04.12.2014 - 05.12.2014 | Berlin

„Medien und Migration“ – der KAUSA Medienpreis-Workshop

Migrationssensibler Sprachgebrauch, nützliche Werkzeuge und Themenmarketing – das waren die Themen des KAUSA Medienpreis-Workshops. Beim World-Café entstanden viele Anregungen und Ideen.


Im Vordergrund: Tischaufsteller mit Aufschrift „World Cafe Regeln“, im Hintergrund eine Teilnehmerin.Bildzoom
An drei Tischen diskutierten die Teilnehmenden zu den Workshop-Themen.

Seit 2010 wird der KAUSA Medienpreis jährlich vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ausgeschrieben. Im Jahr 2013 fand im Rahmen der Preisverleihung außerdem zum ersten Mal ein Workshop für Nachwuchsjournalistinnen und -journalisten statt. Die Workshop-Reihe wurde 2014 fortgesetzt: 18 Journalistinnen und Journalisten diskutierten am 4. und 5. Dezember beim KAUSA Medienpreis-Workshop in Berlin über das Thema „Medien und Migration“.

Der Workshop im Überblick

Zentraler Kern des Workshops war das World-Café. An drei Tischen konnten die Journalistinnen und Journalisten zu folgenden Themen diskutieren und Ideen sammeln:

Schildaufsteller auf einem Tisch, Aufschrift: WerkzeugkastenBildzoom
Beim „Werkzeugkasten“ lernten die Teilnehmenden verschiedene Tools für ihre journalistische Arbeit kennen.

Sprache und Bilder, begleitet von Hadija Haruna, freie Journalistin und Vorstandsmitglied bei der Initiative „Schwarze Menschen in Deutschland“ und Zweitplatzierte beim KAUSA Medienpreis 2012 in der Kategorie Audio

Werkzeugkasten, begleitet von Ferda Ataman, Leiterin des Mediendienstes Integration und Mitglied in der KAUSA Medienpreis-Jury, sowie Konstantina Vassiliou-Enz, Geschäftsführerin der Neuen deutschen Medienmacher

Themenmarketing, begleitet von Jens Tönnesmann, Wirtschaftsjournalist und Leiter der Lehrredaktion der Journalistenschule Köln und Gewinner des KAUSA Medienpreises 2012 in der Kategorie Text

Darüber hinaus gab es Impulsvorträge von Canan Topçu, freie Journalistin und Autorin, sowie Jens Radü, Multimediachef beim Spiegel und Mitglied in der KAUSA Medienpreis-Jury. Canan Topçu sprach über Diskriminierung in den Medien und darüber, welche Rolle Journalistinnen und Journalisten innehaben. Mehr über Canan Topçu lesen Sie im Interview.

Jens Radü gab einen ausführlichen Überblick über das Thema multimediales Storytelling. Dies sei eine große Chance für den Journalismus der Zukunft. Doch auch im multimedialen Erzählen sollte es normal sein, über Menschen zu berichten, ohne ständig auf ihren Migrationshintergrund hinzuweisen. Wenn es keine Bedeutung für die Geschichte habe, gehöre es auch nicht hinein – so Jens Radü.

Ergebnisse und Anregungen

Themenpitch, Diskussionen und Informationen: An den drei World-Café-Tischen setzten sich die Journalistinnen und Journalisten aktiv mit dem Thema des Workshops auseinander. Die zentralen Ergebnisse der drei Tische haben wir für Sie zusammengefasst. Außerdem haben die Journalistinnen und Journalisten zehn Anregungen für die journalistische Arbeit erarbeitet.

„Sprache und Bilder“

Zwei Journalistinnen im GesprächBildzoom
Hadija Haruna beleuchtete die Herkunft verschiedener Begriffe wie „Asylantenflut“.

Kernfrage:
Wie vermeide ich diskriminierenden Sprachgebrauch?

  • Sprache und Bilder rund um das Thema Migration haben sich in den letzten Jahren verändert.
  • In der deutschen Sprache fehlen außerdem Begriffe und Bilder, die Rassismus beschreiben, so Hadija Haruna.

Erfahren Sie mehr über dieses Thema und Hadija Haruna im Interview.

„Werkzeugkasten“

Ferda Ataman beim WorkshopBildzoom
Ferda Ataman stellte u.a. den Vielfaltfinder vor.

