte noch eine gute Nachricht hinzu: Die Mittel dafür seien bereits fest eingeplant.

Fachkräfte sichern: „Eine gute duale Ausbildung ist erste Wahl“

Teilnehmende sprechen auf dem Podium.

Ausbildung mit Qualität in Verbindung bringen lautete Dercks Forderung.

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Damit bleibt aber noch ein zentrales Problem offen: Die berufliche Bildung hat an Image verloren. Zum anderen – und das ist der Hauptgrund, über den sich alle Diskutanten einig waren – liegt es am mangelnden Kenntnisstand der Eltern, der Lehrkräfte und der Jugendlichen. Diese hätten oft ein verfälschtes Bild von der beruflichen Bildung, so Quennet-Thielen. Mittlerweile gehen über 50 Prozent eines Jahrgangs auf das Gymnasium. Dieser Trend zur höheren Qualifizierung sei aber auch politisch gewollt gewesen, erinnerte Palige: Über Jahre hinweg wurde das Studium beworben. Nun folgt das Stöhnen der Wirtschaft, die bereits heute aufgrund des demographischen Wandels unter dem Fachkräftemangel leidet.

Das gesellschaftliche Bild drehen

Zwei Männer und eine Frau diskutieren auf dem Podium.

Matthias Anbuhl forderte, die berufliche Aufstiegsfortbildung zu stärken.

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„Dass wir uns mit den Schwachen in den letzten zehn bis 15 Jahren sehr intensiv beschäftigt haben, hat in der öffentlichen Wahrnehmung nicht dazu geführt, das duale Ausbildungssystem mit Qualität und Karriere in Verbindung zu bringen“, erklärte Dercks. Nun müsse man das gesellschaftliche Bild drehen.

Auf dem Podium herrschte Konsens darüber, dass mit einer Berufsorientierung an Gymnasien Schülerinnen und Schüler bereits frühzeitig auf Alternativen zum Studium hingewiesen werden und so auch die Chancen der beruflichen Bildung deutlich gemacht werden können.

„Wir müssen einfach mal viel lauter sagen, dass ein Versicherungskaufmann deutlich mehr verdient als ein Archäologe“, regt Dercks an.

Peter Clever forderte daraufhin alle Podiumsdiskussionsteilnehmer energisch auf, mit dem Begriff „Allianz für Berufsbildung“ eine positive Kommunikation über die duale Ausbildung auf den Weg zu bringen. „Aus Sicht der Wirtschaft ist eine gute duale Ausbildung erste Wahl“, betonte er.

Information ist das A und O

Darüber hinaus betonten aber auch alle Diskutanten, dass die Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung immer eine persönliche Entscheidung des Jugendlichen bleibt. „Es sind die jungen Menschen, die die Entscheidungen treffen und die sie nach ihren Wünschen treffen“, sagte Quennet-Thielen. Doch um eine reflektierte Entscheidung zu treffen, sind Informationen notwendig.

„Berufliche Bildung muss wieder attraktiver werden. Sie muss auch breiter bekannt werden“, forderte die Staatssekretärin. „Die Wahrnehmung ist schon zutreffend, dass die jungen Leute in den Schulen kein gutes Bild haben, was sich für tolle und breite Chancen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich ergeben“, führte sie weiter aus.

Gleichwertigkeit schaffen

Teilnehmende diskutieren auf dem Podium.

„In die Herzen und Köpfe kommen“: Dirk Palige.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

In Bezug auf die Karrieremöglichkeiten gilt es aber auch, Gleichwertigkeit zu schaffen. „Wenn die Jugendlichen das Gefühl haben, ich gehe in einen Betrieb rein und die Bachelor ziehen an mir vorbei, da gibt es eine gläserne Decke im Betrieb – dann werden sie sich nicht dafür entscheiden“, erklärte Anbuhl die aktuelle Situation.

Er forderte daher, die berufliche Aufstiegsfortbildung zu stärken.

Palige fasste die Herausforderung treffend zusammen: „Wir müssen in die Herzen und Köpfe kommen.“

Denn darin waren sich alle Podiumsteilnehmende einig: Solange die öffentliche Wahrnehmung sich nicht ändert, wird die berufliche Bildung an ihrem schlechten Image leiden.

Die Statements der Podiumsdiskussion zum Thema „Fachkräfte sichern“:

Cornelia Quennet-Thielen: „Junge Leute haben kein gutes Bild von der beruflichen Bildung.”

„Wir sehen einen Bildungstrend hin zu höherer Qualifizierung. Und der ist nicht nur in den Köpfen der jungen Leute und ihrer Eltern, der ist sowohl auch in den Köpfen und beim Bedarf der Wirtschaft. Deswegen führt aus der Dualität beider Dinge überhaupt nichts dran vorbei. Wir müssen als Ausgangspunkt nehmen: Es sind die jungen Menschen, die die Entscheidungen treffen, und die sie treffen nach ihren Wünschen, nach ihren Vorstellungen, sicherlich ganz oft auch aus ihrem Unwissen heraus– und es sind ihre Fähigkeiten, ihre Kenntnisse, die sie haben. Und da müssen wir ansetzen. Die berufliche Bildung muss eben auch wieder attraktiver werden. Sie muss auch breiter bekannt werden. Die Wahrnehmung ist schon zutreffend, dass die jungen Leute in den Schulen kein wirklich gutes Bild haben, was für tolle und breite Chancen sich auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich ergeben.“

Dirk Palige: „Ganzheitlich wollen wir die jungen Menschen ausbilden.“

Lassen Sie uns gemeinsam den Pfad in Ausbildung beschreiten! Das Handwerk ist bereit, das Handwerk tut Vieles. Sie haben angesprochen, Praktika in Schulen anzubieten. Das machen wir, das wollen wir auch noch verstärkter machen. Dafür sind wir da. Dafür können Sie jederzeit auf uns zukommen. Lassen Sie uns nicht nur intensiv über die Idee ‚duales Abitur‘ nachdenken, sondern so etwas auch vermehrt umsetzen. Und dann müssen wir uns nicht darüber schreiten, ob nun eine Ausbildungsgarantie die Verpflichtung beinhaltet, dies oder das oder jenes zu tun oder zu lassen, sondern tatsächlich an der Ursache selbst, an den jungen Menschen und an dem Matching oder dem passgenauen Vermitteln anzusetzen. Dann ist auch die Wirtschaft, oder auf jeden Fall das Handwerk, dazu bereit zu sagen: Wir wollen konkret dazu beitragen, dass junge Menschen direkt im Übergang, im Anschluss an ihre schulische Ausbildung in die Ausbildung hineinkommen und da ist ein Adjektiv, das Frau Quennet-Thielen vorhin benutzt hat, besonders wichtig – ganzheitlich. Ganzheitlich wollen wir die jungen Menschen ausbilden.

Matthias Anbuhl: „Karrieremöglichkeiten eröffnen“

„Es werden sich mehr leistungsstärkere Jugendliche für eine duale Ausbildung gewinnen lassen, wenn sie sagen: Ich werde hier gut ausgebildet, hier habe ich Übernahmeperspektiven und ich habe hier Karriereperspektiven. Wenn allerdings die Jugendlichen das Gefühl haben, dass sie in einen Betrieb reingehen und die Bachelor an ihnen vorbeiziehen als Facharbeiten, dass es also eine gläserne Decke im Betrieb gibt, dann werden sie sich nicht dafür entscheiden.

Und deswegen glaube ich an dieser Stelle – und da würde ich gar nicht mit dem Finger auf andere zeigen – aber da müssen wir alle miteinander aufpassen, dass wir wirklich Karrierechancen, dass wir die Frage der beruflichen Aufstiegsfortbildung stärken. Dass wir Meister, Fachwirte, letzten Endes Techniker auch in den Betrieben stark machen und ihnen auch Karrieremöglichkeiten eröffnen.“

Peter Clever: „Eine gute duale Ausbildung ist aus Sicht der Wirtschaft erste Wahl.“

„Heute gehen über 50 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium. Wir hatten Zeiten, da waren das 30 Prozent. Und vielleicht war schon bei diesen 30 Prozent die Attitüde der Gymnasien ‚Wir sind nur dazu da, die Leute aufs Studium vorzubereiten‘ falsch. Aber bei 50 Prozent ist es wirklich total falsch. Denn wir müssen die Gymnasien sowohl als Vorbereitung für die duale Berufsausbildung wie als Vorbereitung für das Studium ansehen.

Beides muss zusammenkommen und da müssen wir werben, auch bei den Lehrern an den Gymnasien, dass ihre Schülerinnen und Schüler nicht nur aufs Studium vorbereitet werden, sondern dass da ganz andere und hochattraktive Lebenswege bevorstehen. Das ist auch für die Akzeptanz des dualen Berufsausbildungssystems wichtig, damit nicht gesagt wird: Das ist 2. und 3. Wahl. Das ist erste Wahl. Aus der Sicht der Wirtschaft ist eine gute duale Berufsausbildung erste Wahl.“

Dr. Achim Dercks: „Das gesellschaftliche Bild drehen“

„Dass wir uns mit den Schwachen in den letzten zehn, fünfzehn Jahren sehr intensiv beschäftigt haben, hat natürlich nicht dazu geführt, das duale Ausbildungssystem in der öffentlichen Wahrnehmung mit Qualität und Karriere in Verbindung zu bringen. Das Politik lange Zeit, in den letzten Jahren nicht mehr, auf dem OECD-Trip war, zu sagen, es müssen alle studieren, hat auch dazu beigetragen.

Auch heute noch reden wir von Studienabbrechern, vom Trend zur Höherqualifizierung und meinen dann, dass die Leute deswegen mehr studieren. Aber es gibt durchaus auch Möglichkeiten – das wissen Sie auch alle – mit der Aufstiegsfortbildung den Trend zur Höherqualifizierung im Bereich der dualen Ausbildung zu machen. Es gibt zum Beispiel das duale Studium, das man auch nicht mit dem theoretischen Bachelor in einen Topf werfen sollte. Ich glaube, wir sind hier an einem Punkt, an einer ganz entscheidenden Weichenstellung. Denn wenn wir jetzt nicht gemeinsam dieses gesellschaftliche Bild drehen, dann sind wir auf einer Rutschbahn.

