Heiß begehrt: Fachkräfte von morgen

Gewusst, wie! Deutsche Fachkräfte sind top qualifiziert. Aber wie finden Betriebe und Jugendliche zusammen – angesichts der Herausforderungen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt? Interessante Fakten, Meinungen und Strategien zur Nachwuchsgewinnung.


Qualifizierte Fachkräfte sind Kopf, Herz und Hände des deutschen Mittelstands. Ein Großteil von ihnen wird dual ausgebildet: Sie lernen die Praxis im Betrieb, die Theorie in der Berufsschule. Jugendliche können aus rund 330 Berufen wählen, eine zwei- bis dreijährige Ausbildung absolvieren und so eine solide Grundlage für ihr Berufsleben schaffen.

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Etwa 8.000 Dachdeckerinnen und Dachdecker werden jährlich im dualen System ausgebildet.

Was wäre das Leben ohne Fachkräfte?

Das Frühstücksbrötchen zerfällt in der Hand zu Staub, Möbel krachen auseinander, Tapetenstreifen lösen sich von der Wand. Absätze brechen vom Schuh, die Kleidung zerfällt, Autos zerlegen sich scheppernd in ihre Einzelteile, Gebäude stürzen ein, die Stadt zerfällt … und wird zu einer Wüste. Die Menschen bleiben nackt, zerzaust und ratlos zurück – „Was wäre das Leben ohne das Handwerk“ fragt der Film der Handwerkskampagne plakativ und eindrucksvoll.

Und damit legt der Zentralverband des Deutschen Handwerks den Finger in die Wunde: Experten prognostizieren Deutschland einen Fachkräfteengpass. Viele Facharbeiterinnen und Facharbeiter – nicht nur aus dem Handwerk, sondern auch aus dem breiten Spektrum der IHK-Berufe – werden in den kommenden Jahren in Rente gehen, und das Land braucht qualifizierten Nachwuchs. Nach Prognose des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) fehlen bis 2030 eine Million Fachkräfte mit beruflicher Ausbildung.

Wer heute nicht ausbildet, hat morgen keine Facharbeiter. Doch viele Betriebe – vor allem die kleinen – finden keine passenden Auszubildenden: Nach den Ergebnissen des BIBB-Qualifizierungspanels 2013 konnten 40 Prozent der Betriebe ihre Ausbildungsstellen nur teilweise oder gar nicht besetzen. Blieben laut Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2009 noch 17.255 Ausbildungsstellen unbesetzt, so waren es 2014 bereits 37.101.

2009: 17255, 2014: 37101Bildzoom
Anstieg der unbesetzten Ausbildungsstellen seit 2009, Quelle: Bundesagentur für Arbeit

Es erscheint paradox: Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt, doch gleichzeitig finden viele Jugendliche keine Ausbildungsstelle. So blieben am Ende des Vermittlungszeitraums 2014 laut BA von rund 560.000 gemeldeten Bewerberinnen und Bewerbern fast 21.000 unversorgt. Das  entspricht etwa 3,6 Prozent. Was passiert da im deutschen Ausbildungsmarkt?

Wo sind die Azubis?! – Das Besetzungsproblem

Die Kultusministerkonferenz der Länder prognostiziert, dass 2025 im Vergleich zu 2014 etwa 120.000 Jugendliche weniger die allgemeinbildenden Schulen verlassen. Folglich wird es auch weniger Ausbildungsinteressierte geben. Hinzu kommt, dass immer mehr junge Menschen studieren wollen: 2007 kamen auf drei Azubis etwa zwei Studierende, 2013 gab es erstmals mehr Studien- als Ausbildungsanfänger.

Und so fehlen sie dem Mittelstand, die Azubis. Besonders kleinere Betriebe stehen ohne Lehrling da. Der Berufsbildungsbericht des BIBB nennt die Top-Ten der Engpassberufe – allen voran Restaurantfachleute, Fleischer/-innen und Klempner/‑innen.

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Berufe mit einem hohen Anteil an unbesetzten Ausbildungsplätzen am betrieblichen Gesamtangebot 2013, Quellen: Berufsbildungsbericht 2014 (S. 50) / Bundesagentur für Arbeit

Lieber Tierpfleger als Fleischer – Das Versorgungsproblem

Auf der anderen Seite ist es leider kein Selbstläufer, eine Ausbildung im Wunschberuf zu machen: Jugendliche wollen lieber Tierpfleger/-in werden als Fleischer/-in, verrät der Berufsbildungsbericht weiter. Doch fast jeder zweite Interessent an einer Ausbildung zum Tierpfleger konnte sich diesen Wunsch nicht erfüllen.

