Auszubildende aus der Ferne gewinnen – Interregionale Mobilität

Überregional aktiv sein und Jugendliche aus der Ferne für die Ausbildung gewinnen: Um den Fachkräftebedarf zu decken, interessieren sich Betriebe verstärkt für den überregionalen Ausbildungsmarkt. Unterstützungsangebote machen Jugendliche mobil.


Binnenschifferin wirft Tau über die Reling.Bildzoom

Ausbildungsmärkte in Deutschland sind regional geprägt. Viele von ihnen weisen ein erhebliches Ungleichgewicht zwischen Ausbildungsplatzangebot der Betriebe und Ausbildungsnachfrage der Jugendlichen auf. Die ungleiche Verteilung von unbesetzten Ausbildungsplätzen und Ausbildungssuchenden stellt sich im Vergleich der Bundesländer höchst unterschiedlich dar (Quelle: Datenreport BIBB, S. 64). Während zum Beispiel in einzelnen Regionen Bayerns rein rechnerisch auf 104 Ausbildungsstellen 100 Nachfragende kommen, sind es in einzelnen Regionen Brandenburgs und Nordrhein-Westfalens dagegen nur 74 auf 100.

Mobilität bisher noch gering ausgeprägt

Die räumliche Mobilität von jungen Menschen nimmt eine wichtige Stellung bei der Besetzung von Ausbildungsstellen ein und ist bisher noch wenig ausgeprägt. Im Jahr 2013 pendelten 85.820 Auszubildende in ein anderes Bundesland. Das sind rund sechs Prozent aller Auszubildenden. Mobile Azubis fanden sich besonders in Niedersachsen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Brandenburg, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln im März 2014 berichtet.

Des Weiteren zeigt eine BIBB-Befragung unter den Schulabgängerinnen und Schulabgängern des Jahres 2012 auf, dass nur 11,7 Prozent derjenigen, die gerade eine Ausbildung machten, sich auch mehr als 100 km außerhalb der Region beworben hatten. Jugendliche, die zur Befragungszeit keine Ausbildung machten, dies aber beabsichtigten, hatten sich nur zu 15,8 Prozent überregional beworben. Jugendliche sollen daher, so die Auswertung des BIBB, ermutigt werden, mobiler zu sein und auch Ausbildungsplätze außerhalb ihrer Heimatregion annehmen.

Betriebe wollen sich engagieren

Junge Auszubildende zur Binnenschifferin lernt durch ihren Ausbilder Schiffstaue zu verknoten.Bildzoom
Die Binnenschifffahrt sucht bundesweit nach Azubis.

Eine verbesserte überregionale Rekrutierung könnte zum Ausgleich der Passungsprobleme beitragen und Betriebe mit rückläufigen Bewerbungs- und Ausbildungszahlen ebenso wie ausbildungssuchende Jugendliche unterstützen. Die RBS-Befragung* des Bundesinstituts für Berufsbildung im Frühjahr 2014 zeigt ein großes Interesse der befragten Unternehmen an diesem Thema. Sie schätzen die Ausbildungsmobilität zur Deckung ihres Bedarfs an Auszubildenden bereits jetzt als wichtig ein und gehen darüber hinaus davon aus, dass die Bedeutung des Themas in Zukunft noch weiter steigen wird.

Daher sind sie auch mit vielfältigen Unterstützungsleistungen bereit, sich für die Mobilität der Auszubildenden zu engagieren, um ihren Fachkräftebedarf zu decken. Hierbei legen sie den Schwerpunkt auf Unterstützungsleistungen wie flexible Urlaubszeitregelungen für Heimfahrten, Unterstützung bei betrieblichen und schulischen Problemen und bei persönlichen Schwierigkeiten. Finanzielle Unterstützungsleistungen wie zum Beispiel Fahrtkostenzuschüsse, Mietzuschüsse oder die Übernahme von Umzugskosten werden hingegen weniger in Betracht gezogen.

Kleine und mittlere Unternehmen müssen außerdem sensibilisiert werden, sich auch über ihre Region hinaus um Auszubildende zu bemühen. So sucht der Großteil der Betriebe ihre Auszubildenden in einem Radius von bis zu 20 Kilometer. Nur ein kleiner Teil der Betriebe sucht auch in einem Radius von über 100 Kilometern nach Auszubildenden. Ein Grund für die überwiegend regionale Rekrutierung von Auszubildenden könnte die Sorge sein, dass Auszubildende, die nicht aus der Region kommen, schneller das Unternehmen wieder verlassen.

* Das Referenz-Betriebs-System (RBS) ist ein Access-Panel des Bundesinstituts für Berufsbildung, bei dem die gelisteten Betriebe regelmäßig zu aktuellen Fragestellungen der betrieblichen Berufsausbildung befragt werden. Es wurden 1196  Betriebe angeschrieben, der Rücklauf betrug über 30 Prozent.

Finanzielle und organisatorische Unterstützung

Drei junge Auszubildende zum Binnenschiffer auf einem Schiff im Gespräch, im Hintergrund Industriehafen.Bildzoom
Für die Ausbildung von zu Hause ausziehen – kein Thema für die Auszubildenden in der Binnenschifffahrt

Bestehende Angebote müssen bekannter gemacht und stärker genutzt werden – das zeigen weitere Ergebnisse der Befragung. Viele Betriebe fühlen sich nur unzureichend über die Angebote zur Förderung von regionaler Mobilität von Auszubildenden und Wege überregionaler Rekrutierung informiert. 59,2 Prozent der befragten KMU antworten auf die Frage nach ihrer Informiertheit mit „schlecht oder gar nicht“ oder „wenig“.  76,8 Prozent der antwortenden Betriebe geben außerdem an, das betreute Jugendwohnen nicht zu kennen, weitere 48,4 Prozent kennen finanzielle Hilfen wie die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) nicht. 35,8 Prozent der befragten Betriebe kennen sie zwar, haben sie aber noch nicht genutzt.