Dann haben wir nachher deutlich zu wenig Azubis. Wir haben nicht nur 100.000 Studienabbrecher, die ja im Übrigen deshalb Studienabbrecher sind, weil ihnen die Informationen fehlen. Wir müssen einfach mal viel lauter sagen, dass ein Versicherungskaufmann deutlich mehr verdient als ein Archäologe, oder ein Architekt oder ein Philosoph. Wir müssen sagen, dass diese Aussage selbst dann schon gilt, wenn man noch nicht berücksichtigt, dass von den Studierten viele gar nicht in ihrem ausgebildeten Beruf eine qualifizierte Tätigkeit zu finden. Und diese Dinge auch zu kommunizieren ist natürlich die Basis dafür, dass junge Leute nicht ob des allgemeinen Palavers einfach sagen: Ich muss studieren sonst bin ich nur ein halbwertiger Mensch. Und diese Botschaft hat die Gesellschaft über 20 Jahre lang gesendet.“


Austausch hoch zehn – Highlights aus den Fachforen

Teilnehmende der Bundeskonferenz gehen eine Treppe hoch.

Auf den Weg in die Fachforen.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Nachqualifizierung, Ausbildungsbeteiligung in kleinen und mittelständischen Unternehmen oder Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher – in zehn Fachforen hatten die Teilnehmenden der Bundeskonferenz „Chance Beruf“ die Möglichkeit, sich intensiv mit den aktuellen Herausforderungen in der beruflichen Bildung auseinanderzusetzen. Dabei konnten die Teilnehmenden jeweils am ersten und am zweiten Veranstaltungstag ein Forum ihrer Wahl besuchen und sich dort – ganz nach dem Adi-Preißler-Motto „Grau ist alle Theorie, wichtig ist auf dem Platz“ – aktiv mit eigenen Ideen einbringen und mit anderen diskutieren.


Für eine ausführlichere inhaltliche Zusammenfassung der einzelnen Foren klicken Sie bitte das Forum Ihrer Wahl an:

Fachforum 1: Bildungsketten ausweiten!

Ziel der Bundesregierung ist eine Ausweitung der Initiative Bildungsketten. Im Forum warf man einen Blick auf die erfolgreiche Entwicklung und die künftigen Herausforderungen aus den Blickwinkeln von Bund, Bundesagentur für Arbeit und Ländern.


Das Wichtigste in Kürze

Um kommenden Herausforderungen wie dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel zu begegnen, will der Bund zusammen mit den Ländern Studien-/Berufsorientierungs- und Übergangsangebote für junge Menschen systematisieren. Landeskonzepte unter Einbeziehung von Förderinstrumenten des Bundes und der Bundesagentur für Arbeit sollen gewährleisten, dass jungen Menschen der Einstieg in die Ausbildung  gelingt. Die Zusammenarbeit wird intensiviert.

Auch die Länder selbst stellen sich den Herausforderungen, denen sie bei der Umsetzung von Berufsorientierungsmaßnahmen, Coaching-Angeboten und Übergangsmaßnahmen begegnen: Auf allen Ebenen müssen sinnvolle Strukturen vorhanden sein, die Akteure müssen sich klar abstimmen und eng zusammenarbeiten. Die Landesansätze aus Hamburg und Sachsen-Anhalt sind erfolgreiche Beispiele dafür, wie mit diesen Herausforderungen umgegangen werden kann.


Die Initiative Bildungsketten

Die Initiative Bildungsketten unterstützt Jugendliche beim Übergang von der Schule in die Berufswelt. Bundes- und Landesministerien kooperieren dabei eng. Sie entwickeln Konzepte für eine Zusammenarbeit der Akteure auf verschiedenen Zuständigkeitsebenen und transferieren bewährte Strategien. Mit der Initiative Bildungsketten wird im Rahmen der Ausweitung aus einem Förderinstrumentenkasten eine Förderphilosophie.

Zusammen die Weichen stellen

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Bundesagentur für Arbeit und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales treten mit den Ländern in Diskussion, um nachhaltige, systematisierte Strukturen zu entwickeln. Zusätzlich zu den Maßnahmen Berufseinstiegsbegleitung, ehrenamtliche Ausbildungsbegleitung, Potenzialanalyse und berufsorientierende Werkstatttage werden hierbei gemeinsam weitere bewährte Förderinstrumente in den Blick genommen. Ebenso werden erfolgreiche Förderinstrumente der Länder einbezogen, um ein kohärentes Konzept für den Übergang Schule-Beruf zu entwickeln.

Koordination ist die Voraussetzung

Die vorgestellten Landesansätze aus Hamburg und Sachsen-Anhalt verdeutlichten die Herausforderungen bei der Umsetzung von Berufsorientierungsmaßnahmen, Coaching-Angeboten und Übergangsmaßnahmen: Auf allen Ebene müssen sinnvolle Strukturen vorhanden sein und die Akteure müssen sich klar abstimmen und eng zusammenarbeiten. Nur so wird gewährleistet, dass kein junger Mensch auf dem Weg in die Ausbildung verloren geht. Und nur so lässt sich sicherstellen, dass junge Menschen bedarfsgerecht und individuell beraten werden.

Wesentliches Strukturmerkmal ist eine regionale Koordinierung. So arbeiten in Hamburg verschiedene Rechtskreise in Jugendberufsagenturen in einem Stadtteil direkt zusammen, um schnell, gezielt und unbürokratisch zu unterstützen. Akteure aus Jugendhilfe, U-25 -Teams der Bundesagentur für Arbeit, Jobcenter und Schulbehörden achten darauf, dass keiner aus dem Blickfeld gerät.

In gemeinsamen Fallkonferenzen werden – wenn notwendig und auf kurzem Weg – Lösungsansätze für einzelne Jugendliche entwickelt.

Sachsen-Anhalt schlägt einen ähnlichen Weg zur bedarfsgerechten Unterstützung junger Menschen ein (regionales Übergangsmanagement). Es steht als Flächenland derzeit vor der Herausforderung, alle relevanten Akteure auf diesem Weg mitzunehmen. Das sachsen-anhaltinische Konzept beruht auf einem lebensweltlichen Ansatz mit Bezug zu verschiedenen Tätigkeitsfeldern. Die Berufsorientierung (Landeskonzept „BRAFO“) wird ausgebaut, eine assistierte Ausbildung für junge Menschen unter 25 Jahren, die grundsätzlich ausbildungsreif sind, soll etabliert werden.

Individuelles Coaching

In beiden Ansätze ist individuelles Coaching der Jugendlichen als ein Kernelement vorgesehen. So wird es ermöglicht, gezielt auf persönliche Bedürfnisse und Voraussetzungen einzugehen. Doch werden solche Ansätze nicht nur mit der Berufseinstiegsbegleitung oder weiteren Angeboten in Hamburg und Sachen-Anhalt verfolgt. Bundesweit besteht das Angebot VerA (Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen), das junge Menschen unterstützt, denen der Übergang in eine Ausbildung schon gelungen ist. In Baden-Württemberg begleitet das Projekt carpo schon seit Jahren mit einer assistierten Ausbildung in den Beruf. Gute Beispiele wie diese gibt es viele, sie müssen allerdings in einem kohärenten System verankert werden.

Und wie geht es weiter?

„Für Reformen muss es einen politischen Willen geben“ ist eine zentrale Aussage, die sowohl Referentin Dr. Kristin Körner aus Magdeburg als auch Andreas Kahl-Andresen aus Hamburg im Forum betonten. Ihr schlossen sich alle anderen Forenreferenten zustimmend an. Zur Frage, wie es nun weitergehe, erinnerte das BMBF an die Worte von Ministerin Wanka: „Ich werde in Kürze die 16 Kultusminister zur Abstimmung von jeweils landesspezifischen Bund-Länder-Vereinbarungen zur nachhaltigen Verankerung der Bildungsketten in den Regelsystemen einladen.“


Beteiligte

Christian Binz, Hufeland-Schule Berlin
Norbert Rixius, Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen
Ralf Buchholz, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Ulrich Eberle, Bundesagentur für Arbeit
Ulrich Fellmeth, Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Württemberg
Ulrike Hestermann, Kooperationsverbund Jugendsozialarbeit
Andreas Kahl-Andresen, Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg
Markus Kiss, Deutscher Industrie- und Handelskammertag
Dr. Kristin Körner, Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt
Dr. Hans-Ortwin Nalbach, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Susanne Nonnen, Senior Experten Service Bonn
Ulrich Schuck, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Peter Thiele, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Christine Vatterodt, Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft

Moderation:
Katharina Kanschat, Programmstelle JOBSTARTER beim BIBB
Michael Schulte, Servicestelle Bildungsketten beim BIBB

Fachforum 2: Anschluss und Abschluss schaffen!

Wie lässt sich der Übergang von der Schule in die Berufsausbildung effektiv gestalten und die Anschluss- und Abschlussorientierung sicherstellen? Das Fachforum 2 befasste sich mit ausgewählten Initiativen, Entwicklungen und Herausforderungen.


Das Wichtigste in Kürze

Am Beispiel Hamburg wurden zunächst Ansatzpunkte für eine effektivere systemische Gestaltung des Übergangsbereichs vorgestellt und diskutiert. Jugendberufsagenturen oder die Einführung einer dualen Ausbildungsvorbereitung  sind Elemente, die den Umbau kennzeichnen. Getreu dem Motto „Kein Jugendlicher darf verloren gehen“ wurde eine datenschutzkonforme Lösung entwickelt, die den Verbleib von Jugendlichen erfassbar macht und eine effektive Berufswegeplanung ermöglicht.

Evaluations- und Praxisberichte aus den Initiativen DECVET und JOBSTARTER CONNECT zeigten: Die Voraussetzungen für Anrechnungen beruflicher Handlungskompetenz können durch den Einsatz von Lernergebniseinheiten in der Berufsvorbereitung, der außerbetrieblichen Ausbildung und der Nachqualifizierung verbessert werden. Diese Lernergebniseinheiten sollten

  • die Ordnungsmittel ergänzen und in diese integriert werden,
  • keinen Zielgruppenbezug haben,
  • einen Umfang haben, der von den Lernenden in drei bis sechs Monaten erworben werden kann und
  • unter Beachtung spezifischer strukturbildender Prinzipien entwickelt werden.

Ziele

Die Modernisierung der Berufsbildung ist erklärtes Ziel der Bundesregierung. Hieraus lassen sich Teilziele ableiten:

Die Entwicklung eines systematischen Übergangsbereichs, der konsekutiv auf Ausbildung und Berufsabschluss ausgerichtet ist,
eine stärkere Ausrichtung von nachschulischen Bildungsangeboten auf die betriebliche Ausbildung und eine verbesserte Transparenz im Qualifizierungsprozess sowie 
die Entwicklung und Abstimmung von geeigneten Verfahren für eine verbesserte zeitliche Verwertbarkeit von Bildungsgängen.