Platz 1-3: Tierpfleger, Gestalter für visuelles Marketing, Mediengestalter für Bild und TonBildzoom
Berufe mit einem hohen Anteil an erfolglosen Ausbildungsplatznachfragern 2013, Quellen: Berufsbildungsbericht 2014 (S. 50) / Bundesagentur für Arbeit

Wenn die Puzzleteile nicht passen – Das Passungsproblem

Auf der einen Seite finden also viele Betriebe keine Azubis, während eine Reihe junger Ausbildungsplatzbewerber noch auf der Straße steht – blieben 2014 rund 37.000 Ausbildungsplätze unbesetzt, standen demgegenüber 21.000 erfolglose Bewerberinnen und Bewerber.

Neben begehrten und weniger begehrten Berufen spielt auch das „Wo“ eine Rolle. Die meisten Azubis wollen während der Ausbildung weiterhin bei ihren Eltern wohnen oder müssen dies zumindest wegen des Geldbeutels tun. Doch wenn die drei in Frage kommenden Betriebe der nächstgelegenen Kleinstadt ihres Heimatortes keine Mediengestalter mehr brauchen – was dann? Umgekehrt finden Unternehmen in bestimmten Regionen schwieriger Auszubildende als in anderen:  Während laut BIBB-Qualifizierungspanel im Jahr 2013 ganze 66 Prozent der Betriebe der neuen Bundesländer eine oder mehrere Ausbildungsstellen nicht besetzen konnten, waren es in den alten Bundesländern „nur“ 35 Prozent der Betriebe – zwar auch schon viele, aber deutlich weniger.

Der BIBB-Berufsbildungsbericht 2014 hebt das Passungs- bzw. Matching-Problem – wenn also Besetzungsprobleme für Betriebe und Versorgungsprobleme für Jugendliche zusammentreffen – als zentrale Herausforderung für den Ausbildungsmarkt hervor.

Problemtypen: Unbesetzte Ausbildungsstellen versus unversorgte/erfolglose BerwerberBildzoom
Problemtypen auf dem Ausbildungsmarkt, Quelle: Bundesinstitut für Berufsbildung

Betriebe werden ausbildungsmüde

Findet ein Betrieb über mehrere Jahre keinen passenden Azubi und bleibt die Lehrstelle länger unbesetzt, sinkt auf Dauer die Bereitschaft, sich weiterhin in Sachen Ausbildung zu engagieren. Genau dies lässt sich bei immer mehr Betrieben beobachten: 2012 fiel die Quote der Ausbildungsbetriebe auf 21,3 Prozent – und somit auf den niedrigsten Stand seit 1999 (23,6 %). Vor allem Kleinstbetriebe bilden weniger aus.

Doch woran liegt es genau, dass Betriebe den passenden Auszubildenden nicht finden? Die DIHK‑Ausbildungsumfrage 2014 gibt hierüber Aufschluss: Mit 82 Prozent ist laut Aussage der befragten Betriebe die „mangelnde Ausbildungsreife“ der Jugendlichen das größte Problem. Die Jugendlichen sind aus Sicht der Betriebe noch nicht reif dafür, ihren Part im Unternehmen zu übernehmen. An zweiter Stelle nennen die Betriebe „unklare Berufsvorstellungen“ – die Berufsorientierung muss aus Sicht der Betriebe scheinbar bei vielen Jugendlichen, trotz Engagements der Schulen und öffentlicher Angebote, intensiviert werden.

Welche Gründe nennen die Jugendlichen selbst? Laut DGB-Ausbildungsreport 2014 mangelt es vor allem an der Ausbildungsqualität, die die Betriebe ihren Azubis bieten. Mehr als ein Drittel der befragten Jugendlichen hat zum Beispiel gar keinen Ausbildungsplan; mehr als jeder zehnte Auszubildende gab an, „immer“ oder „häufig“ ausbildungsfremde Tätigkeiten auszuüben und mit der Qualität der Ausbildung im Betrieb überhaupt nicht zufrieden zu sein. 14,5 Prozent der Azubis werden selten oder nie durch ihren Ausbilder betreut, über ein Drittel der Jugendlichen muss regelmäßig Überstunden machen – und 17,2 Prozent von ihnen ohne Freizeitausgleich oder Bezahlung.

Wie kann Deutschland der Herausforderung begegnen?