Kernfrage:
Wo finde ich Arbeitsmaterialien zum Thema „Medien und Migration“?

Es gibt viele nützliche Materialien:

Zum einen den Vielfaltfinder, ein Recherchetool für Journalistinnen und Journalisten. Zum anderen Broschüren wie den Leitfaden des Antidiskriminierungsbüros Köln und das Glossar der Neuen Deutschen Medienmacher.

„Themenmarketing“

Journalisten bei einer praktischen Übung.Bildzoom
Migrationsthemen verkaufen: Die Teilnehmenden beim Pitchen.

Kernfrage:
Wie kann ich meine Redaktion für das Thema Migration öffnen?

  • Bei jedem Beitrag kommt es auf den charakterstarken Protagonisten an – seine Herkunft ist erst einmal nebensächlich.
  • Migrationsthemen passen außerdem in jedes Medium, Hauptsache die Story überzeugt.

Zehn Anregungen für die journalistische Arbeit

  1. Fragen Sie sich bei der Recherche: Gibt es auch einen Experten mit Migrationshintergrund, den ich zu meinem Thema befragen kann?
  2. Nutzen Sie die Selbstbezeichnung einer jeweiligen Gruppe, z.B. Schwarze Deutsche statt Dunkelhäutige.
  3. Üben Sie zu pitchen: Mit welchen Argumenten können Sie Ihre Redakteurin oder Ihren Redakteur für das Thema Migration gewinnen?
  4. Hinterfragen Sie regelmäßig gängige Bilder und den allgemeinen Sprachgebrauch. Bedienen sie Vorurteile oder Stereotypen?
  5. Entscheiden Sie, ob Ethnizität oder religiöse Zugehörigkeit der Protagonisten in Ihrem Beitrag genannt werden müssen. Spielen diese Informationen für Ihre Geschichte eine tragende Rolle?
  6. In manchen Fällen ist kein Bild besser als eines, das Stereotypen bedient, wie zum Beispiel das Bild einer Kopftuchträgerin.
  7. Zuviel Vorsicht kann auch das Gegenteil bewirken. Es geht vielmehr darum, sich selbst zu hinterfragen und persönliche Vorbehalte zu erkennen.
  8. Wie bezeichnet sich Ihr Protagonist selbst? Wo ist sein Lebensmittelpunkt? Welche persönlichen Informationen von ihm sollen genannt werden? Fragen Sie ihn.
  9. Vielfalt ist normal. Insofern muss sie nicht ständig betont und hervorgehoben werden. Weniger ist manchmal mehr.
  10. Sprache spiegelt die Entwicklung einer Gesellschaft und schafft Wirklichkeit. Als Medienschaffender haben Sie Einfluss darauf.

Referentinnen im Fokus: Interviews mit Hadija Haruna und Canan Topçu

Was ist eigentlich rassismuskritischer Sprachgebrauch? Welche Bilder bedienen Klischees? Und wann ist es überhaupt sinnvoll, Ethnizität und religiöse Zugehörigkeit zu erwähnen? Die Referentin Hadija Haruna und die Impulsgeberin Canan Topcu stellten sich im Interview diesen und vielen weiteren Fragen – und geben so einen vertiefenden Einblick in die Thematik des Workshops.

„Den zweiten Blick lernen“ – Hadija Haruna im Interview

jobstarter.de: Frau Haruna, Sie haben heute beim Workshop das Handbuch zum rassismuskritischen Sprachgebrauch (Link s. unten) vorgestellt. Warum benötigen Journalistinnen und Journalisten so ein Handbuch?

Journalistin erklärt etwas.Bildzoom
„Schwarz ist vor allem eine gesellschaftliche Erfahrung, die man macht“, so Hadija Haruna.

Haruna: Eigentlich mögen Journalisten keine Handbücher. Aber bei diesem Thema geht es um Bereiche, in denen nach meiner Einschätzung und der Einschätzung vieler Kollegen, die sich kritisch mit Journalismus auseinander setzen, Nachholbedarf besteht. Und dieser Leitfaden ist auch kein Leitfaden, der vorschreibt: „Machen Sie es so, denn nur so ist es richtig.“ Er ist eher eine Anleitung zur Selbstreflexion, um sich selbst, seine Art zu recherchieren und zu arbeiten, zu hinterfragenob mein Text oder meine Arbeit Zwischenzeilen hat. Kann es zum Beispiel sein, dass ich subtile Botschaften mit meinem Texte sende, weil ich bestimmte Bilder im Kopf habe, die mir nicht bewusst sind und die ich reproduziere. Diese Gedanken verweben sich in den Texten. Diese Punkte zu hinterfragen hilft, den zweiten Blick zu lernen.

jobstarter.de: Was verstehen Sie unter rassismuskritischem Sprachgebrauch?

