Mit Expertise und Vernetzung: Zusatzqualifikationen entwickeln

Wie entsteht eine neue Zusatzqualifikation? Martin Händeler gibt Einblicke in das JOBSTARTER-Projekt, in dem unter anderem die Zusatzqualifikation „Assistent/in für Energie und Ressourcen (HWK)“ entwickelt wurde.

Die Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt ändern sich ständig. Mit den wirtschaftlichen Entwicklungen Schritt halten können nur solche Betriebe, die sich auf die gestiegenen Qualifikationsanforderungen einstellen – und die entsprechenden Experten im Boot haben. Deshalb sind Zusatzqualifikationen ein großer Mehrwert für Unternehmen und auch für Auszubildende.

Zusatzqualifikationen können bereits während der beruflichen Ausbildung erworben werden. Die Azubis steigern damit ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Gleichzeitig profitiert das Unternehmen von einem umfangreicher qualifizierten Auszubildenden.

Bevor jedoch eine Zusatzqualifikation angeboten werden kann, müssen bei ihrer Entwicklung verschiedene Aspekte berücksichtig werden: So müssen alle Partner gut zusammenspielen. Darunter zählen zum Beispiel Vertreterinnen und Vertreter der Betriebe, der Berufsschulen, Kammern, Bildungsträger oder Kommunen.

Dann müssen Unterrichtsmaterial, Lehr- und Prüfungspläne entwickelt und abgestimmt werden. Die Frage der Finanzierung ist ebenfalls sehr zentral. Nicht zuletzt sind natürlich die Veröffentlichung und Anerkennung des entwickelten Angebots relevant. Am Ende soll eine Zusatzqualifikation stehen, die von Betrieben und den Auszubildenden oder den bereits ausgebildeten Fachkräften angenommen wird und sich langfristig bewährt.

Martin Händeler hat das JOBSTARTER-Projekt geleitet, in dem die Zusatzqualifikation „Assistent/in für Energie und Ressourcen (HWK)“, entwickelt wurde. In einem Gespräch hat er die Erfahrungen aus dem Projekt mit uns geteilt. Lesen Sie im Folgenden seine Statements zu den folgenden Themen.

Expertise

„Wir haben dann immer Entwicklerworkshops gemacht mit den Berufsschullehrern und mit den Spezialisten aus den Umweltzentren und haben in diesen Workshops erst mal abgesteckt, was ins Curriculum rein muss – was soll so ein Energieassistent überhaupt können. Wir wollten da schon Experten mit im Boot haben, die uns das dann auch so vermitteln können, dass es dann auch abklopfsicher vorliegt im Curriculum.“

Teilnehmerakquise

„Die Akquise der Jugendlichen sollte mindestens ein halbes Jahr vorher beginnen und auch sehr intensiv betrieben werden. Was auch sehr hilfreich ist: Die Eltern miteinzubinden, die Eltern einzuladen. Wir haben auch die Akquise so gemacht, dass wir gleichzeitig die Betriebe angesprochen haben, zusätzlich noch die Kammern und die Kreishandwerkerschaften angesprochen haben, dass sie doch Jugendliche in diese Qualifizierung schicken sollen.“

Teilnahmekosten

„Mit der Finanzierung ist es so, dass die Qualifizierung  ja bei den Berufsschulen stattfindet und wir natürlich dadurch den Gewinn haben, dass die Qualifizierung die Jugendlichen nichts kostet. Für die Jugendlichen kommen nur die Kosten dazu für die Abschlussprüfung. Die richtet sich immer nach der jeweiligen Handwerkskammer – aber dafür bekommen die Jugendlichen ja einen HWK-Abschluss und dafür entstehen Prüfungskosten. Aber der Lehrgang selbst über die zwei Jahre ist für die Jugendlichen umsonst.“

Finanzierung der Lehrkräfte

„Die Lehrer sind ja Beamte – die sind ja eh schon bezahlt. Das ist ein Aspekt, der vielleicht für neue Lehrgangsanbieter in NRW zumindest ganz interessant ist – dass die Schulleiter die Möglichkeit haben, wenn sie Qualifizierungen anbieten, die eine Dauer von 240 Stunden umfassen, dass sie dann zusätzliche Lehrerstellen vom Schulministerium bekommen können. Sie müssen halt immer diesen Aspekt haben, dass sie zusätzliche Lehrgänge anbieten, die eine bestimmte Stundenzahl umfassen. Das sind in NRW mindestens 240 Stunden. Und dadurch haben sie die Option, zusätzliche Lehrerstellenanteile zu bekommen.“

Der Unterricht

„Den Schulen war es freigestellt, an welchen Tagen sie unterrichten. Die haben das quasi mit den Teilnehmern abgestimmt. Die Jugendlichen wurden da zum Beispiel gefragt, ob sie sich das vorstellen können, im Blockunterricht oder zum Beispiel samstags zu kommen. Wobei wir dann gemerkt haben, das kam jetzt bei den Jugendlichen nicht ganz so gut an – die sind ja auch dann schon mal öfter freitagabends unterwegs … Und das ist dann eigentlich immer so gelaufen, dass es dann montags, dienstags oder mittwochs am Anfang der Woche lief – an einem Abend drei Stunden.“