Freie Ausbildungsplätze auf der einen Seite, Jugendliche ohne Ausbildungsplatz auf der anderen – wer soll diese unpassenden Puzzleteile zusammenlegen? Die Betriebe? Die Schulen? Die Politik? Auf bundesweiter politischer Ebene besteht einer der zentralen Ansätze darin, die Ausbildung attraktiver zu machen, um mehr Jugendliche zu gewinnen. Auf Betriebsebene gibt es eine breite Palette an Möglichkeiten, auf die im Folgenden näher eingegangen wird. Zunächst zur Politik: In der 2015 startenden „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ haben sich alle wichtigen deutschen Akteure an einem Tisch versammelt, um die Herausforderung gemeinsam in Angriff zu nehmen.

Die Allianz für Aus- und Weiterbildung

In der „Allianz für Aus- und Weiterbildung“ (2015-2018) – der Nachfolgevereinbarung des „Pakts für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs“ – legen Wirtschaft, Gewerkschaften, Bundesregierung, Bundesagentur für Arbeit und Länder fest, dass sie die duale Berufsausbildung aufwerten und stärken wollen. Die Ziele: Mehr Jugendliche mit Schul- und dann Berufsabschluss, ein reibungsloser Übergang von der Schule in die Ausbildung, Lösung der Passungsprobleme, eine noch höhere Qualität der Ausbildung und lohnende Weiterbildungsmöglichkeiten.

Die „Attraktivität“ der dualen Ausbildung ist bei alldem ein zentrales Schlagwort: Um die Attraktivität und Qualität zu stärken, wollen die Allianzpartner Zusatzangebote wie z.B. Auslandsaufenthalte, Aus- und Weiterbildungen und duale Studiengänge ausbauen, um mehr leistungsstarke Schüler für die duale Ausbildung zu gewinnen. Auch die Berufsorientierung soll verbessert werden, außerdem mehr jungen Eltern die Ausbildung in Teilzeit ermöglicht und berufsschulische Angebote in zumutbarer Entfernung bereitgestellt werden. Darüber hinaus kündigen die Allianzpartner die Entwicklung eines Beschwerdemanagement an, um Jugendliche zu unterstützen, wenn es Probleme mit der Ausbildungsqualität gibt, zudem soll die Zahl der Ausbildungsabbrüche verringert und die Mobilität der Azubis über regionale und Ländergrenzen hinweg gefördert werden.

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Unterzeichnung des Allianzpapiers: Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka, DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, KMK-Präsidentin Sylvia Löhrmann, DIHK-Präsident Dr. Eric Schweitzer, BA-Vorstandsvorsitzender Dr. Frank-J. Weise (v.l.n.r.)

JOBSTARTER – Für die Zukunft ausbilden

Das Ausbildungsstrukturprogramm „JOBSTARTER – für die Zukunft ausbilden“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) wirkt mit darauf hin, die Ziele der Allianz – wie auch die des vorhergehenden Pakts – zu unterstützen. Unter dem Dreiklang „Betriebe unterstützen, Ausbildung gestalten, Fachkräfte gewinnen“ bietet JOBSTARTER insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen eine breite Palette an Innovationen, Serviceinformationen und Dienstleistungen.

Der Einsatzbereich des Programms erstreckt sich von der Ausbildung in Teilzeit über die betriebliche Ausbildungsvorbereitung und das Externe Ausbildungsmanagement bis hin zu Zusatzqualifikationen. Der JOBSTARTER-Programmbereich KAUSA (Koordinierungsstelle Ausbildung und Migration) will Jugendliche und Unternehmer mit Migrationshintergrund für die duale Ausbildung gewinnen.

Was können Betriebe tun?

Die Spitzen des deutschen Wirtschaftsgeschehens haben sich zusammengesetzt und beschlossen, was „von oben aus“ getan wird. Zusätzlich kann jeder einzelne Akteur seinen Beitrag leisten. Im Expertenmonitor Berufliche Bildung des BIBB attestieren die Befragten vor allem jenen Ansätzen eine hohe Wirksamkeit, die direkt von den Betrieben beeinflusst werden können. Es lohnt also ein Blick darauf, wie Betriebe ihre Auszubildenden für sich gewinnen. Auch hier geht es um Attraktivität, nämlich die Attraktivität als Arbeitgeber. Mit einem gelungenen Ausbildungsmarketing und interessanten Angeboten für potenzielle Azubis kann ein Betrieb seine Azubi-Akquise wirkungsvoll vorantreiben.