Haruna: Es gibt eine Debatte um Begriffe und ihre Bedeutung: Woher kommen sie geschichtlich? Wie haben sie sich verändert? Wie wurde aus einem neutralen auf einmal ein rassistisch-belegter Begriff oder einer mit einer Bewertung? Wenn man diese Dinge weiß, kann man entscheiden, ob sich der Begriff für einen erledigt hat und man einen alternativen Begriff nutzt.

jobstarter.de: Sie haben beim World-Café aufgezeigt, dass neben der Sprache auch Bilder diskriminierend sein können. Wieso stoßen wir immer wieder auf das Kopftuchmädchen?

Haruna: Ein Problem bei der Bebilderung des Themas Migration ist: Es gibt zu wenig neutrale Bilder. Gerne werden Symbolbilder genutzt, bei denen der Leser sofort erkennt, um welche Geschichte es sich handelt – wie zum Beispiel das Kopftuchbild. Ich muss mir daher Gedanken machen: Wie möchte ich Texte bebildern? Ich möchte zum Beispiel Menschen mit Migrationshintergrund nicht mit einem Klischee bedienen, könnte ich beispielsweise ein Bild von der Straße wählen, auf dem viele heterogene Menschen diese Vielfalt darstellen.

jobstarter.de: Neben ihrer journalistischen Tätigkeit sind Sie im Vorstand der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland tätig. Wofür setzt sich die Initiative ein?

Haruna: Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland ist ein Verein, der von schwarzen Menschen, vor dreißig Jahren gegründet wurde – von damals vorrangig Afrodeutschen, also binationale Kindern wie ich eines bin. Sie haben im Nachkriegsdeutschland besondere Erfahrungen mit Rassismus gemacht und sich aus der Vereinzelung sowohl in Ost und West zusammengetan und organisiert. Die Vereinsgründung hatte zum Ziel, Selbstbestärkung zu betreiben. Dazu zählt beispielsweise auch die diskriminierungsfreie Selbstbezeichnung. Die Mitglieder sind heute anders als in der Gründungszeit sehr heterogen, definieren sich jedoch als Schwarze Menschen unabhängig von ihren Herkünften. Das macht den politischen Charakter dieser Erfahrung deutlich. So kam zur Arbeit der ISD nach innen über die Jahre auch die politische, antirassistische Arbeit nach außen als Tätigkeitsfeld dazu. Die ISD tritt für die Sichtbarmachung Schwarzer Menschen und ihrer Positionen in Geschichte und Gegenwart ein – auch um die von weiten Teilen der deutschen Mehrheitsgesellschaft geteilte Illusion von Deutschland als „weißer“ Nation zu widerlegen.

jobstarter.de: Was genau verstehen Sie unter dem Begriff „schwarz“?

Haruna: Mir ist wichtig zu betonen, dass ‚schwarz‘ sich nicht nur auf die Hautfarbe bezieht. Wir haben in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg leider keine Sprache entwickelt, um neuere Formen von Rassismus und ihre Auswirkungen auf die Menschen angemessen zu beschreiben. Da fehlen uns Wörter. Zum Beispiel bezieht sich das englische Wort „race“ nicht auf Rasse, sondern beschreibt politische Kategorien. Das heißt: Menschen machen Erfahrungen aufgrund von bestimmter Kategorisierungen. Schwarz ist eine davon. Natürlich ist es auch eine Hautfarbe, aber vor allem ein politische und eine gesellschaftliche Erfahrung, die man macht. Schwarze Menschen in Deutschland machen andere Erfahrungen als weiße Menschen in Deutschland. Das geht von Alltagsrassismus, über strukturellen Rassismus bis hin zum Rassismus in den Medien.

jobstarter.de: Im Workshop haben Sie verschiedene Begrifflichkeiten auf ihre Herkunft und Bedeutung untersucht. Können Sie uns ein paar Beispiele nennen?