„Es ist genug Geld in diesem Bereich vorhanden – es wird nur nicht richtig eingesetzt.“
(Clive Hewlett, Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg)

Herausforderungen

In Hamburg waren politischer Wille, Sachverstand und die Übernahme gemeinsamer Verantwortung Voraussetzungen für die systemische Neuausrichtung des Übergangsbereichs. Der Transfer dieses Gestaltungswillens und der Einbezug aller Akteure stellen für eine Modernisierung der Berufsbildung notwendige Grundlagen dar.
Die Neuausrichtung der Bildungsangebote auf der curricularen Basis von Qualifizierungs- und Ausbildungsbausteinen bietet Vorteile – ist aber auch anspruchsvoll in der Umsetzung. Neben der Schulung von qualifizierendem Personal stellt die Überarbeitung der Curricula eine umfangreiche Aufgabe dar.
Kontrovers diskutiert wurde insbesondere die Frage nach Verfahren, die qualitätsgesichert eine verlässliche Feststellung erworbener Kompetenzen ermöglichen, ohne die Ordnungsmittel und das Prüfungswesen in Frage zu stellen.

Strategien

Das kürzlich umgestaltete Hamburger Übergangssystem bietet viele Ansatzpunkte für eine effektivere Ausrichtung von Übergängen:

In den Jugendberufsagenturen werden die Förderinstrumente der unterschiedlichen Rechtskreise des Sozialgesetzbuchs gebündelt und können effektiver eingesetzt werden. Die Teilnahme an Bildungsgängen ist systematisiert, so dass Warteschleifen vermieden werden können.
Eine verbindliche Berufs- und Studienorientierung ermöglicht eine frühzeitige berufliche Festlegung der Jugendlichen.
„Kein Jugendlicher darf verloren gehen“ – eine Verankerung dieses Prinzips im Landesrecht erleichtert eine effektive Datennutzung unter Beachtung des Datenschutzes.
Die Ausbildungsvorbereitung ist konsequent betrieblich ausgerichtet und erreicht so eine höhere Akzeptanz bei Jugendlichen und Betrieben.
Ausbildungsbausteine und auf diese ausgerichtete Qualifizierungsbausteine bilden die curriculare Struktur der Bildungsgänge.
Mit einer Novellierung des Berufsbildungsgesetzes könnte die rechtliche Ausgangslage für zeitliche Anrechnungen verbessert werden.

Zentrale Aspekte

Mit der Umsetzung der aktuellen Empfehlung des Hauptausschusses des Bundesinstituts für Berufsbildung zur Struktur und Gestaltung von Ausbildungsordnungen (Ausbildungsberufsbild, Ausbildungsrahmenplan) sollen Kompetenzorientierung und das Kompetenzverständnis des Deutschen Qualifikationsrahmens (DQR) verstärkt Eingang in Ausbildungsordnungen finden. Unter Berücksichtigung von Evaluationsergebnissen soll diese Empfehlung fortgeschrieben werden.

Bundeseinheitliche und zielgruppenunabhängige Lernergebniseinheiten wurden in Programmen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) auch im Bereich der Berufsvorbereitung erprobt. Hinsichtlich der curricularen Struktur der Qualifizierung weisen sie aus Sicht aller Akteure einen deutlichen Mehrwert gegenüber klassischen Strukturen und Vorgehensweisen auf.

An den Schnittstellen des Bildungssystems existieren diverse Ansätze, Initiativen und Projekte, die mit unterschiedlichen Konzepten non-formal und informell erworbene Kompetenzen validieren. Das BMBF stellte drei unterschiedliche Wege zur Diskussion, wie unter Beibehaltung der Rolle der externen Kammerprüfung als zentralem Validierungsinstrument nun ein optimiertes Modell der Anrechnung beruflicher Erfahrungen gelingen könnte. Die Überlegungen reichen von der Standardisierung der Verfahrenspraxis über die Öffnung des Reglungsansatzes des Berufsqualifikationsfeststellungsgesetzes (BQFG, Artikel 1 des sog. „Anerkennungsgesetzes“) auf Inländer bis zu einer Novellierung des Berufsbildungsgesetztes (BBiG).

Ausblick

Derzeit gestalten viele Bundesländer die Übergangsphase von der allgemeinbildenden Schule in Berufsausbildung um. Bund und Länder arbeiten in diesem Themenbereich eng zusammen, um überregional systemische Lösungen zu erreichen. Auch die Umsetzung der  Kompetenzorientierung in der Ausbildung ist ein grundlegender Veränderungsprozess (siehe dazu die Ergebnisse des Erfahrungsaustauschs der Initiativen zur Erprobung von Ansätzen zur Anrechnung und Anerkennung in der beruflichen Bildung). Die Akteure der Berufsbildung unterstützen diese Entwicklungen, so dass das Ziel einer verbesserten Durchlässigkeit Schritt für Schritt erreicht werden kann.

Beteiligte

Dr. Josef Amann, Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern 
Dr. Lena Behmenburg, Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände
Dr. Stefan Ekert, Interval GmbH Berlin
Irmgard Frank, Bundesinstitut für Berufsbildung
Erik Heß, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Clive Hewlett, Abteilung Außerschulische Berufsausbildung im Amt für Weiterbildung Hamburg der Behörde für Schule und Berufsbildung (BSB)
Ralf Jahnke, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin
Thomas Ressel, IG Metall
Dieter Westendorff, Fördergesellschaft der Handwerkskammer Freiburg gGmbH

Moderation:
Rainer Rodewald, SPI Consult GmbH, Berlin

Fachforum 3: Chancen erkennen – Integration fördern!

Wie lässt sich das Potenzial der Migrantinnen und Migranten nutzen, um den Fachkräftebedarf langfristig zu decken? Im Gespräch kristallisierten sich zwei Grundbedingungen heraus: ein vorurteilsfreier Arbeitsmarkt und gezieltes Ausbildungsmarketing.


Das Wichtigste in Kürze

Interkulturalität auf allen Ebenen der dualen Ausbildung muss selbstverständlich werden, damit das Potenzial der weiter wachsenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund zur Fachkräftesicherung genutzt werden kann. Im Verlauf der Diskussion berichten die Expertinnen und Experten von einer weiterhin bestehenden allgemeinen Zurückhaltung vor allem klein- und mittelständischer Unternehmen, Fachkräfte aus dem Ausland, aber auch Auszubildende mit Migrationshintergrund einzustellen.

Um dies zu ändern, ist ein vorurteilsfreier Arbeitsmarkt erforderlich, bei dem die Kompetenzen der Menschen ohne Vorbehalte gesehen und anerkannt werden. Ein Dialog unter den Institutionen und Migranten soll aktiv gefördert werden, um das distanzierte Verhalten vieler Ratsuchenden zu den Behörden abzubauen. Eine weitere wichtige Strategie ist ein zielgruppenspezifisches Marketing für die duale Ausbildung, da viele Zugewanderte die Chancen der dualen Ausbildung nach wie vor nicht kennen.


Herausforderungen

In der Podiumsdiskussion wurden verschiedene Herausforderungen aufgeführt: Vor allem bei kleinen und mittelständischen Unternehmen gibt es weiterhin eine allgemeine Zurückhaltung, Fachkräfte aus dem Ausland, aber auch in Deutschland aufgewachsene Auszubildende mit Migrationshintergrund einzustellen. Eine aktuelle Studie des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Migration und Integration bestätigt, dass junge Menschen mit Migrationshintergrund auch bei gleicher Qualifikation schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz haben. So müssen Schülerinnen und Schüler mit einem türkischen Namen deutlich mehr Bewerbungen schreiben, um zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, als jene mit einem deutschen Namen.

Ein Handlungsdruck wegen mangelnder Fachkräfte ist bei vielen mittelständischen Unternehmen jedoch noch nicht angekommen. Die Einstellungspraxis von Unternehmerinnen und Unternehmern kann nur schwer beeinflusst werden. Es wurde aber auch eine positive Entwicklung hervorgehoben: Die Wirtschaftsleistung der Selbstständigen mit Migrationshintergrund ist höher, als allgemein angenommen wird. Unter den Unternehmerinnen und Unternehmern mit Migrationshintergrund gibt es einige Herkunftsgruppen, die Dank verschiedener Projekte bereits ausreichend ausbilden.

Bei Jugendlichen und Eltern in zugewanderten Familien hat die duale Berufsausbildung häufig noch ein schlechtes Standing oder ist gar eine „black box“. In den Herkunftsländern gibt es diese Ausbildungsform nicht – und wenn es eine Form des betrieblichen Lernens gibt, dann hat sie keinen guten Ruf. Hinzu kommt, dass eine „jahrelange Politik der Ablehnung“, so ein Teilnehmer, noch heute das Denken vieler Migrantinnen und Migranten prägt. Nach wie vor existiert bei einigen ein Gefühl, „nicht erwünscht zu sein“. In den Familien fehlen häufig positive Vorbilder, die die Jugendlichen motivieren und ihnen Mut machen. Wenn die Jugendlichen erreicht werden sollen, muss die gesamte Familie „mitgedacht werden – dazu gehören auch Tanten und Onkel“.

Ziele

Um Jugendliche erfolgreich auf die Globalisierung des Arbeitsmarkts und auf den weiter steigenden Bevölkerungsanteil von Menschen mit Migrationshintergrund vorzubereiten, müssen die Prinzipien der Interkulturalität auch in der dualen Ausbildung  selbstverständlich gelebt werden, so Prof. Dr. Festing in ihrem Eingangsreferat. Hierzu ist die Stärkung der interkulturellen Kompetenz aller notwendig, und sie muss bereits in der Schule bzw. gezielt in den Ausbildereignungsseminaren gefördert werden. Dieser Aspekt wurde auch in der abschließenden Diskussionsrunde vielfach aufgegriffen. Teilnehmer des Podiums forderten einen vorurteilsfreien Arbeitsmarkt und einen Kulturwandel, bei dem die Kompetenzen der Menschen ohne Vorbehalte gesehen und anerkannt werden.

Das Denken in Kategorien wie: „Was ist deutsch und nicht deutsch, was ist fremd und nicht fremd“ ist von der Wirklichkeit überholt worden. Alle Verantwortlichen wollen jetzt Zukunft gestalten. Kammern und Verbände sollten sich in dieser Hinsicht  gemeinsam aufstellen. Dies ist auch ein Ziel der im Forum vorgestellten KAUSA Servicestelle Dortmund, die seit Oktober 2013 als eine von sechs bundesweiten Servicestellen gestartet ist. Gemeinsam mit den zuständigen Stellen, mit Migrantenorganisationen, Elternverbänden und Unternehmen sollen nachhaltige Instrumente entwickelt werden, damit Jugendliche und Selbstständige mit Migrationshintergrund verstärkt an dualer Ausbildung teilhaben.

