Migration als Chance

„Wie gelingt die Integration in die berufliche Ausbildung?“ – Kornelia Haugg vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erklärt, mit welchen Maßnahmen ihr Haus Jugendliche mit Migrationshintergrund und junge Geflüchtete in Ausbildung bringt.

Ältere Frau lächelt sehr herzlich in die Kamera. In den Händen hält sie einen gläsernen Pokal.

„Ich freue mich, dass wir bis Juli dieses Jahres fast 30 Servicestellen etablieren konnten“, sagt Kornelia Haugg.

JOBSTARTER / Raum11, Fotograf: Sebastian Laraia

jobstarter.de: Sehr geehrte Frau Haugg, Sie sind Leiterin der Abteilung „Berufliche Bildung und lebenslanges Lernen“ im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und leiten den Koordinierungsstab Flüchtlinge. „Bildung ist der Schlüssel zur Integration“ – das ist der Leitsatz der Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Johanna Wanka. Welche Rolle spielt die duale Berufsausbildung in diesem Kontext?

Kornelia Haugg: Die Ausbildung im Betrieb hat eine lange Tradition in Deutschland. Die Nachfrage ist groß und vielfältig; mehr als 300 Berufe stehen zur Auswahl. Das duale System eröffnet jedes Jahr weit über 500.000 jungen Menschen den Einstieg in eine qualifizierte Tätigkeit. Deswegen sagen wir: „Bildung ist der Schlüssel“, Schlüssel zu sozialer Teilhabe, beruflichem Erfolg und persönlicher Entfaltung. Dies trifft auch für die vielen Menschen zu, die erst seit Kurzem bei uns leben. Die duale Berufsausbildung ist für sehr viele von ihnen eine konkrete Chance, Integration erfolgreich zu meistern. Das möchte das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützen.

„Für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund ist die duale Ausbildung weniger bekannt als eine vollzeitschulische Ausbildung oder ein Studium.“

Kornelia Haugg, BMBF

jobstarter.de: Für Jugendliche mit Migrationshintergrund ist der Einstieg in eine Ausbildung noch immer eine große Herausforderung. Welche Maßnahmen hat das BMBF auf den Weg gebracht, um den Jugendlichen den Einstieg zu erleichtern?

Kornelia Haugg: Wir wissen, dass der Einstieg in die Berufsausbildung mit einer Reihe von Hürden verbunden ist. Für viele junge Menschen mit Migrationshintergrund ist die duale Ausbildung weniger bekannt als eine vollzeitschulische Ausbildung oder ein Studium.

Häufig sind es auch die Eltern, die selbst keine Erfahrung mit einer beruflichen Ausbildung gemacht haben und den Jugendlichen keine Orientierung im deutschen System bieten können. In den Ländern, aus denen Flüchtlinge zu uns gekommen sind, gibt es kein vergleichbares Berufsbildungssystem. Berufliche Kompetenzen haben in den Heimatländern zudem meist nur eine geringe soziale Anerkennung. Wir sind also an vielen Stellen gefordert.

Zusammen mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales, der Bundesagentur für Arbeit und gemeinsam mit den Ländern fördern wir die Initiative „Bildungsketten“. Ziel ist es, im Bereich des Übergangs in Beruf oder Studium, den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, wo ihre Stärken liegen. Die Jugendlichen lernen zudem sehr praktisch verschiedene Berufe kennen. Hier richten wir uns auch an die Eltern, die durch bessere Information zu einer noch besseren Stütze bei der Berufswahl werden können.

Wenn besondere Bedarfe bestehen, helfen Berufseinstiegsbegleiter vor, während und nach dem Schulabschluss auf dem Weg in die Lehre. Bis 2020 sind 115.000 individuelle Begleitungen vorgesehen. Schließlich wenden wir uns mit dem Programm KAUSA spezifisch an die Unternehmen und möchten sie dafür gewinnen, Jugendlichen mit Migrationshintergrund die Chance zu geben, die sie verdient haben.

„Mit der Initiative Wege in Ausbildung für Flüchtlinge wollen wir in den nächsten zwei Jahren bis zu 10.000 jugendlichen Flüchtlingen eine Ausbildung im Handwerk ermöglichen.“

Kornelia Haugg, BMBF

jobstarter.de: Im vergangenen Jahr sind über eine Million Geflüchtete nach Deutschland gekommen. Jeder Zweite ist unter 25 Jahre alt. Welche Angebote kommen infrage, um insbesondere die jungen Geflüchteten davon zu überzeugen, eine duale Ausbildung zu beginnen?