Öffentlichkeitsarbeit

„Wir haben ja ein recht gutes Netzwerk. Wir sind ja ein Verein zur Förderung der Gewerbearbeit bei den Handwerkskammern. Das sind in NRW sieben. Und die ganzen Berufsfachverbände sind Mitglieder der LGH. Und wir informieren regelmäßig – sowohl in unserer Arbeitsbilanz als auch in Pressemitteilungen oder in Newslettern – immer wieder über den Stand der Qualifizierung, welche neuen Schulen hinzukommen und welche Themen da behandelt werden. Mit den Qualifizierungen sind wir natürlich bemüht – wir haben ja unseren Internetauftritt unter www.energie-assistenten.de, wo wir auch darüber informieren, wie der aktuelle Stand ist. Da hat man auch die Möglichkeit, sich die verschiedenen Sachen und Informationsblätter herunterzuladen. Dann sind wir natürlich bei den Portalen vertreten, wie zum Beispiel AusbildungPlus beim BIBB.“

Herausforderungen

„Wir haben ja eine recht umfassende Qualifizierung. Also die Jugendlichen gehen ja nochmal 240 Stunden in die Schule und in der Projektlaufzeit schien es recht kompliziert zu sein, die Jugendlichen am Ball zu halten über die gesamte Laufzeit von zwei Jahren. Also wenn man sich mal so vorstellt, die Jugendlichen sind 17, 18 Jahre und da hat man ja viele andere Sachen noch im Kopf. Man ist ja gerade so vielleicht selbst noch auf der Suche nach einem eigenen Lebensentwurf. Da waren immer wieder die Probleme, dass Jugendliche abgesprungen sind, nicht mehr gekommen sind, nicht motiviert waren, da über zwei Jahre jeden Montagabend aufzulaufen und zusätzlichen Unterricht zu nehmen. Dann haben wir auch die Jugendlichen, die schon dann acht Stunden im Betrieb waren, vielleicht auf der Baustelle recht schwer mit anpacken mussten – und die mussten dann auch immer wieder motiviert werden, da abends noch mal aufzutauchen. Andererseits haben wir natürlich auch dann die Betriebe gehabt, wo dann der Chef gesagt hat: Was Du zusätzlich in Deiner Freizeit machst, das ist mir egal, wir haben jetzt hier gerade große Aufträge und du bleibst jetzt erst mal hier auf der Baustelle … So zwischen Oktober und Dezember lief dann das Problem bei den Sanitär-Heiz- und Klimaleuten an. Da kamen dauernd Aufträge – die Heizung checken, die Heizungen laufen nicht, und da sind die dann sehr eingespannt. Da war‘s dann oft schwierig, die Jugendlichen dann noch abends zu motivieren oder den Chef dazu zu bewegen, den Jugendlichen auf jeden Fall in die Schule gehen zu lassen und nicht noch auf der Baustelle zu bleiben.“

Materialserver

„Wir haben einen Materialserver bereitgestellt, auf dem wir Lernsituationen, das Curriculum und die Fortbildungsprüfungsordnung, Rahmenlehrpläne und solche Sachen hinterlegt haben. Und sowohl alle Schulen, die den Lehrgang schon durchgeführt haben, als auch alle neuen Schulen, die dazukommen, erhalten einen Zugang zu diesem Lernserver, wo sie sich anschauen können und auch untereinander austauschen können über verschiedene Unterrichtsthemen, die sie unterrichten wollen, über verschiedene Methoden. Da stehen auch einige beispielhafte Prüfungsfragen, die halt später dann auch vor der mündlichen Prüfung bei der Handwerkskammer abgefragt werden. Und das ist für die Lehrer ganz hilfreich, sich vorab mal mit Kollegen auszutauschen, zu sehen: Was unterrichten die denn? Welche Lernsituationen liegen schon vor? Wie kann ich das Thema noch konkreter im Unterricht unterbringen?“

Transfer

„Wir haben da sehr viele Anfragen gehabt – gerade jetzt auch zu dem Curriculum – wo ich mit vielen Handwerkskammern telefoniert habe, die interessiert waren, sich das Curriculum haben zuschicken lassen und sich auch von uns ein bisschen über unsere Erfahrungen haben berichten lassen. Wir haben schon vier von sieben Kammern in NRW gewonnen, das umzusetzen. Die Kammern werden dann auch langfristig die Prüfungsordnung übernehmen oder mit kleinen Abänderungen. Wir sind natürlich daran interessiert, dass auch andere Schulen oder andere Bundesländer das gerne übernehmen.“

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veröffentlicht: März 2014