Strategien

Die Beteiligten diskutierten mögliche Strategien, wie die Herausforderungen nachhaltig angegangen werden können: Um Migrantinnen und Migranten zu erreichen, ist es unabdingbar, die Botschaften zielgenau an den Mann oder die Frau zu bringen. Wissen um die Heterogenität der Zielgruppe ist daher unabdingbar. Ein Dialog unter den Institutionen und vor allem mit den Migranten ist wichtig, damit das zurückhaltende Verhältnis der Ratsuchenden zu den Behörden verbessert werden kann. Hier sollte man kreative, nachhaltige Kommunikationsstrukturen aufbauen. In den Unternehmen müssen ein Bewusstseinswandel und eine interkulturelle Öffnung von der Leitung aus gewollt und bewusst gesteuert werden, so eine Unternehmerin.

An Behörden und Verwaltungen gerichtet wurde angeregt, dass diese als Rollenmodell wirken und „bei sich selbst anfangen“, indem sie aktiv Auszubildende mit Migrationshintergrund gewinnen. Auch von der Seite der Migrantenorganisationen ist ein noch stärkeres Commitment erforderlich. Alle Akteure betreffend ist der persönliche Kontakt von zentraler Bedeutung, um Vorurteile abzubauen. Ein konkreter Weg ist ein gutes Marketing für die duale Ausbildung, das gezielt die unterschiedlichen Herkunftsgruppen der Selbstständigen, Jugendlichen und Eltern mit Migrationshintergrund anspricht.


Beteiligte

Volkan Baran, DSW 21 – Dortmunder Stadtwerke AG
Dirk Buchwald, Koordinierungsstelle Migration der Bundesagentur für Arbeit
Prof. Dr. Marion Festing, ESCP Wirtschaftshochschule Berlin
Dr. Virginia Green, ENCOS GmbH
Michael Ifland, Industrie- und Handelskammer Dortmund
Dr. Ulrich Jahnke, Arbeitsstab der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration
Leyla Köprülügil, Geschäftsführerin Restaurant Avril
Ralf Maier, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Dr. Jan Schneider, SVR – Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration GmbH
Nihat Sorgeç, Bildungswerk Kreuzberg
Aysun Tekin, Unternehmen.Bilden.Vielfalt e.V. und KAUSA Servicestelle Dortmund
Tamer Ergün Yıkıcı, Radio Metropol FM GmbH & Co. KG

Moderation:
Dr. Oliver Diehl, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Özgür Nalçacıoğlu, Programmstelle JOBSTARTER beim BIBB

Fachforum 4: Zugänge zur Nachqualifizierung erleichtern!

Viele Menschen über 25 arbeiten als An- und Ungelernte. Über eine Nachqualifizierung könnten sie nachträglich einen Berufsabschluss erwerben – doch die Nachfrage ist gering. Im Forum wurde diskutiert, wie man Hindernisse abbauen kann.


Das Wichtigste in Kürze

Strukturen für den Erwerb von Berufsabschlüssen für Erwachsene weiterentwickeln, Programme für die Qualifizierung von An- und Ungelernten bekannt machen und den Zugang zur Externenprüfung verbessern – dies sind die zentralen Herausforderungen im Themenbereich Nachqualifizierung. Um die Nutzung von Nachqualifizierung und Externenprüfung zu fördern, stehen alle Akteure vor der Aufgabe, Vorbehalte bei Betrieben sowie bei an- und ungelernten Beschäftigten abzubauen und Nachqualifizierung zu bewerben. Im Forum wurden bestehende Ansätze und Herausforderungen vorgestellt und diskutiert.


Ziele

An- und Ungelernte sind ein Potenzial für Unternehmen. Mit Nachqualifizierungsangeboten können sie nachträglich einen Berufsabschluss erwerben. Um Nachqualifizierung zu erleichtern, gestaltet der Bund rechtliche Rahmenbedingungen, fördert Strukturbildung und finanziert Bildungsangebote. Doch trotz des großen Engagements zahlreicher Akteure ist die Anzahl junger Menschen, die keinen Berufsabschluss haben, noch immer zu hoch. Im Forum wurde diskutiert, wie man Hindernisse, die eine höhere Nachfrage nach Nachqualifizierung blockieren, abbauen kann.

Herausforderungen

Über Nachqualifizierung und eine externe Berufsabschlussprüfung kann ein Berufsabschluss auch ohne eine vorherige Erstausbildung erlangt werden. Diese Möglichkeit kennen jedoch vielfach weder Betriebe noch ihre an- und ungelernten Beschäftigten. Zwar sind die Unterstützungsstrukturen vielfältig, doch sind die richtigen Ansprechpartner oft nicht bekannt und die Voraussetzungen für eine Inanspruchnahme intransparent und zu bürokratisch. Zudem bestehen Vorbehalte auf beiden Seiten: Beschäftigte haben Prüfungs- und Versagensängste oder finanzielle, zeitliche oder familiäre Hemmnisse. Betriebe fürchten wirtschaftliche Nachteile, wie Ausfallzeiten während der Nachqualifizierung, verbesserte Perspektiven bei konkurrierenden Arbeitgebern oder höhere Lohnforderungen nach einer erfolgreichen Nachqualifizierung. Daher bedarf es einer überzeugenden Ansprache von Betrieben sowie an- und ungelernt Beschäftigter, um den individuellen Wert eines Ausbildungsabschlusses für beide Seiten deutlich zu machen und Vorbehalte auszuräumen.

Strategien

Persönliche Beratungsgespräche haben sich bei der Verbreitung von Informationen als zielführend erwiesen. Beratende in den Agenturen für Arbeit, Betriebsräte und Ausbildungsberatende der Kammern werben wirkungsvoll für Nachqualifizierung. So gibt es bereits gute Beispiele engagierter Beratender sowie von Betriebsräten und Kammern, die konkret aufzeigen, wie Ausbildungsabschlüsse nachgeholt werden können. Fachverbände sollten künftig intensiver einbezogen werden. Im Forum wurde aufgezeigt, wie sich Zugänge zur Nachqualifizierung und eine betriebliche Weiterbildungskultur erfolgreich gestalten lassen.
Berufsschulische Angebote sind noch stärker für Nachqualifizierungsteilnehmende zu öffnen und auf die Anforderungen erwachsenengerechter Qualifizierung auszurichten. Im Land Hessen erfolgt hierzu derzeit eine Pilotierung.

Bildungsdienstleister übernehmen wichtige Funktionen im Nachqualifizierungsbereich. Die Bedeutung von Kümmererstrukturen ist hoch und reicht von Beratungsdienstleistungen über sozialpädagogische Interventionen bis hin zur Kompensation von Lernorten. Synergieeffekte können erreicht werden, wenn sich Bildungsdienstleister zusammenschließen.

Um kostendeckend zu arbeiten, ist in den Regionen eine ausreichende Anzahl von Nachqualifizierungsteilnehmenden erforderlich. Dafür könnten mehr Kooperationen mit Großbetrieben gebildet werden.

Zentrale Aspekte

Im Zentrum des Forums stand die Diskussion um die Spannbreite des Unterstützungsbedarfs An- und Ungelernter. Die Einschätzung, inwieweit Betriebe diese Unterstützungsarbeit leisten können und wollen, differierte. Der Hauptausschuss des Bundesinstituts für Berufsbildung hat die Empfehlung abgegeben, dass Ausbildungsordnungen künftig kompetenzorientiert gestaltet werden sollen. Während die Ausrichtung auf Kompetenzorientierung von allen Beteiligten begrüßt wurde, bleibt die Ausgestaltung von Kompetenzfeststellungen weiterhin kontrovers.

Die Aspekte der Qualitätssicherung durch die allgemeinverbindliche „Akkreditierungs- und Zulassungsverordnung Arbeitsförderung“ (AZAV) und der Umfang der Finanzierung durch die Bundesagentur für Arbeit war strittiger Diskussionsgegenstand.

Ausblick

Der Bund hat über vielfältige Programme und Initiativen gute Grundlagen für die Nachqualifizierung gefördert. Es stehen mit den Dachverbänden der zuständigen Stellen abgestimmte Standards sowie Qualifizierungs- und Ansprachekonzepte zur Verfügung. Die Zugänge zu Betrieben und zu nicht formal qualifizierten Beschäftigten können mit Unterstützung der Betriebsräte und Ausbildungsberatenden der Kammern sowie der Fachverbände gesteigert werden. Der Ausbau transparenter regionaler Unterstützungsstrukturen bleibt ein wichtiges Kriterium für gelingende Nachqualifizierung. Teilqualifikationen sind mit standardisierten Verfahren hinterlegt und werden hinsichtlich ihrer Wirksamkeit bei der Verbesserung des Qualifizierungsniveaus überprüft.


Beteiligte

Pietro Coladangelo, Schunk GmbH
Joachim Dellbrück, gemeinnützige Gesellschaft für berufsbildende Maßnahmen, Berlin
Simone Flach, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Jan Gosau, Bronzen-Gunkel GmbH
Dr. Esther Hartwich, Deutscher Industrie- und Handelskammertag
Andreas Henkes, Bundesministerium für Arbeit und Soziales
Dr. Kirsten Kielbassa-Schnepp, Zentralverband des Deutschen Handwerks
Dr. Beate Kramer, Zentralstelle für Weiterbildung im Handwerk
Knut Ludwig, Bildungs-, Technologie- und Handelsgesellschaft mbH Eisleben
Thomas Ressel, IG Metall
Jürgen Spatz, Bundesagentur für Arbeit

Moderation:
Dr. Tim Grebe, InterVal GmbH

Fachforum 5: Attraktivität erhalten – mit Qualität!

Wie kann die Attraktivität dualer Berufsausbildung erhalten und durch Qualität gesteigert werden? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch derzeitige bildungspolitische Diskussionen – so auch durch die Beiträge und Diskussionen in Forum 5.


Das Wichtigste in Kürze

Forum 5 spannte einen breiten inhaltlichen Bogen von den Herausforderungen für das duale Berufsbildungssystem insgesamt über die spezifischen Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen bis hin zu konkreten Beispielen der Qualitätssteigerung innerhalb der Ausbildung. Um die Bandbreite potenzieller Auszubildender auszuschöpfen, muss man insbesondere leistungsstarke und leistungsschwache Jugendliche gezielt ansprechen. Konsens bestand darüber, dass es bereits eine Vielzahl an guten Instrumenten gibt, diese jedoch stärker verbreitet werden müssen.


Herausforderung: Zunehmend heterogene Bildungswege

In allen Beiträgen wurde deutlich, dass sich nach wie vor viele Jugendliche im Übergangssystem oder in einer prekären Ausgangssituation befinden. Gleichzeitig erwerben immer mehr junge Menschen eine Hochschulzugangsberechtigung und haben damit  nicht unbedingt eine berufliche Ausbildung unmittelbar im Fokus. Die Zahl der Studienanfänger ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. 2013 liegt sie erstmals über der Zahl der Ausbildungsanfänger. Dies führt nicht nur zu einer vollkommen neuen Sicht auf den Ausbildungsmarkt, es wirft auch die Frage auf, wie die Attraktivität der dualen Berufsbildung für die einzelnen Zielgruppen gezielt und nachhaltig gesteigert und kommuniziert werden kann.