Haruna: Ich habe in den 80er-Jahren mit Begriffen wie ‚Asylantenflut’ begonnen und was damit verbunden wurde. Die Metapher der Flut als kollektive Symbolik, vor der man sich schützen muss: Der Asylant, vornehmlich der Geflüchtete aus Entwicklungsländern, als Bedrohung dargestellt. Dann sind wir in Schritten durch die Zeit und ihre Bilder und Wörter gegangen. Zum Beispiel das Wording ab dem 11. September 2001, als Zuwanderung zur inneren Bedrohung wird. Da entstanden Bilder von Parallelgesellschaften vermeintlich homogener türkisch-arabisch-muslimischer Gemeinschaften. Und im aktuellen kapitel haben wir dann über Begriffe und Praxen wie Dönermorden, Blackfacing, diskriminierende Wörter in Kinderbüchern, „Armutsmigration“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ gesprochen.

jobstarter.de: Beim KAUSA Medienpreis geht es um die Bildungswege von Migrantinnen und Migranten. Was war das entscheidende Moment für Ihren persönlichen Bildungsweg?

Haruna: Ein einschneidendes Moment erlebte ich während eines Praktikums bei einer großen Redaktionskonferenz. Die Redakteure sprachen die ganze Zeit über Ausländer. Das war ziemlich unangenehm und ich habe mich gefragt: Warum reden sie so? Neben mir saß ein sehr guter Redakteur, der nachher zu mir sagte: „Das ist so, wenn in den Redaktionen nicht so viele Medienmachende mit Migrationsgeschichte sitzen. Denn dann können die Leute reden wie sie wollen und ihnen fehlen bestimmte Perspektiven.“ Und da habe ich beschlossen: Ich werde in einer Redaktion sitzen, damit zumindest dort anders gesprochen wird. Das war dieser Initialmoment.

jobstarter.de: Danke für das Interview.

Zur Person:

Hadija Haruna (1980) arbeitet als Redakteurin und Autorin in Frankfurt a. M. unter anderem für den Hessischen Rundfunk und die Bundeszentrale für politische Bildung. Darüber hinaus ist sie als Referentin und Moderatorin bei Seminaren, Workshops und Tagungen tätig. Haruna ist eines der Vorstandsmitglieder der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und aktives Mitgliedes des Journalistenverbandes der Neuen Deutschen Medienmacher. Sie studierte Politikwissenschaften in Frankfurt a. M. und absolvierte eine Ausbildung zur Redakteurin an der Berliner Journalistenschule. Mehr zu ihrer Person: http://hadija-haruna.de/


„Wir sind eine multiethische Gesellschaft“ – Canan Topçu mit Interview

jobstarter.de: Frau Topçu, ist die Frage „Woher kommen Sie? “ bereits eine Form der Diskriminierung?

Journalistin Canan Topcu bei ihrem Vortrag.Bildzoom
„Muslimisch, migrantisch, Mädchen. Ich wollte etwas dagegen setzen“, erzählt Canan Topcu.

Topçu: Mich nervt die Debatte darum, dass man jemanden nicht fragen soll, woher er kommt. In der türkischen Kultur fragt man zuerst „Wie heißt du?“ und danach „Woher kommst du?“. Ich habe nie Probleme damit gehabt. Man kann nicht erwarten, dass die Menschen plötzlich, nur weil es jetzt ein politisches Diktat ist, ihr Bewusstsein ändern. Das ist kein Knopf, den man ein- und ausschaltet. Ein wenig mehr Gelassenheit und Souveränität schadet uns allen nicht. Solange Namen mit Ä, Ö und Ü als ungewöhnlich gelten, kann man auf die Frage: „Woher kommst du?“ entspannt antworten – und die Menschen in ihrer Neugierde stillen.

jobstarter.de: Gibt es bestimmte Formulierungen oder Muster, die regelmäßig in den Medien auftauchen, und die Sie als besonders diskriminierend empfinden?

Topçu: Ich kann keine bestimmten Formulierungen nennen. Mein Appell an die Kollegen ist vielmehr: Seid euch bewusst, wie ihr Sprache verwendet. Wir müssen uns einfach bewusst darüber sein, was und wie wir schreiben und welche Wirkung Sprache hat, statt beliebig und unachtsam damit umzugehen.

jobstarter.de: Sie haben sich 2013 dafür ausgesprochen, die ethnische Herkunft von Straftätern nicht zu nennen, um Stigmatisierung entgegen zu wirken. Wäre es sinnvoll, in der Berichterstattung generell auf die Nennung ethnischer und religiöser Merkmale zu verzichten?