Kornelia Haugg: Die jungen Geflüchteten beschäftigen uns natürlich sehr. Neben der Frage einer Ausbildung hat der Spracherwerb oberste Dringlichkeit. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse können die Jugendlichen in der Ausbildung nicht erfolgreich sein. Schulpflichtige junge Geflüchtete profitieren von allen Maßnahmen im Rahmen der Initiative „Bildungsketten“, wie alle anderen Jugendlichen auch. Für nicht mehr schulpflichtige Jugendliche haben wir gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Zentralverband des Deutschen Handwerks die Initiative „Wege in Ausbildung für Flüchtlinge“ gestartet. Damit wollen wir in den nächsten zwei Jahren bis zu 10.000 jugendlichen Flüchtlingen eine Ausbildung im Handwerk ermöglichen.

jobstarter.de: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung ist Partner in der Allianz für Aus- und Weiterbildung, die sich ebenfalls dazu verpflichtet hat, die Ausbildungsbeteiligung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu steigern. Welche Erfolge kann die Allianz nach zwei Jahren Laufzeit vorzeigen?

Kornelia Haugg: Die Allianz für Aus- und Weiterbildung wurde im Dezember 2014 zwischen dem Bund, der Bundesagentur für Arbeit, den Ländern, der Wirtschaft und den Gewerkschaften vereinbart. Ein zentrales Ziel der Allianz ist es, Jugendliche mit Migrationshintergrund in die betriebliche Ausbildung zu integrieren. Jedem ausbildungsinteressierten jungen Menschen wollen die Allianzpartner einen „Pfad“ aufzeigen, der ihn frühestmöglich zum Berufsabschluss führen kann. Dazu gehören verbesserte Regelangebote im Übergang von der Schule in Ausbildung. Mit ihrer Erklärung „Gemeinsam für Perspektiven von Flüchtlingen“ vom September 2015 hat die Allianz zudem frühzeitig auf die Zuwanderung schutzsuchender, junger Menschen nach Deutschland reagiert.

„Zusätzlich werden künftig auch Geduldete und deren Aus­bildungs­­betriebe die Sicherheit haben, dass Auszubildende während und im unmittel­baren Anschluss an die erfolgreich absolvierte Ausbildung bei einem nach­folgenden Beschäftigungsverhältnis in Deutschland bleiben dürfen.“

Kornelia Haugg, BMBF

Ich sehe einen großen Erfolg darin, dass zentrale Anliegen der Allianzpartner in das neue Integrationsgesetz eingebracht werden konnten: Zusätzlich zu Asylbewerbern mit guter Bleibeperspektive werden künftig auch Geduldete und deren Aus­bildungs­­betriebe die Sicherheit haben, dass Auszubildende während und im unmittel­baren Anschluss an die erfolgreich absolvierte Ausbildung bei einem nach­folgenden Beschäftigungsverhältnis in Deutschland bleiben dürfen (sog. 3+2-Rege­lung). Zudem wird es in Zukunft keine Altersgrenze mehr geben, bis zu der eine qualifizierte Ausbildung aufgenommen worden sein muss. Darüber hinaus haben mit dem Integrationsgesetz vor allem Asylbewerber mit guter Bleibeperspektive und Geduldete einen früheren Zugang zu bestimmten Leistungen der Ausbildungsförderung wie der Assistierten Ausbildung oder den ausbildungs­begleiten­den Hilfen.  

jobstarter.de: Die Migrantenökonomie ist mit über 700.000 Selbstständigen ein wichtiger Teil der deutschen Wirtschaft. Das Ziel von JOBSTARTER KAUSA ist auch die Einbindung von Unternehmerinnen und Unternehmer mit Migrationshintergrund in die berufliche Ausbildung. Wie tragen die KAUSA Servicestellen dazu bei, diese KMU anzusprechen?

Kornelia Haugg: Vor allem kleine und mittlere Unternehmen aus der Migrantenökonomie sind offen, Ausbildungsplätze anzubieten. Allerdings sind Inhaber und Personalentscheider oft unsicher, welche Verantwortung sich hinter der Ausbildung verbirgt. Die Servicestellten sprechen Unternehmen direkt an, klären auf und verweisen in enger Abstimmung, z.B. mit den Kammern, auf Angebote vor Ort. Dabei ist die Arbeitsmarktsituation an den Standorten der KAUSA Servicestellen sehr unterschiedlich. Ich freue mich, dass wir bis Juli dieses Jahres fast 30 Servicestellen etablieren konnten und bis zum Ende des Jahres in allen Bundesländern vertreten sein werden.

veröffentlicht: Juli 2016