Die sehr praktisch ausgerichteten Studiengänge an Fachhochschulen und beruflichen Hochschulen entwickeln sich weiter; aus Sicht der Jugendlichen lösen sich bisher klare Grenzen auf. Kombinationen von Studium und Ausbildung könnten als Konkurrenz zur klassischen dualen Berufsausbildung gesehen werden, sie können sie aber auch bereichern. So ist mit der dualen Hochschule Baden-Württemberg sogar eine neue Form der Hochschule entstanden.

Im Hinblick auf die demografische Entwicklung müssen kleine und mittlere Unternehmen die Qualität ihrer Ausbildung noch stärker als Chance erkennen und nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit, Mitarbeiterfindung und -bindung sowie Innovationskraft zu erhalten. So machen zum Beispiel Kleinbetriebe mögliche Karrierewege oft nicht transparent genug. Auf der anderen Seite dürfen gerade kleine und mittlere Betriebe mit dieser Herausforderung nicht gänzlich allein gelassen werden. In Anbetracht einer vielerorts alternden Belegschaft und einer oftmaligen Konzentration von berufsbildenden Schulen auf nur wenige Standorte bedarf es der Unterstützung maßgeblicher Akteure, wie Kammern, Politik und auch der Wissenschaft.

Strategie: Leistungsschwache und leistungsstarke Jugendliche stärker in den Blick nehmen

Wenn die Berufsbildung weiterhin attraktiv bleiben will, muss sie sich zielgruppenspezifischer aufstellen. So sind einerseits die besonders leistungsstarken und andererseits die leistungsschwachen Jugendlichen verstärkt in den Blick zu nehmen. Jugendliche mit Hochschulzugangsberechtigung und leistungsstarke Schulabgänger ohne eine solche, dafür aber mit Studienambitionen, benötigen herausfordernde duale Ausbildungen.

Bereits existierende Möglichkeiten zur Erhöhung der Attraktivität dualer Ausbildung müssen ausgeschöpft und vor allem kommuniziert werden. Dazu gehören zum Beispiel Angebote wie die oben genannten dualen Studiengänge, Zusatzqualifikationen während der Ausbildung und die nach dem Berufsbildungsgesetz bestehenden Instrumente wie Ausbildungsverkürzung oder-verlängerung. Auch die Ausbildung in Teilzeit oder die Möglichkeit, Ausbildungsabschnitte im Ausland zu absolvieren oder Fremdsprachenzertifikate zu erwerben, sollten stärker kommuniziert und eingesetzt werden. Letzteres stellt nicht nur einen großen Attraktivitätsfaktor für Jugendliche dar, sondern ist – im Hinblick auf die zunehmende Internationalisierung – auch ein großer Gewinn für die Betriebe.

Ausblick

Die Beiträge und Diskussionen im Forum haben verdeutlicht, dass eine an den unterschiedlichen Zielgruppen orientierte Ausrichtung und Bekanntmachung flankierender Instrumente der dualen Berufsausbildung benötigt wird, um ihre Attraktivität und Qualität langfristig erhalten und ausbauen zu können. Konsens war, dass diese Instrumente nicht (neu) erfunden werden müssen, sondern dass man auf eine breite Palette bereits bestehender Möglichkeiten aufbauen kann. Um die Attraktivität der dualen Berufsausbildung zu steigern, sollten alle Akteure – Politik, Kammern, Sozialpartner, Wissenschaft und Wirtschaft – an einem Strang ziehen und das Thema als Gemeinschaftsaufgabe verstehen.


Beteiligte

Johanna Bittner-Kelber,Bundesministerium für Wirtschaft und Energie
Prof. Dr. Dieter Euler,Universität St. Gallen
Thomas Giessler, Deutscher Gewerkschaftsbund
Susanne Kretschmer, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung, Nürnberg/Berlin
Helena Sabbagh, DEQA-VET-Referenzstelle beim Bundesinstitut für Berufsbildung
Ulrich Wiegand, Handwerkskammer Berlin
Lore Wieland, Bundesministerium für Bildung und Forschung

Moderation:
Karin Küßner,Nationale Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung

Fachforum 6: Chance berufliche Weiterbildung

Lebenslanges Lernen als Selbstverständlichkeit – mit welchen bildungspolitischen Ansätzen lässt sich dieses Ziel verwirklichen? Im Forum wurden ausgewählte Ansätze zur Förderung der Weiterbildung vorgestellt und diskutiert.


Das Wichtigste in Kürze

Was motiviert Erwachsene zu lebenslangem Lernen? Wie lässt sich die Weiterbildungsbeteiligung erhöhen? Was bedeutet es, lebenslanges Lernen als selbstverständlichen Baustein in den individuellen Bildungs- und Erwerbsbiografien zu verankern? Hier liegt eine der großen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen innovativer Bildungspolitik. Denn wirtschaftlicher Erfolg und sozialer Fortschritt, individuelle Teilhabe und Chancengerechtigkeit sind geprägt vom Gelingen dieser Entwicklungsaufgabe. Im Forum wurden ausgewählte Ansätze der Weiterbildung vorgestellt – unter anderem Ergebnisse aus Projekten des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zu den Effekten von Weiterbildungsgutscheinen, zur arbeitsplatzorientierten Alphabetisierung und Grundbildung sowie zur Qualitätssicherung in der Weiterbildungsberatung. Sozialpartner und Fachleute aus Politik, Wirtschaft und Forschung diskutierten über aktuelle Herausforderungen und Chancen der Weiterbildungsforschung und -praxis.


Ziele

Im Forum wurden folgende Ziele zukünftiger bildungspolitischer Maßnahmen der Weiterbildung formuliert:

  • Attraktivität und  Zugang zum Weiterbildungssystem; sind zu verbessern, um Potenziale für die Sicherung qualifizierter Facharbeit zu schaffen.
  • Bestehende Benachteiligungen und Ungleichheiten sind abzubauen.
  • Mit Weiterbildung sind die Potenziale gering Qualifizierter für die Unternehmen zu erschließen.
  • Betriebliche Arbeitsplätze sind lernförderlicher zu gestalten.
  • Investitionen in Weiterbildung sollten sich auf die gesamte Lebensspanne verteilen und dabei auf die berufliche und allgemeine Bildung gleichermaßen beziehen.
  • Um das Weiterbildungssystem nachhaltig zu stärken, sollten Strukturen, die sich in Modellprojekten als erfolgreich erwiesen haben, flächendeckend etabliert werden.

Herausforderungen

Bislang partizipieren nicht alle Menschen gleichermaßen an Weiterbildung. Rund 4,2 Millionen Erwerbstätige im Alter von 25 bis 65 Jahren verfügen in Deutschland über keinen Berufsabschluss. Mit beruflicher Weiterbildung können Geringqualifizierte entscheidend zur Sicherung qualifizierter Facharbeit beitragen. Auch Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund sind stärker für Weiterbildung zu motivieren und zu gewinnen.

Um dies zu erreichen, müssen die Zugänge zu formaler Weiterbildung erleichtert und Hemmnisse abgebaut werden; auch das informell erworbene Wissen ist für die berufliche Qualifizierung zu nutzen. Dazu bedarf es der Zertifizierung von Kompetenzentwicklung und Erfahrungswissen. Zu diesem Zweck sind Verfahren der Validierung von Kompetenzen zu entwickeln.

Strategien

Im Forum wurden vier ausgewählte Ansätze als bildungspolitische Schwerpunkte der Weiterbildung vorgestellt:

  • die berufliche Weiterbildung
  • prämienorientierte Programme (Beispiel Weiterbildungsgutscheine),
  • die arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung, in deren Rahmen berufliche Weiterbildung und Grundbildung kombiniert werden und
  • die Qualitätssicherung der individuellen Weiterbildungsberatung.

Es hat sich gezeigt: Formales, non-formales und informelles Weiterlernen sind individuelle Strategien, die berufliche Qualifikation durch Weiterbildung befördern. Grundbildungsangebote am Arbeitsplatz unterstützen die Beschäftigungsfähigkeit von Geringqualifizierten. Intergenerative Lernkontexte können lernförderliche Arbeitsstrukturen insbesondere für altersgemischte Belegschaften schaffen. Weiterbildungsgutscheine sind erfolgreich etabliert und werden vor allem von Frauen und bildungsaffinen Beschäftigten genutzt. Zudem wirken sie als Türöffner für bislang weniger an beruflicher Weiterbildung Interessierte.

Beratung für (berufliche) Weiterbildung wird angesichts der Fülle und Unüberschaubarkeit des Angebotes und der Möglichkeiten immer wichtiger. Daraus resultiert, dass sich eine an den individuellen Bedarfen orientierte Weiterbildungsberatung etabliert, die zudem auf professionellem, qualitätsgesichertem Handeln der Beratenden basiert.

Zentrale Aspekte

Intensiv wurde die Frage erörtert, ob aus den Erkenntnissen der vielfältigen Projekte zur Weiterbildung bislang ausreichende strukturelle Konsequenzen gezogen wurden. Gewünscht wird ein koordinierender Rahmen, der die Projektarbeit flankiert und strukturelle Verbesserungen (wie beispielsweise die Einrichtung eines Fonds zur Finanzierung von Maßnahmen) erleichtert. In diesem Zusammenhang diskutierte man die Möglichkeiten des Staates, reglementierend oder flankierend in den Prozess einzugreifen.

Ausblick

Für die weitere Entwicklung und Förderung von Strukturen für lebenslanges (Weiter-)Lernen bedarf es einer besseren Vernetzung und Koordinierung aller gesellschaftlichen Akteure: Um die Potenziale Geringqualifizierter besser zu nutzen und betriebliche Arbeitskontexte lernförderlicher zu gestalten, sind Arbeitgeber, Sozialpartner und Forschende gleichermaßen gefordert. Es ist eine staatliche Aufgabe, die dafür notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Lebenslanges (Weiter-)Lernen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung.


Beteiligte

Mechthild Bayer, ver.di
Dr. Knut Diekmann, Deutscher Industrie- und Handelskammertag
Dr. Erik Haberzeth, Technische Universität Chemnitz
Helmut E. Klein, Institut der Deutschen Wirtschaft Köln
Peter Munk, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Prof. Dr. Bernhard Schmidt-Hertha, Universität Tübingen
Prof. Dr. Rudolf Tippelt, Ludwig Maximilians Universität München
Dr. Peter Weber, Universität Heidelberg
Prof. Dr. Reinhold Weiß, Bundesinstitut für Berufsbildung

Moderation:
Klaus Weber, Bundesinstitut für Berufsbildung

Fachforum 7: Ausbildungsbeteiligung in KMU fördern!