Topçu: Man sollte zuerst prüfen, wie relevant der Background für die Person, über die man schreibt, selbst ist. Wie definiert und verortet sich diese Person selbst? Davon ausgehend kann man die Geschichte konstruieren. Wenn es jemand ist, der mit seinem Background nichts zu tun hat, dann hat das in der Geschichte auch nichts zu suchen.

jobstarter.de: Neben Ihrer Arbeit als Journalistin sind Sie auch als Dozentin an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Media tätig. Welche Tipps geben Sie Ihren Studentinnen und Studenten mit auf den Weg?

Topçu: Ich versuche die Studierenden dafür zu sensibilisieren, auf Sprache zu achten. Zum Beispiel bringe ich Artikel zu den Themen Migration und Muslime mit. Ich gebe ihnen die Texte, sie lesen sie und dann diskutieren wir über die Inhalte. Außerdem rate ich ihnen, dass sie bei der Auswahl der Protagonisten auch Menschen wählen, die eine Migrationsbiografie haben, diese Protagonisten dann aber nicht unbedingt als Migranten vorstellen. Wenn sie Experten zu Wort kommen lassen, sollten sie vermeiden, dass alle Meier, Müller oder Schmidt heißen. Über diese Vermittlung kann die Vielfalt der Gesellschaft gut gespiegelt werden und sie setzt sich in dem Bewusstsein der Rezipienten eher fest als durch politische Debatten.

jobstarter.de: Die jungen Studentinnen und Studenten stehen noch am Beginn ihrer journalistischen Laufbahn. Was hat Sie selbst damals angetrieben, diesen Weg zu gehen?

Topçu: Ich wollte auffallen und etwas bewirken. Ich wollte nicht im stillen Kämmerchen sitzen, sondern man sollte merken, dass ich da bin und dass ich etwas mache. Diese Motivation ergab sich auch aus meiner Biografie. Muslimisch, migrantisch, Mädchen. Ich wollte etwas dagegen setzen. Ich wollte dieser Gesellschaft zeigen, dass man auch mit diesen drei „M“ etwas sein und etwas werden kann. Wie macht man also auf sich aufmerksam? Indem man mit seinem Namen in der Zeitung steht.

jobstarter.de: Beim KAUSA Medienpreis geht es um Bildungswege von Migrantinnen und Migranten. Wer oder was hat Ihren persönlichen Bildungsweg entscheidend geprägt?

Topçu: Es ist mir sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass man nicht da bleiben muss, wo man ist, sondern weiter kommen kann. Ich wurde zum Beispiel zunächst auf die Hauptschule geschickt. Meine Eltern haben auf die Entscheidung der Lehrer vertraut und sie respektiert. Ich bin also auf die Hauptschule gekommen. Dort bin ich auf eine Lehrerin gestoßen, die sagte: „Wer hat dich denn auf die Hauptschule geschickt? Du gehörst hier überhaupt nicht hin!“ Sie hat dann alles daran gesetzt, damit ich auf die Realschule komme. Von dort bin ich aufs Gymnasium. Wenn ich nicht diese Lehrerin, sondern jemand weniger Engagierten gehabt hätte, wäre meine Biografie mit Sicherheit anders verlaufen.

jobstarter.de: Was raten Sie jungen Migrantinnen und Migranten in Deutschland, damit diese ihren eigenen Bildungsweg erfolgreich gestalten können?

Topçu: Nicht die Gegebenheiten als Gegebenheiten hinnehmen. Sie sollten Mut haben, aber auch fleißig sein. Es wird einem nichts geschenkt. Ehrgeiz und Energie einsetzen, statt darauf zu warten, dass einem über Nacht Fähigkeiten zufliegen.

jobstarter.de: Danke für das Interview.

Zur Person:

Canan Topçu wurde 1965 in Bursa in der Türkei geboren. Sie ist Tochter türkischer Arbeitsmigranten und kam im Alter von acht Jahren nach Deutschland. Sie studierte Literaturwissenschaften und Geschichte in Hannover und volontierte anschließend bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Nach langjähriger Tätigkeit als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau arbeitet sie heute als freie Journalistin und Autorin. Seit 2004 ist sie außerdem an der Hochschule Darmstadt tätig.

Die Interviews führte Virginia Gerard.

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