Die staatlichen Unterstützungsleistungen sind aber nicht nur für die Betriebe, sondern auch für die Jugendlichen interessant. So können Bewerberinnen und Bewerber – wenn sie sich außerhalb ihres Heimatortes auf eine Ausbildungsstelle bewerben – finanzielle Hilfen wie die Berufsausbildungsbeihilfe (BAB) oder organisatorische Hilfen wie das betreute Jugendwohnen beantragen. Das Jugendwohnen bietet jungen Menschen zwischen 14 und 27 Jahren beispielsweise Unterkunft und Verpflegung und ermöglicht ihnen so mobil zu sein und einen weiter entfernten Ausbildungsplatz anzunehmen. Die Initiative VerA unterstützt außerdem Jugendliche und Betriebe in schwierigen Ausbildungsphasen, um Ausbildungsabbrüche zu verhindern.

JOBSTARTER für mehr Mobilität

Das von der Programmstelle beim BIBB durchgeführte Programm JOBSTARTER plus des Bundesministeriums für Bildung und Forschung  greift das Thema interregionale Mobilität in seinen 1. Förderrichtlinien vom 17. April 2014 unter dem Titel „Entwicklung und Erprobung interregionaler Kooperationen zum Ausgleich von Disparitäten regionaler Ausbildungsmärkte – Netzwerke für Matching und Mobilität“ auf, um damit einen Beitrag zu leisten, regionale Unterschiede auszugleichen.


Immer unterwegs und trotzdem daheim

In der Schifffahrt ist Mobilität Inbegriff des Berufs – bereits während der Ausbildung: Betriebe suchen bundesweit Auszubildende, während Jugendliche ihre Heimat für die Ausbildung verlassen. Azubi Jason Kraft begreift das Unterwegs sein als Chance.

Vier Wochen quer durch Europa: Für den angehenden Binnenschiffer Jason Kraft ist das Unterwegssein elementarer Bestandteil seines Alltags. Von Österreich über Serbien und Frankreich bis in die Niederlande – Jason lernte während seiner Ausbildung bereits viele europäische Länder kennen und konnte sich in „fremden Gefilden“ bewähren. Immer woanders zu sein empfindet er als große Chance und Bereicherung.

Mobilität als Berufung

Azubi Jason am Steuerstand eines Schulschiffes
Steuert gern verschiedene Ziele an: angehender Binnenschiffer Jason Kraft.

Als Jason sich mit 15 Jahren für die Ausbildung entschied, wusste er genau, was ihn erwartet: Arbeiten bei Wind und Wetter, bei Tag und Nacht und auf engstem Raum mit beständig wechselnder Mannschaft – all diese Bedingungen lernte er bereits als kleiner Junge kennen. Denn sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren bereits in der Schifffahrt tätig. So haben nicht romantische Vorstellungen vom Schiffsleben, sondern ein realistischer Blick und familiäre Tradition Jasons Berufswahl angetrieben: „Mein Beruf und meine Berufung liegen mir in den Genen“, sagt der heute 17-Jährige.

Der sich aus der Familientradition ergebende Wissensvorsprung half Jason sich als jüngster Auszubildender gegenüber den anderen Auszubildenden auf dem Schulschiff „Rhein“ zu behaupten. Auf dem in Duisburg liegenden Schulschiff findet der Berufsschulunterricht für die angehenden Binnenschifferinnen und -schiffer statt. Dort wohnen die Auszubildenden während der Ausbildung dreimal für drei Monate zusammen – ein Mikrokosmos gleich dem, der die Auszubildenden später auf den Schiffen erwartet: Die Auszubildenden teilen bereits hier den Alltag, lernen und kochen zusammen oder verbringen gemeinsam die freie Zeit. Schnell werden die Kolleginnen und Kollegen zu einer zweiten Familie und das Schiff zu einem zweiten zu Hause.

Mikrokosmos Schiff

Dabei sind die Anforderungen des oft wochenlangen Unterwegsseins in der Frachtschifffahrt zu Beginn für die jungen Auszubildenden ungewohnt. Doch schnell werden den jungen Erwachsenen die Vorteile deutlich: Sie lernen kompromissbereit zu sein, erlangen Reife und vor allem Unabhängigkeit. „Ich muss in dem Job einfach flexibel sein, daher habe ich mir jetzt Motoren als Hobby ausgesucht“, verrät Jason, der zugunsten seiner Ausbildung das Geräteturnen aufgegeben hat. Aber noch weitere Eigenschaften sind für die Ausübungen des Binnenschiffers relevant: „A und O in diesem Beruf sind Improvisation, Disziplin, Begeisterung und Teamarbeit. Man muss seine Aufgaben mit Respekt vor dem Schiff, vor den Kunden und der Ladung erfüllen“, erklärt Jason.

Zwei Auszubildende im Maschinenraum eines Schiffes
Unter Deck: Arbeiten im Maschinenraum

Mittlerweile fährt er auf Frachtschiffen mit und übernimmt dort bereits viel Verantwortung. Außerhalb der Touren kehrt er nach Unterfranken in sein Elternhaus zurück. Aber auch der Mikrokosmos Schiff ist für Jason ein Zuhause.

Er liebt die abwechslungsreiche Arbeit in vielen Bereichen wie Elektronik, Maschinenkunde oder Instandhaltung und schätzt die gute Bezahlung – auch bereits in der Ausbildung: „Leistung wird in diesem Beruf wirklich geschätzt.“

Autorinnen: Stefanie Wolff-Heinze und Virginia Gerard