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist rückläufig. Gleichzeitig wird es schwieriger, Ausbildungsplätze zu besetzen sowie Betriebe und Jugendliche zusammenzubringen. In Forum 7 wurden Lösungsansätze für diese Probleme diskutiert.


Das Wichtigste in Kürze

Der Ausbildungsstellenmarkt ist zunehmend von Passungsproblemen geprägt: Betriebe haben Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen, während gleichzeitig viele Jugendliche keinen Ausbildungsplatz finden und die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe abnimmt. Eine genauere Analyse zeigt zwar, dass sich die Situation regional und berufsspezifisch sehr unterschiedlich darstellt. Perspektivisch werden die Probleme aber weiter zunehmen – insbesondere für kleine und kleinste Betriebe: Sie ziehen sich heute schon aus der Ausbildung zurück. Die Forenteilnehmenden waren sich einig, dass insbesondere diese Unternehmen in ihrer Ausbildungskompetenz gestärkt werden müssen, wenn eine Trendumkehr erreicht und die Ausbildungsbereitschaft gefördert werden soll. Dabei sind flexible und individuelle Lösungen erforderlich. Einigkeit bestand auch darüber, dass die Betriebe dafür langfristig angelegte Unterstützungsstrukturen benötigen. Der Aufbau dieser Strukturen ist nur durch ein starkes Engagement aller Akteure möglich.


Herausforderungen

Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge hat 2013 mit 530.700 einen historischen Tiefstand erreicht – so wenig neue Ausbildungsverträge gab es im wiedervereinigten Deutschland noch nie. Gleichzeitig ist die Gruppe der unversorgten Bewerberinnen und Bewerber 2013 auf den höchsten Stand seit 2009 gestiegen, obwohl sich die Zahl der Ausbildungsplatznachfrager verringert hat. Neben diesen Versorgungsproblemen der Jugendlichen haben ebenso die Besetzungsprobleme der Betriebe zugenommen. Trotz der hohen Zahl unversorgter Bewerber waren 2013 mit 33.500 Ausbildungsstellen rund sieben Prozent unbesetzt – so viel wie seit 17 Jahren nicht mehr. Und das, obwohl die Ausbildungsbetriebsquote bereits seit Jahren rückläufig ist: Trotz Fachkräftemangel und guter Konjunktur bilden nur noch etwa 21 Prozent unserer Betriebe aus. Die im Eröffnungsvortrag vorgestellte genauere Analyse dieser Situation zeigte regional und berufsspezifisch sehr disparate Entwicklungen. Allerdings sei damit zu rechnen, dass sich diese Passungsprobleme und der Fachkräftemangel auf der mittleren Qualifikationsebene in den kommenden Jahren ausweiten werden.

Strategien

Die im Forum vorgestellten Lösungsansätze bezogen sich sowohl auf die Betriebe als auch auf die Jugendlichen. Insbesondere die vorgestellten Ansätze von Assistierter Ausbildung und Externem Ausbildungsmanagement wurden von allen Beteiligten als geeignete und sich ergänzende Instrumente eingeschätzt, um die Betriebe flexibel zu unterstützen. Beispiele wurden von den derzeit geförderten JOBSTARTER-Projekten beigesteuert. Bemerkenswert pragmatisch sahen die Unternehmensvertreter die aktuelle Situation. Erforderlich seien vor allem kreative Lösungen. So hat beispielsweise eine Fleischerei in Ostdeutschland ein Wohnheim für Azubis bereitgestellt, ein anderer Betrieb finanziert den Azubis in einer strukturschwachen Region den Führerschein und bietet ein eigenes Car-Sharing an. Auch die enge Kooperation mit Schulen, eine verbesserte Ausbildungsqualität und eine angemessene Entlohnung lägen in der Verantwortung der Betriebe, so der Ausbildungsleiter eines mittelständischen Unternehmens. Allerdings bestand breiter Konsens, dass insbesondere kleine und kleinste Unternehmen Unterstützung bei der Ausbildung benötigen.

Ziele

Das einstimmige Fazit des Forums: Wenn eine Trendumkehr erreicht und die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe vergrößert werden soll, muss die Ausbildungskompetenz insbesondere kleiner und kleinster Unternehmen gestärkt werden. Dafür wird eine qualifizierte Unterstützung durch flankierende Maßnahmen benötigt – von der Vorbereitung von Betrieben und Jugendlichen für die Ausbildung über das Informations- und Auswahlverhalten auf beiden Seiten und das Matching bis zur Begleitung im Ausbildungsprozess. Entsprechende Unterstützungsstrukturen müssen langfristig angelegt sein. Dabei sind insbesondere die Sozialpartner und die Kammern gefordert. Ebenso sollten die Förderprogramme von Bund und Ländern noch intensiver abgestimmt werden. Ferner wurde von allen Beteiligten betont, dass die konkrete Ausgestaltung der Angebote flexibel an die individuellen Bedürfnisse und regionalen Bedarfe angepasst werden muss.


Beteiligte

Matthias Anbuhl, Deutscher Gewerkschaftsbund
Dorothea Engelmann, Bundesagentur für Arbeit
Volker Grünewald, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Programmstelle JOBSTARTER
Dr. Udo Hinze, Schweriner Aus- und Weiterbildungszentrum e.V.
Gero Jentzsch, Deutscher Fleischer-Verband e.V.
Dr. Kirsten Kielbassa-Schnepp, Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)
Prof. Dr. Elisabeth M. Krekel, Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)
Dr. Marlene Lohkamp-Himmighofen, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Michael Montag, Jobcenter Landkreis Göttingen
Roger Voigtländer, gpdm - Gesellschaft für Projektierungs- und Dienstleistungsmanagement mbh 
Torsten Zeigert, RATTUNDE & Co GmbH

Moderation:
Monika Wenzel, Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung

Fachforum 8: Europäische Berufsbildungspolitik gestalten!

Nach der Initialzündung des Kopenhagen-Prozesses von 2002 zog eine internationale Expertenrunde vor vollbesetzten Rängen eine Halbzeitbilanz, diskutierte aktuelle Herausforderungen und entwickelte eine Vision 2030 für die europäische Berufsbildung.


Das Wichtigste in Kürze

Die europäische Berufsbildungskooperation steht vor der Umsetzung ihres gemeinsamen Instrumentariums – darunter der Europäische Qualifikationsrahmen – in nationale und europäische Berufsbildungspolitik und -praxis. Es geht um die Vergleichbarkeit und Verwertbarkeit erworbener Qualifikationen und damit die Steigerung der Mobilität beruflich qualifizierter Menschen im europäischen Bildungsraum. Gleichzeitig empfiehlt die EU-Kommission den Mitgliedsstaaten die Einführung einer Berufsausbildung in Schule und Betrieb.

So starten derzeit viele zwischenstaatliche Kooperationsprojekte, die auch die Sozialpartner sowie Unternehmen und Auszubildende miteinbeziehen, ermöglicht durch die europäischen Strukturfonds und Programme wie Erasmus+. Deutschland stellt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), die neue zentrale Beratungsstelle GOVET und Projekte wie VETnet den Partnerländern und dortigen Sozialpartnern seine Expertise und Erfahrungen in der dualen Berufsbildung zur Verfügung.


Ziele

Der Prozess der europäischen Zusammenarbeit in der beruflichen Bildung erlebt derzeit eine spannende Phase: Die kohärente Umsetzung des entwickelten Instrumentariums in nationale und europäische Berufsbildungspolitik und -praxis. Wichtige Ziele sind die Vergleichbarkeit und Verwertbarkeit erworbener Qualifikationen im europäischen Bildungsraum. Das Memorandum zur europäischen Berufsbildungskooperation von 2012 als Teil der europäischen Allianz für die Lehrlingsausbildung ergänzt als weiteres Ziel, mehr Dualität in der Ausbildung zu realisieren – also junge Menschen praxisnah auf den europäischen Arbeitsmarkt und seine vielfältigen beruflichen Chancen vorzubereiten. So will man langfristig einen europäischen Berufsbildungsraum realisieren; mittelfristig geht es darum, der hohen Jugendarbeitslosigkeit durch eine verbesserte Orientierung der Berufsbildung am Bedarf des Arbeitsmarktes entgegenzuwirken. Dazu müssen alle Kräfte gebündelt werden: Neben den Regierungen sind die Sozialpartner und die Bildungseinrichtungen aufgefordert, ihre Kompetenzen und Gestaltungskraft in den weiteren Prozess einzubringen.

Herausforderungen

Die europäische Berufsbildung hat eine globale Dimension. In der Europäischen Union leben nur etwa fünf Prozent der Weltbevölkerung. Bildung und Qualifikation sind für Europa wichtige Ressourcen, ihre Qualität entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft und der hier ausgebildeten Fachkräfte. Im EU-Binnenraum sind die Herausforderungen noch durch die Wirtschafts- und Finanzkrise geprägt, die vor allem die Länder Südeuropas getroffen hat. Mit der allmählichen wirtschaftlichen Erholung verbindet sich jedoch die Chance, die Berufsbildung bedarfsgerecht und krisenfest weiterzuentwickeln. Die Mitgliedsstaaten entscheiden dabei souverän über strukturelle Veränderungen ihres Berufsbildungssystems. Die Systeme der Mitgliedstaaten sind sehr unterschiedlich, doch für alle gilt die Herausforderung, bei der Gestaltung von Bildung und Beschäftigung die gemeinsam entwickelten Instrumente, z.B. den Europäischen Qualifikationsrahmen und die Grundprinzipien zur Validierung informellen und nicht-formalen Lernens, zu nutzen und mit Leben zu füllen.

Strategien

Durch die Neuausrichtung der europäischen Strukturfonds, insbesondere des Europäischen Sozialfonds, und des EU-Programms für die Förderperiode 2014-2020 eröffnet sich für die kooperierenden Staaten nun verstärkt die Möglichkeit, institutionelle Zusammenarbeit mit Lernerfahrungen von Ausbildenden und Auszubildenden zu verzahnen.

So ist etwa die europäische Mobilität in der Berufsbildung im Vergleich zum Hochschulbereich noch ausbaufähig. Sie sollte in naher Zukunft durch Transparenz von Qualifikationen, Orientierung an Lernergebnissen und Anrechnungs- bzw. Anerkennungsmöglichkeiten zunehmend an Attraktivität gewinnen.

Die Europäische Kommission empfiehlt den Mitgliedsstaaten darüber hinaus die Einführung dualer Ausbildungsstrukturen und begleitet die Umsetzung. Dies schließt die Handlungsempfehlung mit ein, Sozialpartner einzubinden und die Mittel der Strukturfonds zu nutzen. Gute Strategien bilden die Entwicklung von multilateralen Berufsbildungskooperationen, wie am Beispiel der Initiative des BMBF bereits geübt, bzw. die Entwicklung von fachlichem Austausch (peer learning) auf europäischer Ebene.

Zentrale Aspekte

Die Diskussionsteilnehmer auf dem Podium und im Publikum waren aufgerufen, ihre Vision von der europäischen Berufsbildung für das Jahr 2030 zu skizzieren. Über die verschiedenen Tätigkeits- und Verantwortungsbereiche der Teilnehmenden hinweg wurde in allen Beiträgen deutlich, dass die Verwirklichung des europäischen Berufsbildungsraums und die Sicherstellung der vier Grundfreiheiten der EU, darunter die Personenfreizügigkeit, Bedingung und zugleich Ergebnis einer europaweit gleichwertigen Berufsbildung sein werden. Es wurden transparente Governance- und kohärente Förderstrukturen, aber auch erste europaweit einheitliche Berufsbilder genannt. Ebenfalls bedeutsam sei die Entfaltung der nationalen Qualifikationsrahmen in der Berufsbildungspolitik und -praxis der Mitgliedsstaaten. Die langfristige Perspektive bis 2030 schließt dann auch die Hoffnung auf die Überwindung der hohen Jugendarbeitslosigkeit (24% im europäischen Durchschnitt bei einer Bandbreite von 5 bis 50%) mit ein, nicht ohne den Hinweis, dass die aktuellen Reformbemühungen dieses Problem nicht von heute auf morgen werden lösen können.

Ausblick

Wie auch andere europäische Staaten bietet Deutschland kollegiale Beratung beim Aufbau oder bei der Weiterentwicklung dualer Berufsausbildung an. Im Jahr 2013 hat das BMBF dazu eine entsprechende Infrastruktur aufgebaut und Projekte angestoßen. Zwei Beispiele: Die Zentralstelle für internationale Berufsbildungskooperation (GOVET) im Bundesinstitut für Berufsbildung stellt allen anfragenden Staaten und den dortigen Sozialpartnern ihre Expertise zur Verfügung. Derzeit ist hier die Umsetzung der bilateralen Kooperationen nach dem Memorandum 2012 mit Spanien, Italien, Portugal, Griechenland, Lettland und der Slowakei ein wichtiger Schwerpunkt in Europa. Als zweites Beispiel wurde das DIHK-Projekt „VETnet“ aufgeführt, das aus Mitteln des BMBF finanziert wird. Es operiert weltweit und bietet über die Auslandshandelskammern Beratung und Zusammenarbeit mit den dortigen Berufsbildungsakteuren an. Auf der europäischen Ebene stehen die Umsetzung des Brügge-Kommuniqués, die Entwicklung der europäischen Allianz für die Lehrlingsausbildung und die Etablierung der Instrumente EQF, ECVET, Anerkennung und ESCO auf der Agenda.


Beteiligte

Steffen Gunnar Bayer, Deutscher Industrie- und Handelskammertag
Mara Brugia, Europäisches Zentrum für die Förderung der Berufsbildung (CEDEFOP)
Dr. Barbara Dorn, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände
Klaus Fahle, Nationale Agentur Bildung für Europa beim Bundesinstitut für Berufsbildung
Thomas Giessler, Deutscher Gewerkschaftsbund
Kathrin Hoeckel, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
Thomas Mayr, Wirtschaftskammer Österreich
Christian Stertz und Peter Thiele, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Jan Varchola, EU-Kommission, Generaldirektion Bildung und Kultur

Moderation:
Isabelle Le Mouillour, Bundesinstitut für Berufsbildung

Fachforum 9: Durchlässigkeit verwirklichen!

Brücken zwischen beruflicher und akademischer Bildung schlagen, sie zu gleichwertigen Wegen ausbauen und mehr Durchlässigkeit in beide Richtungen ermöglichen – wie lässt sich dies umsetzen? Das Fachforum 9 thematisierte mögliche Lösungsansätze.


Das Wichtigste in Kürze

Berufs- und Hochschulbildung sollen zu gleichwertigen Wegen im bestehenden Bildungssystem ausgebaut und stärker miteinander verzahnt werden. Auf jeden Abschluss muss ein guter Anschluss folgen. Bund, Länder, Kommunen, Sozialpartner und Zivilgesellschaft wollen und müssen dies in Zukunft gemeinsam erreichen – nicht nur für mehr Bildungsgerechtigkeit als gesellschaftliche Aufgabe, sondern auch – in Anbetracht des demografischen Wandels, eines veränderten Bildungsverhaltens und neuer Anforderungen an die Arbeitstätigkeit der Beschäftigten –, um die deutsche Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten und die Beschäftigungsfähigkeit zu sichern.


Ziele des Forums

Im Forum wurde dargestellt, welche Karrieremöglichkeiten die berufliche Bildung derzeit bietet, wie diese angenommen werden und wo die Potenziale zur Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung liegen. Unter anderem widmete sich die Diskussionsrunde der Frage, wie die Attraktivität der beruflichen Bildung angesichts des noch zu beschreibenden Qualifikationsbedarfs gesteigert werden kann. Hierbei lag der Fokus auf leistungsstarken Jugendlichen an den Schnittstellen Schule-Ausbildung und Ausbildung-Beruf.

Herausforderungen

Seit mehreren Jahren entscheiden sich Schulabsolventen vermehrt für ein Hochschulstudium, während die Zahl derjenigen, die eine berufliche Ausbildung beginnen, zurückgeht. Dieses steigende Interesse an einer akademischen anstatt einer dualen Ausbildung bewirkt – besonders auch vor dem Hintergrund der demografisch bedingt sinkenden Schulabgangszahlen – bereits jetzt in einigen Branchen und vor allem im mittleren Qualifikationssegment einen spürbaren Fachkräftenachwuchsmangel.

Eine weitere Herausforderung besteht in den gestiegenen und sich ständig verändernden Qualifikationsanforderungen an die Beschäftigten. Die Veränderungen ergeben sich unter anderem aus dem Wandel von Produktions- zu Dienstleistungsberufen, einer höheren systematischen Wissensbasiertheit, fortscheitenden technologischen Entwicklungen, dem wachsenden Einfluss der Informations- und Kommunikationstechnologie und auch der Prozessorientierung bei der Arbeitsorganisation.

Bei den Unternehmen ist dadurch, in Abhängigkeit der Unternehmensgröße, der Branchen, Berufe und Regionen, ein Wettbewerb um qualifizierte Nachwuchskräfte entstanden, welcher auch Auswirkungen auf die Rekrutierungsstrategien hat.

Zentrale Aspekte

Aus heutiger Sicht lässt sich nicht genau prognostizieren, welche Ausbildungen die Wirtschaft in den nächsten Jahrzehnten benötigt; allerdings deuten die Projektionen, die das Bundesinstitut für Berufsbildung mit dem Institut für Ausbildungs- und Beschäftigungsberatung erstellt, auf einen zukünftigen Fachkräftemangel im mittleren Qualifikationssegment hin. Daher spielen berufliche Flexibilität und die Anschlussfähigkeit von Qualifikationen eine immer größere Rolle. Ausbildungen mit einem gemischten Qualifikationsprofil sind flexibler und können sich schneller auf wirtschaftliche Bedarfe einstellen.

Die Hürden von einer beruflichen in eine akademische Ausbildung sind derzeit relativ hoch. Hier besteht Handlungsbedarf. Die Teilnehmenden im Forum befürworteten die Aussagen der aktuellen Studie des Wissenschaftsrats für eine stärkere Öffnung der Hochschulen, d.h. auch den Verzicht auf einen Nachweis von Berufserfahrung nach einer dualen Ausbildung, wenn man ein Studium aufnehmen will. Hybride Ausbildungsformate leisten einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftesicherung. Diese sind flexibel einsetzbar und können sich gut an neue Technologien anpassen.

Der Trend zur Akademisierung der beruflichen Ausbildungen wird sich fortsetzen. Besonders für Berufsausbildungsgänge mit einem größeren theoretischen Anteil bietet es sich an, Module in Hochschulen zu entwickeln. Ausbildende Betriebe bemängelten, dass Hochschulen die im Betrieb erworbenen Kompetenzen nicht anerkennen bzw. würdigen. Eine systematische Vorgehensweise zur Anerkennung von Kompetenzen aus der beruflichen Bildung fehle und sollte entwickelt werden.

In der Diskussion wurden Fragen aufgeworfen, die für eine erfolgreiche Durchlässigkeit geklärt werden müssen – zum Beispiel, wie die Hochschulen an die beruflich Ausgebildeten, aber auch an die entsprechenden Betriebe herantreten sollen. Die privaten Hochschulen sind in diesem Bereich derzeit aktiver, jedoch bedienen sie ein recht kleines Segment. Oftmals kooperieren sie mit größeren Unternehmen und entwickeln für diese und deren Auszubildende spezielle Angebote.

Die kleineren und mittleren Unternehmen sollten mit ihren vielfältigen Bedarfen stärker in den Fokus genommen werden. Es muss geklärt werden, welche Rolle die großen öffentlichen Hochschulen einnehmen werden. Es gibt keine Universität, die diese Zielgruppe nicht im Blick hat, jedoch sind die Annäherungsversuche an diese Thematik sehr vielfältig und die Kooperationen mit den relevanten Akteuren sehr unterschiedlich. Ein Erfolgsrezept, so der Konsens im Forum, gibt es nicht: Ein gutes Konzept muss immer flexibel an die individuellen, betrieblichen und regionalen Bedürfnisse angepasst werden. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach die Wichtigkeit einer Vertrauensbildung zwischen den Partnern aufgeführt – denn zwischen betrieblicher und hochschulischer Ausbildung herrsche noch oftmals Misstrauen. Diesem kann jedoch erfolgreich durch gezielte Modellprojekte, wie in der Vergangenheit schon nachgewiesen, entgegengewirkt werden.

Ausblick

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat über viele Modellvorhaben, Programme und Initiativen gute Umsetzungsbeispiele für die Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erprobt (z.B. ANKOM, BMBF-Pilotprojekte zur gemeinsamen Curricula-Entwicklung von beruflicher und hochschulischer Bildung auf DQR Niveau 5, Wettbewerb „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschulen“). In der Diskussion wurde unter anderem deutlich, dass diese noch zu unbekannt sind. Die Attraktivität beruflicher Bildung hängt von der Anschlussfähigkeit ab. Diese muss im System der beruflichen Bildung verankert sein. Eine Aktualisierung und Erweiterung ist als Daueraufgabe für alle am Prozess beteiligten Partner zu verstehen. Zukünftig wird es weiter darum gehen, die Berufsbildung und die Hochschulbildung zu gleichwertigen Wegen im Bildungssystem auszubauen und sie stärker zu verzahnen.


Beteiligte

Wolfgang Bischoff, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Sonja Bolenius, Deutscher Gewerkschaftsbund
Marcus Braunert, ABB Mannheim
Prof. Dr. Michael Heister, Bundesinstitut für Berufsbildung
Dr. Bernhard Klingen, Wissenschaftsrat
Marina Kuttig, Deutsche Telekom
Dietmar Niedziella, Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken
Maja Richter, Deutsche Bahn
Prof. Dr. Eckart Severing, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH

Moderation:
Dr. Thomas Freiling, Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) gGmbH

Fachforum 10: Studienabbrecher/-innen für berufliche Bildung gewinnen!

Studienabbrecher sind eine Chance für die berufliche Bildung. Ihr großes Potenzial ist mit zielgruppenorientierten und vernetzten Integrations- und Beratungsangeboten insbesondere für kleine und mittelständische Unternehmen zu erschließen.


Das Wichtigste in Kürze

Die Abbruchquote unter den Bachelorstudienanfängern 2008/2009 liegt bei 28 Prozent (23 % an Fachhochschulen, 33 % an Universitäten). Diese Zahlen hat das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung in seiner jüngsten Befragung zum Thema ermittelt. Ein weiteres wichtiges Ergebnis aus der Studie lautet: Die Zahl der Studienabbrecher, die sich nach der Exmatrikulation für eine duale Berufsausbildung entscheiden, geht seit Jahren zurück. 1994 waren es 36 Prozent, 2008 nur noch 22 Prozent. Dabei eröffnet ihnen das duale System der Berufsausbildung vielfältige Wege zu einem berufsqualifizierenden Abschluss. Leistungsstarke junge Menschen finden in klein- und mittelständischen Unternehmen gute berufliche Perspektiven mit Aufstiegschancen. Wie können Studienabbrecher und kleine und mittlere Unternehmen besser zueinander finden? Welche Erfahrungen wurden gemacht und was kann verbessert werden? Diese zentralen Fragen wurden im Forum diskutiert.


Ziele

Für viele Betroffene ist ein Studienabbruch keine gute Lebenserfahrung; volkswirtschaftlich verursacht er großen Schaden. Daher sind sich Bildungsexperten aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft einig, dass man frühzeitig ansetzen muss, um Fehlentscheidungen bei der Berufs- und Studienwahl zu vermeiden. In allen Schulen sollte eine neutrale sowie kombinierte Berufs- und Studienorientierung realisiert werden – insbesondere auch an den Schulen, die zu einer Hochschulzugangsberechtigung führen. Wenn es trotz einer verbesserten Vorbereitung zu einem Studienabbruch kommt, soll den Betroffenen in relativ kurzer Zeit ein berufsqualifizierender Abschluss in der beruflichen Bildung ermöglicht werden. Dabei ist die Qualität in der beruflichen Bildung sicherzustellen, zum Beispiel durch eine ausreichende betriebliche Praxiserfahrung.

Herausforderungen

Im Forum wurden die Herausforderungen bei der Gewinnung von Studienabbrechern für die berufliche Bildung umrissen. So gilt es beispielsweise, die Informationsangebote für die Zielgruppe über alternative Qualifizierungswege auszubauen und die fachspezifische Anerkennung und Anrechnung von im Studium erworbenen Kenntnissen auf die berufliche Aus- und Weiterbildung zu verbessern. Nach wie vor ist die Identifizierung von Studienabbrecherinnen und -abbrechern eine zentrale Hürde, die bei allen Maßnahmen und Initiativen bedacht werden muss. Wenn nicht alle notwendigen Partner – insbesondere Hochschulen, Kammern und Berufsschulen – in die Aktivitäten einbezogen sind, wird man scheitern. Auf diesen Aspekt wiesen die Vertreter der Projekte, die im Forum vorgestellt wurden, eindringlich hin. Eine weitere im Forum genannte Herausforderung besteht darin, Regelstrukturen zu schaffen, um nachhaltig zu wirken.

Strategien

Um Studienabbrecherinnen und -abbrechern berufliche Karriereperspektiven in der beruflichen Bildung bieten zu können, müssen sie zunächst identifiziert und von betrieblicher Seite für eine Ausbildung gewonnen werden. Die Beratung von kleinen und mittleren Unternehmen bei der Rekrutierung und der Ausbildung von Studienabbrechern wurde daher als ein weiterer wesentlicher Aspekt betrachtet. Der Aufbau regionaler Beratungsplattformen über Leuchtturmprojekte soll zusätzlich dazu beitragen, etablierte Beratungsangebote – insbesondere der Hochschulen, Kammern und der Bundesagentur für Arbeit – zusammenzuführen und zu optimieren. Dadurch sollen neue und vernetzte Beratungsangebote für die Zielgruppe geschaffen werden, die auch auf andere Regionen übertragbar sind.

Zentrale Aspekte

Besonders intensiv wurde die Bedeutung regionaler Vernetzung von allen Angeboten für Studienabbrecherinnen und -abbrecher diskutiert, die sowohl Hochschulen als auch Kammern und Agenturen sowie weitere strategische Partner, zum Beispiel die Berufsschulen, einbezieht.

Auf Individueller Ebene wurde auch das Eingehen auf die Belange und Kompetenzen der einzelnen Betroffenen für wichtig befunden. Dabei sollte berücksichtigt werden, dass ein Studienabbruch Versagensängste hervorrufen kann, die abgebaut werden müssen.

Ausblick

Transferfähige Modelle entwickeln und erproben, mit denen fachspezifische Vorqualifikationen auf die berufliche Aus- und Fortbildung anerkannt und angerechnet werden können – hier liegt der Weg zu einer Gleichwertigkeit von akademischer und beruflicher Bildung. Ein zentrales, nachhaltig bestehendes Informationsportal für Studienabbrecherinnen und -abbrecher mit Links zu Beratungs- und Anlaufstellen sowie Suchfunktionen zu Integrations- und Beratungsprojekten ist in Vorbereitung. Eine vertiefte Forschungsstudie zur Attraktivität der beruflichen Bildung bei der Zielgruppe, zur Art des Übergangs von Studienabbrechern in die berufliche Bildung und zu den Faktoren einer erfolgreichen Integration in die berufliche Aus- und Fortbildung ist geplant und kann das Thema weiter befördern.


Beteiligte

Prof. Dr. Carsten Becker, Gesellschaft für Innovationsforschung und Beratung mbH
Sonja Bolenius, Deutscher Gewerkschaftsbund
Dr. Ulrich Heublein, Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
Knut Heine, Handwerkskammer Münster
Thomas Hissel, Stadt Aachen
Markus Kiss, Deutscher Industrie- und Handelskammertag
Dr. Marlene Lohkamp-Himmighofen, Bundesministerium für Bildung und Forschung
Frank Weth, Handwerkskammer für Unterfranken

Moderation:
Barbara Hemkes, Bundesinstitut für Berufsbildung

„Ich hätte mich gerne gezehnteilt“ – Eindrücke rund um die Veranstaltung

Atmosphärische Eindrücke und persönliche Statements von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Bundeskonferenz: Nach der Podiumsdiskussion hatte der Veranstaltungsfilm auf der großen Leinwand im Plenum Premiere. Der Film wurde am ersten Veranstaltungstag von der Produktionsfirma stories unlimited gedreht. Neben zentralen Aussagen der Bundesbildungsministerin stellte er seinen Interviewpartnerinnen und -partnern die Frage „Was wollten Sie mit 16 werden?“. Dabei zeigten allen Antworten eines: den einen Bildungsweg gibt es nicht.

Ein großes Netzwerk

Zwei Frauen in Hosenanzügen diskutieren auf einer Bank.

Beim Barbecue gab es für alle Beteiligten die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsch

Jedem Teilnehmenden fachliche Informationen zu vermitteln, Impulse zu geben und Austausch zu ermöglichen – dies waren die Ziele der Veranstaltung. Darüber hinaus spielte aber auch das Networking eine große Rolle.

In den Pausen und beim abendlichen Barbecue hatten die Teilnehmenden Gelegenheit, sich mit anderen Akteuren zu vernetzen und sich auch auf informeller Ebene auszutauschen. Denn auf der Konferenz – und das ist eine Besonderheit – waren über 400 an verschiedenen Stellen der beruflichen Bildung Beteiligte zusammengekommen:

Von den Kammern und den Gewerkschaften bis hin zu Unternehmerinnen und Unternehmern, von Politikern über Forschende, Sozialpartner und Lehrkräfte bis hin zu Vertreterinnen und Vertretern aus Migrantenorganisationen und anderen Vereinen.

Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von der Veranstaltung mitnehmen konnten, was ihnen gut gefallen hat und wo sie noch Optimierungsbedarf sehen, erfahren Sie in unserer Slideshow.

Kornelia Haugg, BMBF, spricht in einem orangen Kostüm auf der Bühne.

Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, verabschiedet sich von den Teilnehmenden der Konferenz.

JOBSTARTER / Fotografin: Annegret Hultsc

Ein abschließender Ausblick

„Das waren zwei sehr intensive Tage, dicht gedrängt mit ganz vielen Diskussionen und fachlichem Austausch, aber man hat auch noch einmal gemerkt: Es hat allen richtig Spaß gemacht“, bilanzierte Kornelia Haugg, Abteilungsleiterin im Bundesministerium für Bildung und Forschung, am Ende der Veranstaltung.

Darüber hinaus gab sie einen Ausblick: „Es gibt zwei große Prozesse, die jetzt laufen: Das eine ist die Allianz für Berufsbildung, in der diese Themen aufgegriffen werden. Der andere große, wichtige Handlungsstrang sind für uns die Bund-Länder-Gespräche und -vereinbarungen.“ Dabei würden auf Seiten der Länder auch die Sozialpartner miteinbezogen werden.

Denn „das große Ziel der Bildung ist nicht Wissen, sondern Handeln“, rief Haugg noch einmal in Erinnerung. „Und damit schieße ich den Ball symbolisch wieder in Ihre Richtung“, sagte sie und bat alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer: „Bitte tragen Sie die Begeisterung, die wir jetzt in den Tagen in den unterschiedlichen Formaten hatten, mit zurück in ihre Arbeit!“

Kontakt

Sigrid Meiborg
0228 / 10 71 010
E-Mail

Julia Herwartz
0228 / 10 72 622
0228 / 10 72 887
E-Mail

Autorinnen: Anne Gassen und Virginia Gerard

Bonn, Juli 2014